Im Mosbacher Bürgersaal

Gefahren für den Rechtsstaat im Blick behalten

Ratsherrenweckfeier mit Festvortrag von Romani Rose

Von 
Sabine Braun
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Stadtrat Georg Nelius überreicht bei der Ratsherrenweckfeier den „Doppelwecken“ an OB Julian Stipp. © Sabine Braun

Mosbach. Die Augen offenhalten für den Mitmenschen und die Entwicklung der Gesellschaft im Auge behalten – mit diesen Gedanken war die traditionelle Mosbacher Ratsherrenweckfeier verbunden. Erstmals nach zwei Jahren corona-bedingter Pause fand diese traditionelle Veranstaltung, die auf das 15. Jahrhundert und Pfalzgraf Otto I. zurückgeht, am Freitag wieder statt. Und fast wäre sie angesichts des Vorfalls mit einem tödlichen Schuss am selben Nachmittag wieder abgesagt worden. Festredner des Abends war Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma. Er sprach über „Die Bedeutung von Antiziganismus für unseren Demokratischen Rechtsstaat“.

Die Feier für die Ratsherren und den Schultheiß – heute Gemeinderätinnen und -Räte sowie Oberbürgermeister –, folgt einem exakt festgelegten Ablauf, der nach wie vor streng eingehalten und fast genüsslich zelebriert wird. Der Abend beginnt mit einem ökumenischen Gottesdienst und geht weiter mit einer ersten Zusammenkunft im Rathausfoyer. Es folgt ein musikalisch umrahmter Festvortrag im Bürgersaal, als Höhepunkt dann der zeremonielle Trinkspruch auf den Pfalzgrafen und das Wohl der Stadt und schließlich die Übergabe der „Wecken“, einem Neujahrsgebäck. Ein traditionell eher karges, aber schmackhaftes „Menü“ aus Kartoffelsalat mit Wiener Würstchen samt Senf oder Meerrettich aus der Tube schließt sich an.

„Du bist ein Gott, der mich sieht“ – die Jahreslosung stellten Pfarrer Stefan Rencsik und Pfarrerin Heike Bährle in den Mittelpunkt des Gottesdienstes in der Kirche Sankt Juliana. Gesehen zu werden sei ein Grundbedürfnis des Menschen, so Bährle. Sie wünschte den Stadträten, dass sie mit Respekt gesehen werden und appellierte, den Blick für die Bürger offen zu halten. Nach einem Glas Sekt oder Saft im Foyer eröffnete das Streichquartett „Quartetto Raddoppiamento“ den Abend im Saal musikalisch. Noch ganz unter dem Eindruck des Vorfalls mit einem tödlichen Schuss bei einem Polizeieinsatz stehend, berichtete Oberbürgermeister Julian Stipp, dass man sich gefragt habe, ob man überhaupt feiern könne. Doch schließlich habe man beschlossen, die Veranstaltung durchzuführen. „Wir beugen stets unser Haupt vor den Toten dieser unruhigen Zeiten. Niemals aber beugen wir uns Angst, Terror und Gewalt“ – in diesem Sinne verwies er auf die bevorstehende Festrede von Romani Rose.. Mit der Ratsherrenweckfeier wolle man die Gemeinschaft und den Zusammenhalt fördern und Tradition pflegen, ganz im Sinne von Jean Jaurès: „Tradition pflegen heißt nicht, Asche aufzubewahren, sondern Glut am Glühen halten“.

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Ein Gruß galt den Ehrengästen, darunter Landrat Dr. Achim Brötel, der frühere Mosbacher OB Michael Jann, DHBW-Rektorin Professorin Gabi Jeck-Schlottmann, Professor Reinhold Geilsdörfer, Geschäftsführer der Dieter-Schwarz-Stiftung und Präsident Klaus Hoffmann von der Handwerkskammer Mannheim Rhein-Neckar-Odenwald, sowie den anwesenden Trägern der Pfalzgraf-Otto-Plakette.

Romani Rose blickte zurück auf die völlige Entrechtung der Sinti und Roma in der Zeit des Nationalsozialismus und stellte Bezüge zur Kreisstadt her: Der Landrat von Mosbach sei angewiesen worden, die Sinti und Roma aus der Region zu deportieren, was fahrplanmäßig ablief. Bürokratisch und effizient sei das „beispiellose Verbrechen“ des Holocausts geplant gewesen. Dem gegenüber stehe das unendliche Leid der Betroffenen.

In jeder Familie habe es Opfer gegeben – in Roses eigener Familie starben 13 Personen. Roses Onkel Vinzenz war im KZ in Neckarelz inhaftiert, konnte aber auf abenteuerliche Weise fliehen. Über 500 000 Sinti und Roma europaweit seien der systematischen Vernichtung zum Opfer gefallen.

Während die neugegründete Bundesrepublik die jüdischen Opfer relativ bald anerkannt habe, sei der Völkermord an den Sinti und Roma verdrängt und geleugnet worden. Es habe keine Aufarbeitung gegeben, vielmehr sei der allgemeine Antiziganismus geblieben, so Rose. Die Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma habe schließlich ab den 80er Jahren einen gesellschaftlichen Prozess des Umdenkens eingeleitet, dessen Stationen Rose skizzierte.

Der Geschichte gestellt

Auf politischer Ebene habe sich viel bewegt. Die Bundesrepublik habe sich ihrer Geschichte gestellt und sei eine starke Demokratie und ein Rechtsstaat. Erinnern bleibe wichtig, aber es habe, wie Rose betonte, „nichts mit einer Schuldzuweisung an die heutige Generation zu tun“.

Doch heute lebe man wieder in unsicheren Zeiten. Extreme und Radikale fänden Zuspruch und ließen eine überholt geglaubte Bewegung erstarken. Es bestehe die Gefahr, dass diese Stimmung gegen Minderheiten mache. Rose appellierte an seine Zuhörer, wachsam zu sein. Die freiheitliche Demokratie müsse verteidigt werden. Man dürfe „nicht die Herzen vergiften und die Köpfe vernebeln“ lassen. Abschließend erinnerte er an den vorangegangenen Gottesdienst, in dem die Namen aller im Jahr 2022 verstorbenen Mosbacher Bürger von den Stadträten verlesen wurden. „Das hat mich sehr beeindruckt. Sie haben das ohne Ansehen der Person gemacht. Vor Gott sind wir alle nur Menschen. Genau das ist das Ziel, an dem wir arbeiten müssen. Gerade jetzt in der Krise ist es wichtig, dass wir das nicht vergessen“, schloss Rose.

Nach einem weiteren Musikstück wurden die Gläser von einer gut eingespielten Schar von Helfern gefüllt und auf das Wohl des Pfalzgrafen und der Stadt erhoben. Dann ging es an die Verteilung der Wecken. Jeder Gemeinderat wird dabei einzeln nach vorne gerufen und erhält die Gabe – der Schultheiß bekommt zwei, wie es die Urkunde vorsieht. Das übernahm Stadtrat Georg Nelius, der Julian Stipp für die bisherige gute Zusammenarbeit dankte, verbunden mit der Hoffnung, dass das auch in Zukunft so sein werde.

Gespräche am Ratstisch

Danach nahm der inoffizielle Teil des Festes seinen Lauf mit Gesprächen am Ratstisch, im Foyer und zu späterer Stunde im „Blauen Salon“, bis ein Fahrdienst – auch das hat Tradition – die letzten Nachtschwärmer am sehr frühen Morgen nach Hause brachte.

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