60 Jahre Elysée-Vertrag

Zum Erhalt des Friedens in Europa beitragen

Partnerschaftskomitees aus dem Kreis unterstreichen die große Bedeutung des deutsch-französischen Schulterschlusses

Von 
Diana Seufert und Heike Barowski
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Die deutsch-französische Zusammenarbeit wurde vor 60 Jahren mit den Elysée-Vertrag besiegelt. Die Bedeutung dieser Freundschaft ist für die Vertreter der Partnerschaftskomitees außerordentlich hoch. Mit dem gegenseitigen Verständnis der Bürger wird zum Erhalt des Friedens in Europa beigetragen. © FN-Archiv/Peter D. Wagner

Zwischen Deutschland und Frankreich bestehen starke Bande und viele Städtepartnerschaften: Vor 60 Jahren wurde der Elysée-Vertrag unterzeichnet.

Main-Tauber-Kreis. Die Bedeutung des Vertrags, den Bundeskanzler Konrad Adenauer und der französische Präsident Charles de Gaulle am 22. Januar 1963 geschlossen haben, ist groß. Auch in der Region hat man davon profitiert, wie die Vertreter der jeweiligen Partnerschaftskomitees auf Nachfrage der FN unterstreichen. Es gibt nicht nur viele freundschaftliche Verbindungen zwischen den Menschen im Main-Tauber-Kreis und den Bürgern der Partnerkommunen, sondern gleich mehrfach haben sich deutsch-französische Paare zusammengefunden und sich das Ja-Wort gegeben.

In Lauda-Königshofen besteht seit 20 Jahren eine aktive Partnerschaft mit der Kommune Boissy-Saint-Léger, Vorsitzende des Partnerschaftskomitees ist Claudia Heidrich. Die vielen Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland sind für Claudia Heidrich keine Selbstläufer, sondern müssen immer wieder mit Leben gefüllt und weiterentwickelt werden. Man möchte Europa auf kommunaler Ebene erlebbar machen. „Mit der Unterzeichnung des Elysée-Vertrags hat auch das DFJW seine Geburtsstunde gefeiert und seitdem fast 9,5 Millionen jungen Menschen die Teilnahme an über 382 000 Austauschprogrammen ermöglicht. Man hat damals verstanden, dass es vor allem eine Versöhnung zwischen den beiden Zivilgesellschaften braucht und dies ist mit dem Entstehen vieler Städtepartnerschaften gelungen“, betont sie. „Uns ist es ein Anliegen, verschiedene Vereine wie Handball, Kunstkreise oder Musikgruppen in Verbindung zu bringen. Regelmäßig haben Schülerinnen und Schüler der Realschule oder auch die Big Band des Martin-Schleyer-Gymnasiums an Austauschen teilgenommen. Trotz Corona haben zwei Schülerinnen des MSG im letzten Herbst ein Berufspraktikum in Boissy absolviert. Auch haben sich im Laufe der Jahre verschiedene feste Begegnung etabliert wie der Weihnachtsmarkt in Boissy, die Kennenlernfahrt dorthin und der Austausch zwischen dem Handballvereinen“, informiert die Vorsitzende. Und sie fügt an: „Zu unserer großen Freude haben wir einen Bürgerfonds bewilligt bekommen und können nun im Rahmen der Feierlichkeiten eine größere Delegation einladen und eine gemeinsame Abendveranstaltung umsetzen.“ Zum Thema „Starke Frauen im deutsch-französischen Austausch“ findet am 28. Januar um 18 Uhr in die Aula des Martin-Schleyer-Gymnasiums neben einer Kunstausstellung und Lesung auch eine Podiumsdiskussion statt.

