Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge - Vier 17-Jährige berichten von ihrer Flucht aus Syrien und ihren Hoffnungen für die Zukunft In Wien zum ersten Mal Freiheit gespürt

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Heike v. Brandenstein
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17 Jahre alt sind diese Jugendlichen aus Syrien, die seit September im Main-Tauber-Kreis sind. Sie leben in einer Wohngruppe der Jugendhilfe Creglingen.

© Heike v. Brandenstein

Creglingen. "Laufen, laufen, laufen", beschreibt Orwa Aladdin seine Flucht. Zu viert sind er und drei weitere Jugendliche in ihr Wunschland Deutschland gekommen.

Zum Hintergrund: Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

  • Im Main-Tauber-Kreis sind derzeit 58 unbegleitete minderjährige Ausländer (Uma), in der Regel jugendliche Flüchtlinge, untergebracht.
  • Von ihnen sind 50 in Inobhutnahmestellen und Wohngruppen untergebracht. Einige selbstständigere Jugendliche leben bereits im betreuten Jugendwohnen.
  • Außerdem leben acht unbegleitetein Minderjährige in Gastfamilien.
  • Die Kosten für die Unterbringung in Inobhutnahmestellen oder Wohngruppen liegen durch einen gestaffelten Tagessatz zwischen 245 Euro zu Beginn und 185 Euro nach 14 Tagen. Dieser Satz reduziert sich sich nach drei Monaten auf den regulären Tagessatz von derzeit 146 Euro.
  • Für die Unterbringung in Gastfamilien beträgt das monatliche Pflegegeld 1250 Euro.
  • Laut Sozialdezernentin Elisabeth Krug rechnet der Kreis aufgrund der bundes- und landesweit geregelten Verteilung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen mit 60 bis 80 Jugendlichen, die zeitnah in den Kreis kommen werden.
  • Das Jugendamt wirbt um Gastfamilien, die jugendliche Flüchtlinge auf Zeit aufnehmen.
  • Ansprechpartnerin beim Jugendamt des Main-Tauber-Kreises ist Sonja Schattmann, Telefon 09341/825461, E-Mail: sonja.schattmann@main-tauber-kreis.de

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Alle vier sind 17, alle vier kommen ursprünglich aus Syrien. Mohameds Zuhause ist eigentlich Aleppo. Doch wegen des Kriegs, der nicht enden wollenden Bombardierungen der "Hauptstadt der Islamischen Kultur", musste er fliehen. "Es gab kein Wasser und keinen Strom mehr", erzählt er. Zur Schule konnte er nicht, weil die von Bomben zerstört war.

Zwei Jahre weilte er zunächst in einem Lager im Libanon. "Dort war es nicht schön", blickt er zurück. "Viele Menschen aus ganz verschiedenen Kriegsländern mussten in riesigen Camps zusammenleben. Zwischen den Gruppen gab es Auseinandersetzungen." Mohameds nächste Station war die Türkei. Ein Jahr lebte und arbeitete der Jugendliche in Istanbul. Kinder, so berichtet er, mussten täglich zwölf Stunden schwere Arbeit verrichten, um Geld zum Leben zu verdienen.

Flucht als Zukunftschance

Ahmed kommt ebenfalls aus Aleppo. Sein Vater ist seit fünf Jahren verschwunden. Ob er noch lebt, weiß der junge Mann nicht. Auch seine Mutter war eine Zeit lang weg. Sie wurde gekidnappt, ist jetzt krank. Ahmed sollte versuchen, etwas Besseres aus seinem Leben zu machen, so der Familienbeschluss. Deshalb floh er, die Mutter und zwei Schwestern blieben zurück. Nach fünf Monaten in der Türkei, wo er sich mit Näharbeiten durchschlug, beschloss er, sich gen Europa aufzumachen.

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Orwa stammt aus der syrischen Hauptstadt Damaskus. Er besuchte das Gymnasium, wollte sein Abitur machen. "Wegen des Kriegs ist es schwierig, sich auf das Lernen zu konzentrieren", beschreibt er die dortige Situation. Außerdem hatte er Angst, zum Militär eingezogen zu werden. Orwa machte sich Gedanken über seine Zukunft. In Syrien sah er sie nicht. Also floh er in die Türkei, hoffte dort seinen Schulabschluss machen zu können. Doch die einzige Möglichkeit, die ihm offeriert wurde, war eine islamische Schule. Theologie aber war nie sein Berufswunsch. Vielmehr wollte Orwa Architektur studieren.

