Kindertagesstätten - Erzieher und Träger setzen in die praxisintegrierte Ausbildung große Hoffnungen, um so dauerhaft genügend Fachpersonal zu akquirieren / Situation derzeit nicht so rosig Trendwende einleiten, Super-Gau vermeiden

Von 
Klaus T. Mende
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Zahlreiche Erzieherinnen und Erzieher in Kindertagesstätten mögen ihren Beruf sehr. Doch sie beklagen sich, dass sie immer mehr Tätigkeiten verrichten müssen, die nichts mit ihrem eigentlichen Beruf zu tun haben. Sie setzen auf die praxisintegrierte Ausbildung und darauf, dass es dadurch wieder mehr Fachkräfte gibt. © DPA

Main-Tauber-Kreis. Überschaubare Gruppengrößen, jeder Rechtsansprung auf einen Kindergartenplatz wird erfüllt – was zurzeit noch nach optimalen Bedingungen für den Nachwuchs bis sechs Jahren aussieht, könnte bereits in wenigen Jahren völlig aus dem Ruder laufen. Denn wenn keine einschneidenden Maßnahmen eingeleitet werden, um eine Trendwende einzuleiten, dürften alsbald dunkle Wolken am Horizont aufziehen.

Schreckensszenario vermeiden

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Noch sei Zeit, um solch ein Schreckensszenario zu vermeiden, sind Experten überzeugt, doch die Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft dürften dieses Thema nicht mehr allzu sehr auf die lange Bank schieben.

„Das Ganze wird auf dem Rücken der Kinder ausgetragen – und später sind dann die Eltern die Leidtragenden“, sagen bei einem Vororttermin in einem katholischen Kindergarten im mittleren Main-Tauber-Kreis übereinstimmend mehrere Leiterinnen – Katja Baumann (Kita St. Marien, Grünsfeld), Viktoria Berberich (Kita St. Michael, Hochhausen) und Leonore Herschlein (Kita St. Marien, Lauda) unisono. Thomas König (stellvertretender Leiter der katholischen Verrechnungsstelle, die 38 Einrichtungen verwaltet) und Fachberater Wilfried Frank vom Caritasverband der Erzdiözese Freiburg nicken zustimmend.

„Die Einrichtungen sind gut gefüllt. Doch wir haben vor allem in der Zukunft mehr Fachkräfte nötig“, sagt Herschlein bei dem „runden Tisch“ gegenüber den Fränkischen Nachrichten – und nennt damit gleich ein Hauptproblem beim Namen. Denn nicht nur in den Pflegeberufen sei diese besorgniserregende Entwicklung zu erkennen. „Es muss sich etwas tun“, hakt Baumann ein. Denn sonst könne es zu einer Selbstdynamik kommen, bei der den Verantwortlichen das Heft des Handelns schnell entgleite. Und dies müsse verhindert werden.

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Dazu sei es allerdings notwendig, neben einer entsprechenden Bezahlung diesem Beruf jenen Respekt entgegenzubringen, den er auch verdient habe. Und da müssten in erster Linie die politisch Handelnden in Bund und Land eine Kehrtwende um 180 Grad vollziehen und Rahmenbedingungen schaffen, die alle in der Erziehung der Kinder Tätigen optimistischer nach vorn blicken lassen.

Die Region Main-Tauber sei von diesem Trend gleichermaßen betroffen. „Viele Erzieherinnen gehen bald in Rente“, weiß Leonore Herschlein – und dann könnte sich alsbald ein Vakuum auftun. Denn von den Jungen, die eine Ausbildung begonnen haben, „sehen dies viele als Sprungbrett an, um zu studieren“. Deswegen sei es umso wichtiger, die Ausbildung so zu kanalisieren, dass „wir gute Fachkräfte bekommen“, die dauerhaft in der Lage seien, die Qualität hochzuhalten, bringt sich Katja Baumann ein. „Denn wir leisten gute Arbeit“, stimmt Viktoria Berberich zu.

Keine Kernaufgabe

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Wilfried Frank kritisiert, dass die Tendenz dahingehe, immer mehr Nicht-Fachkräfte in die pädagogische Arbeit zu integrieren. Dies führe andererseits dazu, dass hoch qualifizierte Erzieher Tätigkeiten verrichten müssten, die nichts mit ihren Kernaufgaben zu tun hätten – „etwa Essen zubereiten“.