Mit 25 Jahren auf eine ebenfalls junge Partnerschaft blicken Ahorn und Pleders zurück. Das Jubiläum wird im Mai mit einem Treffen in Ahorn gefeiert. „Der Elysée-Vertrag hat viel für die Freundschaft und das Kennenlernen der beiden Kulturen und auch für das Zusammenwachsen der beiden Länder gebracht – aber auch für das Aufarbeiten der Taten im ersten und zweiten Weltkrieg“, sagt Christa Lutz vom Ahorner Partnerschaftskomitee. „Für Ahorn ist es eine Bereicherung, solch eine Partnerschaft zu haben. Es gibt die Möglichkeit für Jung und Alt, über unser Nachbarland mehr zu erfahren, Land und Leute kennen zu lernen und besser zu verstehen.“

Weil die Entfernung nach Plesder in der Bretagne doch weit ist, trifft man sich nicht mehr jährlich, sondern alle zwei Jahre zu offiziellen Besuchen. „Es ist immer eine Gruppe von 50 bis 60 Leute jeden Alters“, betont Lutz. Da man in Gastfamilien untergebracht sei, könne man die Lebensgewohnheiten und Kultur erfahren. „Ansonsten gibt es ja viele Möglichkeiten, den Kontakt ganzjährig zu pflegen. Viele haben auch ihren Urlaub in der anderen Partnergemeinde verbracht. Zudem gab es schon Praktika in Firmen von Jugendlichen bei uns und auch in Plesder.“ Für Christa Lutz und ihre Mitstreiter ist es sehr wichtig, auch in der heutigen Zeit diese Freundschaft zu pflegen, „einfach um sich besser zu verstehen“. Denn: „Vielleicht können wir so etwas für den Erhalt des Friedens zwischen den Länder beitragen. Wie schnell sich das ändern kann, haben wir ja letztes Jahr gesehen.“ Deshalb wäre ihr Wunsch, auch die Jugendlichen und Kinder soweit wie möglich mit einzubinden. Darum wolle man versuchen, sich im Lernhaus Ahorn mehr einzubringen, „was uns aber bis jetzt noch nicht so richtig gelungen ist“.

Schon vor dem Elysée-Vertrag bestand zwischen Bad Mergentheim und Digne les Bains in der Provence eine Freundschaft. Für Bernhard Gailing aus Bad Mergentheim ist damit ein „tragfähiges Fundament der Freundschaft zwischen unseren beiden Völkern entstanden – wenngleich es immer abhängig von den jeweils Regierenden ist“. Derzeit lasse das Miteinander zwischen Scholz und Macron zu wünschen übrig, findet er. Das gegenseitige Verständnis für den anderen sei wichtig. „Nur wenn man aufeinander zugeht und Verständnis für das Tun des anderen aufbringt, kann man friedlich miteinander leben“, sagt Gailing mit Blick auf Putins Angriff der Ukraine.

Hoher Stellenwert

Für Bernhard Gailing hat die Freundschaft daher einen hohen Stellenwert, da sich auf beiden Seiten über die Jahre immer Bürger fanden, die sie unterstützen und voranbrachten. Dass der langjährige Schüleraustausch zwischen dem Deutschorden-Gymnasium und den Schülern in Digne zurückgefahren wurde, ist für ihn ein wunder Punkt: Doch in Digne wurde der Deutsch-Unterricht zugunsten von Spanisch abgeschafft. Trotzdem erfolge die Pflege der Partnerschaft durch die Feuerwehr, künstlerische Aktivitäten oder einzelne Schulen wie die Kaufmännische Schule. Auch familiären Verbindungen seien vielfältig. „Eheschließungen gab es bisher zwei.“

Dem Elysée-Vertrag misst man auch in Tauberbischofsheim eine große Bedeutung zu, das seit 1966 eine Partnerschaft mit Vitry-le-Francois unterhält. „Der Vertrag hat eine Annäherung und Verbrüderung der sogenannten Erbfeinde gebracht. Deutschland (Preußen) und Frankreich hatten sich ja seit der Napoleonischen Kriege immer wieder bekriegt. Jetzt herrscht seit fast 80 Jahren Frieden zwischen beiden Ländern, die sich – gemeinsam und in Abstimmung – zu den führenden Nationen Europas entwickelt haben“, untermauert Mike Kinzie als Vorsitzender des Tauberbischofsheimer Komitees. Deshalb hat die Partnerschaft auch einen hohen, „wenn auch leider etwas abnehmenden Stellenwert“. Kinzie: „Mit dem zeitlichen Abstand zum „Verbrüderungsgrund“ (Krieg), schwindet die Bedeutung.“ Dazu komme, dass auf beiden Seiten immer weniger Schüler die jeweils andere Sprache erlernten.