Der vierte junge Mann stammt aus Latakia, der einzigen großen syrischen Hafenstadt am Mittelmeer. Das Haus der Familie war komplett zerstört worden. "Wir haben alles verloren", erzählt er. Ein Jahr war der Gymnasiast der elften Klasse in der Türkei. Dann beschloss er, gemeinsam mit sechs anderen jungen Männern nach Europa zu fliehen. Zehn Tage brauchten sie. "Für uns war es leicht, wir sind jung", meint er rückblickend mit einer gewissen Lässigkeit.

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Die anderen drei haben die Flucht alles andere als einfach erlebt. Sie schlugen sich auf der Balkanroute durch, waren per pedes, Bus, Zug und Boot unterwegs. Für Orwa und Mohamed, die sich gemeinsam auf den Weg gemacht hatten, war Griechenland der Horror. Das Boot setzte sie auf einer Insel ab, auf der sie mit Warnschüssen empfangen wurden. Das Eiland entpuppte sich als griechische Militärbasis. Vier Tage wurden sie dort festgehalten, erhielten kein Essen, lediglich Wasser. "Ich habe Blätter von den Bäumen gegessen, weil ich so einen Hunger hatte", schildert Ahmed die dramatische Situation.

Hilfe nur gegen Geld

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Dann wurden sie auf eine andere Insel gebracht, von dort aufs griechische Festland. Weiter führte die Route über Mazedonien Richtung Westen. An Serbien haben sie keine gute Erinnerung. "Dort war es nicht die Polizei, die so schlimm war, sondern die Mafia", berichtet Orwa. Für alles wurde Geld verlangt. Ohne Bezahlung habe es keinerlei Hilfe gegeben.

Für Mohamed, der ebenfalls über den Balkan kam, war Ungarn die schlimmste Station. Weil er das Land illegal betreten hatte, wurde er von Polizisten geschlagen und vier Tage ohne Essen im Gefängnis festgehalten. "Sie haben mich geschlagen, bis sie meinen Fingerabdruck hatten", erzählt er. "Ich dachte, ich wäre in Syrien. 15 Leute waren in einer Zelle und ich habe gesehen, dass diejenigen, die sich weigerten, sich registrieren zu lassen, mit Elektroschocks unter Druck gesetzt wurden", beschreibt er die Situation.

Im September kamen die jungen Männer im Zuge der Kanzlerinnenoffensive nach Deutschland. "Das schönste Gefühl hatte ich bei der Ankunft in München, als ich das Schild 'Welcome in Germany' las", erinnert sich Orwa. Doch bereits in Wien habe er das Licht der Freiheit gesehen. Die Österreicher seien den Flüchtlingen freundlich und hilfsbereit begegnet.

Die vier jungen Männer, die im Amtsdeutsch als "unbegleitete minderjährige Flüchtlinge oder Ausländer" bezeichnet werden, gehörten zu den Ersten, die von München per Bus in die Unterkunft nach Wertheim kamen. Im Gewirr der ersten Zeit dauerte es einige Tage, bis den Verantwortlichen bewusst wurde, dass es sich bei den jungen Syrern um Minderjährige handelt.

Seit dem 20. Oktober werden sie von der Jugendhilfe Creglingen betreut. Gemeinsam wohnen sie in einer Wohngruppe, werden von Sozialpädagogen betreut. An der Bad Mergentheimer Schule für Erziehung, Pflege und Ernährung besuchen sie die Vorbereitungsklasse. Alle lernen fleißig Deutsch und machen gute Fortschritte. Sie sind dankbar für die Chance, die ihnen geboten wird. Fragt man sie nach der Zukunft, fällt ein Satz sofort: "Wir bleiben." Orwa, dessen Traumberuf nach wie vor Architekt ist, weiß nicht recht, ob sich das in Deutschland realisieren lässt. Ahmed möchte gern Maurer werden, der junge Mann aus Latakia auf jeden Fall studieren. Was, weiß er noch nicht. Mohamed hat ein etwas außergewöhnliches Ziel für jemanden, der aus einem Kriegsgebiet kommt. Er will zur Bundeswehr, wenn er einen deutschen Pass hat. Als Bekenntnis zur neuen Heimat.