Leserbrief - Zum Artikel „Corona-Krise bringt Planung ins Stocken“ (FN 18. Arpil) „Artikel sollte uns wachrütteln“

Von 
Falk Otto Hagelstein
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Der Artikel von Bettina Semrau vom 18. April über den Status des „Haus Frey“, die Nutzung des Areals „Hirschen“ sowie die Planungen für das Fortbestehen des „Heimatmuseums“ in Niederstetten sollte uns wachgerüttelt haben. Mich hat er das jedenfalls.

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Wie dem Artikel zu entnehmen ist, ist das Einzige, worauf sich momentan alle Akteure einigen können, dass man die Fördersummen bis 2022, welche bereits bewilligt wurden, in jedem Fall mitnehmen möchte. Wofür und wohin die Reise gehen soll, ist offen.

Zwischen den Zeilen hat man das Gefühl, dass das „Haus Frey“ dabei aber wohl hinten ansteht. Wörtlich heißt es, das Haus habe „nach unzähligen Um- und Anbauten […] für den Denkmalschutz keine Bedeutung mehr.“

Lassen Sie uns kurz über diese „Bedeutung“ für den „Denkmalschutz“ nachdenken. In diesem Haus lebten seit 1740, also seit über 250 Jahren, Menschen. Diese Menschen prägten das Haus, ihre Kultur(en) spiegelt bzw. spiegeln sich dementsprechend in der Bausubstanz wider.

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Das ist zumindest die Kernannahme gängiger Theorien über „Kulturlandschaft“, mein Favorit als Theoretiker über die „cultural landscape“ ist der bereits verstorbene US-Amerikaner John Brinckerhoff Jackson.

Dieser definierte zwei große Arten von „Kulturlandschaft“: „The Establishment“ und „The Vernacular“. „Establishment“ war für ihn alles, wofür es Pläne irgendeiner Art gibt. Straßen, Brücken, moderne Vorstädte… Sie wissen schon. „Vernacular“ ist für ihn das, wofür es eben keine (rechtliche) Planung gibt. Dementsprechend war sein Schaffen von den 1940ern bis zu seinem Tod 1996 vor allem die Beschäftigung mit Formen des „vernakulären“ in der „Kulturlandschaft“. Dabei machte er keine moralische Beurteilung – er war ja Wissenschaftler.

Vorausschauender Blick

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Für ihn war z.B. bereits in den 1950ern, also lange bevor sich irgendeine Umweltbewegung gebildet hatte, klar, dass wachsende Müllberge für ein entfremdetes Verhältnis des Menschen zur Natur stehen. Er war ein Vordenker weit vor seiner Zeit und wurde oft belächelt. Im deutschen Sprachraum wird seinem Werk sogar erst seit circa fünf Jahren vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt.

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Weshalb dieser lange Vorspann? Ich hatte in meinem Studium viele tolle Lehrer, und in meinem Auslandssemester eben auch einige Amerikaner. Besonders beeindruckte mich Dr. Leslee Keys. Sie ist bereits seit circa zehn Jahren eine Vorkämpferin für den Bau von Dammprojekten in Florida. Zur Info: Florida ist ein sehr „konservativer“ Staat!

Sie unterweis mich unter anderem auch in „historic preservation“. Dies ist ein ganzheitlicher Denkansatz, welcher auf der banalen Annahme fußt, dass man Geschichte als ein „früher, heute, morgen“ verstehen kann.

Und das eben auch bei Investitionen in die Infrastruktur, in Planungen und Planungsbüros, in Gesprächen mit Politikern etc. Und eben auch im Gebäudemanagement. Dabei gibt es KEINE hierarchische Priorisierung! Und diese beiden tollen Gedankengebäude kommen aus den USA!

Weshalb ist das für „uns“ in „Steide“ jetzt so wichtig? Uns sollte klar sein, dass diese Definitionen („Was betrachten wir als schützenswert?“, „Was ist denkmalgeschützt?“) Dinge sind, die „wir“ „heute“ bewerten. Dabei sind es klar auch rechtliche Bedenken, die bei einer Entscheidungsfindung mitspielen, klar auch monetäre, klar auch politische. Aber es sind eben genau dies: „Nur“ (kulturell geprägte) (Be-)Wertungen.

Diese (Be-)Wertungen können sich ändern – und Kultur ist quasi ständig im Wandel. Also wird sich die (Be-)Wertung mit Sicherheit irgendwann ändern.

Ich habe in den USA viele tolle Projekte gesehen, bei einigen auch selbst für knapp fünf Monate mitgearbeitet. Eines war ein Haus, das ein Spanier (wie wundersam!) ebenfalls wie das „Haus Frey“ im Jahre 1740 gebaut hat. Dann hat es ein Engländer übernommen, dann wieder ein Spanier gekauft, dann ein US-Amerikaner… Der Rest ist Geschichte.

Dieses Haus wurde 1977/78 restauriert und ist als das „De Mesa-Sánchez House“ heute Teil des „Colonial Quarters“. Das ist ein großes „living museum“ und ein faszinierendes Gelände.

Das obere Stockwerk des Hauses ist „Sozialraum“ der Angestellten, ich hatte also viel Zeit, über die Strukturen des Gebäudes zu forschen und mir meine Gedanken dazu zu machen. Meine abschließende Arbeit für das Flagler College war eine Mentalitätsgeschichte, wie sie für mich – im Jahre 2017 – aus dem Haus ablesbar war.

Das war eine Fragestellung, auf die man wohl 1977 bei der Entscheidung FÜR die Restaurierung nie gekommen wäre…!

Ob z.B. so eine Mentalitätsgeschichte auch für das „Haus Frey“ „auf Steide“ möglich wäre? Ich finde, wenn man eins von Amerikanern lernen kann, dann dieses wunderbare Denken in Visionen! Bleiben Sie fasziniert!