In Tauberbischofsheim stand vor Corona ein jährlicher Schüleraustausch zwischen den Gymnasien auf dem Plan. Früher habe das auch für die Realschule gegolten, bemühe man sich um einen Neuanfang. „Gerade über die Schulen und den Sport wird die Jugend an diese Partnerschaft herangeführt.“ Einige Vereine unterhalten sportliche Kontakte zu Vereinen in der Partnerstadt, verweist Kinzie auf die Judo-Abteilung, die Handballer und den Fechtclub. Auch zu offiziellen Anlässen trifft man sich und eine Gruppe kommt seit über 30 Jahren zum Altstadtfest nach Tauberbischofsheim, „inzwischen sogar mit ihren Söhnen“. Alle fünf Jahre feiern die beiden Städte gemeinsam ein großes Jubiläumsfest – das nächste ist 2026 in Tauberbischofsheim anlässlich des 60-jährigen Bestehens der Städtepartnerschaft.

Das gegenseitige Verständnis ist für Kinzie außerordentlich wichtig, denkt er an die Globalisierung. „Dazu kommt: Offenheit für eine andere Kultur, für andere Sitten und Gebräuche, wirkt einem überzogenen Nationalismus entgegen.“

Gefeiert wird der Jahrestag bei den Komitees nicht. Aber sie sind froh über den Schulterschluss zwischen Deutschland und Frankreich.

In Wertheim gibt es gleich zwei Organisationen, die sich um einen Austausch mit der Partnerstadt Salon-de-Provence in Südfrankreich bemühen. Lucy Weber ist Vorsitzende der Internationalen Partnerschaftsvereinigung Wertheim. Gemeinsam mit ihrem Mann Andreas engagiert sie sich in der länderübergreifenden Kontaktpflege. Auslöser für die Partnerschaft war auch hier der 1962 geschlossene Elysée-Vertrag. Andreas Weber: „Der damalige Wertheimer Oberbürgermeister Karl Josef Scheuermann suchte schon 1964 mit Hilfe des Oberbürgermeisters von Marseille eine gleichwertige Partnerstadt. Im selben Jahr ist dann die ,Jumelage’ mit Salon gegründet worden. Die ursprüngliche Feindschaft wurde damals durch sehr viel Empathie in eine Freundschaft umgewandelt.“ Noch lebhaft erinnert sich Weber an die zahlreichen gegenseitigen Besuche, bei denen Turnhallen mit Besuchern gefüllt waren und ordentlich gefeiert wurde.

Wie der Wertheimer weiter berichtet, kamen ganze Züge voll mit Pferden und Weinfässern aus Salon in Wertheim an. „Die Bürgermeister waren im Laufe der Jahre alle bemüht, die Bevölkerung daran teilnehmen zu lassen und stellten jährlich Mittel für die Pflege der Freundschaft zur Verfügung.“

Natürlich sind in der Zeit zahlreiche familiäre Bindungen entstanden. Weber nennt stellvertretend den Wertheimer Weinhändler Spielmann, der sehr enge private Kontakte pflegte. Auch erinnert er daran, dass die Feuerwehr der Wehr von Salon Fahrzeuge spendete und an die engen Kontakte der Sport- und der Karnevalsvereine untereinander.

Globaleres Denken

Mittlerweile gestalte sich der Kontakt über die Grenze hinweg jedoch etwas schwierig – und dies auch, weil Mauricette Roussel, langjährige Vorsitzende des Partnerschaftsvereins in Salon, auch die Unterstützung durch politische Gremien fehle, erklärt Andreas Weber. Froh ist er dennoch über die lange Freundschaft. „Die Vorurteile gegenüber den Franzosen sind inzwischen lange abgebaut. Man denkt heute nicht mehr in diesen engen Schienen und mit Vorurteilen behaftet, sondern globaler. Und das ist gut.“

Redaktion Hauptsächlich für die Lokalausgabe Tauberbischofsheim im Einsatz

Redaktion Im Einsatz für die Lokalausgabe Wertheim

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