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Geschichte - Gottlob-Haag-Ehrenringträger Thilo Pohle stellte Buch in Brettheim vor

Begegnung verändert die Herzen

Von 
Lothar Schwandt
Lesedauer: 
Marion Tresz, Kerstin Schmidt und Thilo Pohle bei der Buchvorstellung in Brettheim. © Lothar Schwandt

Brettheim. Wenn ein Lehrer seine berufliche Tätigkeit nach 40 Jahren beendet, hat er eine bemerkenswert lange Zeit hinter sich. Umso beeindruckender, wenn ein Pädagoge mit 82 Jahren immer noch um die Fortsetzung seiner Arbeit bemüht ist wie Thilo Pohle aus Rothenburg. Neun Schülergenerationen hat er mit seiner Filmarbeit begeistert. Nun hat der Träger des Gottlob-Haag-Ehrenrings sein Lebenswerk in Buchform veröffentlicht.

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Norman Krauß als Vorsitzender des Fördervereins Erinnerungsstätte „Die Männer von Brettheim“ sprach aus, was das Besondere an Pohles filmischem Schaffen ist: „Immer lag ihm die Mitarbeit der Schüler am Herzen, es war nie Selbstdarstellung dabei.“ Insofern sei auch Bescheidenheit ein Wesenszug der Person Thilo Pohles. Er habe „Großartiges auf dem Feld der Erinnerungsarbeit geleistet“, so Krauß. Und es spricht für sich, wenn er mit Marion Tresz (57) und Kerstin Schmidt (34) zwei Ehemalige mitgebracht hat, die zu verschiedenen Zeiten und längst nach ihrer vierjährigen Schulzeit an der Oskar-von-Miller-Realschule erneut Teilnehmer und Mitarbeiter an diversen Filmprojekten waren.

Mit ihrem Mentor zeigten sie einen Querschnitt durch die Wirkungsgeschichte dieser 40 Jahre auf, die bei der Buchpräsentation im Haus der Musik in Brettheim einen weiten Horizont öffnete.

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Das Vorwort zum Buch „Wenn lang die Bilder schon verblassen – Das Abenteuer Schule im Umgang mit Erinnerung“ verfasste die Schauspielerin Iris Berben. „Das haben wir nicht geglaubt, waren aber umso beglückter, dass ausgerechnet sie dafür bereit war, angesichts ihrer eigenen Negativerfahrung mit Schule“, sagte Pohle. Er als Lehrer habe sich immer gefragt, wie er den besten Zugang zu den Schülern finden könne. Und das drückt Berben so aus, wie es der Filmemacher Pohle auch verstanden hat: „Das Medium Film schafft es, Bindeglied zu sein, Gemeinschaft herzustellen, aber Individualität zuzulassen. Das sucht, Antworten gibt, Fragen stellt, provoziert.“ Und die Geschichte des ersten Films über die Männer von Brettheim, aus der sich dann die vielen Folgeprojekte entwickelt haben, war die Plattform und hat die Chance gegeben, Menschen kennenzulernen und ihr Vertrauen zu gewinnen. Ein „Türöffner“ hierfür war für ihn Fritz Braun, damals Brettheimer Ortsvorsteher.

Marion Tresz und Kerstin Schmidt schilderten, welche Begegnungen sie prägten: Da war der erste Brettheimer Filmdreh – mit Flugzeugen am Himmel, deren Bahnen sich hörbar kreuzten, dem Baukompressor, der sie zum Ausweichen an den Feuersee zwang, wo sie dann das Quaken der Frösche einholte, bis sie dies durch Steinwürfe in den Teich unterbinden konnten.

Und die bewegende Geschichte des Juden Salle Fischermann, der damals als 13-jähriger Kabelträger für den Propagandafilm der SS „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ eingesetzt war und der Anfang dieses Jahres verstorben ist, rührte an. „Mit vier 16-jährigen Mädchen wurde der Film gedreht und erhielt 2005 bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck als bester Dokumentarfilm den ersten Preis“, erinnert sich Pohle. Begegnungen wie die mit Salle Fischermann in Kopenhagen wurden im Laufe der Zeit zunehmend internationaler. So ergaben sich Begegnungen und Einladungen in San Francisco, Moskau, die Elfenbeinküste und sogar in eine Kaserne der Sowjetarmee in der DDR, die Sondergenehmigung kam von Staatspräsident Boris Jelzin persönlich.

Aushängeschild

Besonders aber und ein Aushängeschild für die Aufarbeitung der Brettheimer Geschehnisse ist für Pohle die Partnerschaft mit Chatte, wo die SS wie im Ort Oradour furchtbar wütete. „Hier veränderte die Begegnung die Herzen“, meint Pohle, „und das war wohl die Krönung unserer Filmarbeit. Wer Europas jüngere Geschichte verstehen will, sollte Brettheim oder Chatte besuchen.“

Kerstin Schmidt räumte ein, dass die Gespräche mit Betroffenen manchmal auch eine Last gewesen seien, aber rückblickend gerade für diese eine Befreiung, ja sogar eine Therapie, die sie veranlasste, ihre erlebte Geschichte endlich auch in der eigenen Familie loszuwerden.

„Man kann nur hoffen, dass die aktuelle Filmarbeit an der Schule diese prägenden Lebenserfahrungen nicht aus den Augen verliert,“ meint sie. Das Feld der Erinnerungsarbeit ist noch lange nicht ausgeschöpft. Man müsse sich aber die Mühe machen, sie aufzusuchen. Es gibt noch immer „stille Helden“, so Pohle, nach denen noch keine Straße benannt ist, sogar in der Nachbarschaft. Einige solche Helden wie Georg Sigmund aus Satteldorf werden im Schlussteil des Buches vorgestellt.

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