Ulrichskapelle Standorf - Rutengänger Kurt Wagner glaubt, dass von dem Kirchlein aus unterirdische Gänge zu keltischen Orten in der Umgebung führen Indizien reichen für Grabung nicht aus

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Inge Braune
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Auf der topographischen Karte hat Kurt Wagner genau die Wege nachgezeichnet, über die ihn die Wünschelrute führte. Der Standorfer ist fest davon überzeugt, dass sich hier unterirdische Gänge aus der Keltenzeit finden lassen.

© Inge Braune

Führen von der Standorfer Ulrichskapelle aus unteridische Gänge zu keltischen Orten in der Umgebung? Diese Theorie zumindest hegt Rutengänger Kurt Wagner.

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Standorf. Es dürfte schwer fallen, jemanden zu finden, der sich länger und intensiver mit der Ulrichskapelle beschäftigt hat als Kurt Wagner. Von Kindesbeinen auf ist er vertraut mit der Achteckkapelle über Standorf - kein Wunder, ist er doch ein Standorfer Urgewächs.

Bis auf Michael Gehringer, seinen Ururururururgroßvater - sechs "Ur"-s, das müsste stimmen - kann er die Standorfer Vorfahrenkette zurückverfolgen. Der wurde hier schon beigesetzt, als der Friedhof noch gar nicht richtig offiziell war.

Mit dem Friedhof und dem Kirchlein, das als dritte Kapelle im Bund der Achteck-Kapellen steht - eine, die Sigismundkapelle, befindet sich in Oberwittighausen ebenfalls überm Ort, die Achatiuskapelle in Grünsfeld-Hausen liegt in einer Senke in der Ortsmitte - verbindet ihn mehr als nur Heimatstolz.

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In weit über 1000 Führungen hat er Besuchern die Besonderheiten des Kirchleins gezeigt, bis er ab 2008 für einige Jahre vom Kirchenführerdienst suspendiert wurde, weil er sich esoterischen Bemühungen von Gästen nicht energisch genug widersetzt habe (wir berichteten). Inzwischen dürfe er wieder seines Amtes walten. Der Quelle unterhalb der Kapelle verdanke er, den von Kind auf immer wieder rheumatische Fieber plagten, Gesundheit. Zwar weist ein Schild am Brunnentürchen deutlich darauf hin, dass es kein Trinkwasser ist, was dort sprudelt, doch Wagner lässt sich dadurch nicht schrecken. Und ist man mit ihm unterwegs in Wald und Flur rund ums Kapellchen, wo der über 80-Jährige enorm flink und geländegängig durchs Gebüsch kraucht, ist man geneigt zu glauben, dass zumindest ihm das Wasser wohl nicht schadet.

Sehr geschätzt wurde in seiner Heimatgemeinde immer das Engagement, mit dem sich Kurt Wagner der Ulrichskapelle annahm. Ob es drum ging, nach Stürmen kaputte Ziegel zu ersetzen, ob Nachputzarbeiten anstanden oder Siebenschäfer, die es sich an der Orgel gemütlich gemacht hatten, einzufangen waren: Auf Wagner war Verlass - natürlich auch, wenn kurzfristig Führungen gewünscht waren. Immer wieder konnte er, unter anderem aus dem Erlös von mit Kapellenmotiven bemalten Dachziegeln, dem Kirchlein Spenden zukommen lassen.

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Längst nicht von allen geteilt geschätzt oder gar geteilt wurde allerdings Wagners Vermutung, dass das Kirchlein auf einem Platz steht, an dem dereinst auch ein keltisches Heiligtum gestanden haben könnte, zumal es oft Rutengänger und Pendler waren, die ihm in diesem Punkt Recht gaben. Vor ein paar Jahren probierte er zunächst im eigenen Garten selbst mal aus, was dran sei am Rutengehen. Ganz von der Hand zu weisen sei es nicht, dass sich Wasseradern, unterirdische Verdichtungen und wohl auch Hohlräume mit dem eigenwilligen Werkzeug, dem die Wissenschaft bis heute die Aussagefähigkeit abspricht, entdecken lassen, befand er.

Verwerfungen aufgespürt

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Da Wagner weiß, wie sensibel Kirchenvertreter auf das als esoterisch geltende Instrumentarium reagieren, hütet er sich, die Rute im Kirchen- und Kirchhofareal einzusetzen. Außerhalb des umfriedeten Bereichs aber ist er immer mal wieder mit der Rute unterwegs, um herauszufinden, ob er nicht doch einen Beweis finden kann für seine Theorie früherer keltischer Nutzung.

So hat er, unterstützt unter anderem durch einen Riedbacher Rutengänger, interessante Verwerfungen ausfindig gemacht. Es müssten Gänge sein - und zwar gar nicht so kleine. Fast schnurgerade nach Süden führe von der Friedhofsmauer aus ein solcher, annähernd zwei Meter breiter, bis zu 2,20 Meter hoher Gang, der wohl in eine alte keltische Schanzanlage gemündet habe. "Ein weiterer Gang", so glaubt Wagner, "führt von der Kapelle Richtung Osten bis nach Burgstall zum Keltischen Oppidum, und in diesen Gang mündet nach zwei Kilometern ein weiterer Gang, der zur keltischen Viereckschanze nach Wermutshausen führt." Wagner berichtet, dass er die insgesamt rund neun Kilometer lange Strecke anhand des Ausschlags der Rute komplett verfolgt habe.

Das sei doch wohl interessant genug, um einmal nachzugraben oder zu sondieren, findet er. Im Creglinger Rathaus ist er deshalb schon vorstellig geworden, und auch bei der unteren Denkmalbehörde hat er ebenfalls nachgefragt: Graben und sondieren sind strengstens verboten.

Das fuchst ihn, denn nur zu gern würde er es noch erleben, dass sich seine Theorie bestätigt. Ohne weitere Indizien dürfte sich amtlicherseits wohl kaum jemand stark machen für eine Bodenuntersuchung.

Doch zumindest ein zusätzliches Indiz scheint es zu geben: Genau auf einen der von Wagner mit dem Pendel entdeckten unterirdischen Gänge könnte vor Jahren der Totengräber gestoßen sein, der beim Versuch, ein Grab auszuheben, zunächst auf eine extrem harte Steinschicht stieß. Ein langer Riss offenbarte einen darunter liegenden Hohlraum. Mit einem Meterstab stocherte der Mann im Riss herum und staunte nicht schlecht, als er dabei auf eine rund einen Meter tiefe und dem Vernehmen nach recht breite Höhlung stieß. Einige Fotos belegen den seltsamen Riss.

Jetzt hofft Wagner auf Mitstreiter, die Möglichkeiten finden, zumindest einen Teil des Geländes eventuell mit Bodenradar-Technologien zu untersuchen, denn spätestens dann, so seine Hoffnung, müsse sich das Denkmalamt doch der Angelegenheit annehmen und eine archäologische Überprüfung einleiten.

Einstweilen aber bleiben die von Wagner radiästhetisch entdeckten Gänge, die überwiegend bis zu drei Meter unter der Oberfläche zu finden sein könnten, bloß eine geheimnisvolle Geschichte rund um die idyllisch gelegene Ulrichskapelle.

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