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Es werde viel Geld in die Hand genommen, wirft Thomas König ein. Doch es „kommt teilweise nicht bei den Kindertageseinrichtungen an“, weswegen auch nicht überall mit einer phasenweise Besserung des Ist-Zustandes in naher Zukunft zu rechnen sei. Um die Situation zu entspannen, sei es erforderlich, so die einhellige Meinung des Quintetts am Tisch, die Ausbildung als Ganzes zu stärken und auszubauen. Das Zauberwort könnte lauten PiA – praxisintegrierte Ausbildung. Und was verbirgt sich dahinter?

PiA ist eine vergütete Form der Ausbildung zum Erzieher, die die Praxiszeiten der klassischen Ausbildung einschließlich Berufspraktikum in drei Ausbildungsjahre integriert. Dies bedeutet, dass die Absolventen an zwei Tagen die Woche die Schulbank drücken, an den restlichen drei zum festen Personalbestand des Kindergartens gehören. Das Ganze ähnelt stark einer dualen Ausbildung.

Als erstes deutsches Bundesland hat Baden Württemberg vor wenigen Jahren auf den Erziehermangel reagiert und mit PiA eine vergütete Ausbildungsmöglichkeit für angehende Erzieher geschaffen. Das Ziel dabei ist, zusätzliche Ausbildungsplätze zu erhalten und zugleich einen größeren Personenkreis für die Erzieherausbildung zu gewinnen. Hierzu sei es sicher auch erforderlich, mehr Träger für diese Form zu gewinnen, die im Main-Tauber-Kreis seit geraumer Zeit mit Erfolg angeboten wird. Der regelmäßige Praxisbezug wird durchaus als Vorteil betrachtet, der zur Attraktivität der Ausbildung beiträgt.

Wichtige Begleiter

Die Erzieher sehen sich, neben den Eltern, als wichtigste Begleiter der Kids durch deren Alltag, um sie auf ihren weiteren Werdegang vorzubereiten. Hierbei sei es wichtig, meint Katja Baumann, „in den einzelnen Gruppen für den erforderlichen Rahmen zu sorgen“. Dazu gehöre, genügend fachkundiges Personal zu akquirieren, das eine qualitativ hochwertige pädagogische Arbeit gewährleiste – wie dies in den Einrichtungen der Region bislang ohnehin schon der Fall sei. Für Thomas König wäre es insgesamt wichtig – nicht nur auf finanziellem Gebiet – „Planungssicherheit zu haben“. Dazu zähle besonders, dass die Nachwuchskräfte während ihrer Ausbildung nicht auf den Stellenschlüssel in einer Kita angerechnet werden. Hierzu bedarf es, Synergieeffekte zu nutzen, und zwar im guten Miteinander mit allen Partnern, vor allen Dingen den Kommunen.

Wilfried Frank will die Kräfte bündeln, damit sich der große Aufwand für ein gut funktionierendes Kindergartenwesen auch in Zukunft rentiere. Er plädiert an der Basis für klare Strukturen und meint deutlich: „Es darf nicht sein, dass die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut. Denn viele Köche verderben bekanntlich den Brei.“

In Baden-Württemberg gibt es rund 9000 Kitas in unterschiedlichen Trägerschaften, die mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hätten, sagt Leonore Herschlein. Vielen müsste unter die Arme gegriffen werden, zum Beispiel, was die Themen Inklusion oder Sprachförderung angehe. Ein wichtiger Aspekt sei, dass genügend finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, die sinnvoll eingesetzt werden. „Hier darf nicht nach dem mit dem Gießkannenprinzip vorgegangen werden. Dies hätte zur Folge, dass viele zwischen den Stühlen sitzen.“

Die fünf am Tisch sehen die praxisintegrierte Ausbildung als gute Alternative zum herkömmlichen Weg an, um die Basis dafür zu schaffen, ein erneutes Ansteigen der Gruppengrößen zu vermeiden, um so auch künftig einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz zu garantieren. Vor allen Dingen eine bessere Vergütung könnte bei dieser von Bund und Land finanziell geförderten Maßnahme ausschlaggebend dafür sein, wieder mehr junge, aber auch „reifere“ Menschen für diesen Beruf, den viele „alte Hasen“ eher als Berufung titulieren, zu gewinnen.

„Wir brauchen einerseits frisches Blut in unseren Reihen, andererseits fällt es dadurch auch leichter, eine gute Qualität anzubieten“, ist sich das Quintett einig. Doch was nützten die besten Konzeptionen in den Einrichtungen, wenn die erforderliche Unterstützung von außen fehle? Es gebe viel zu tun, so der einhellige Tenor von Erzieherinnen und Funktionären, deswegen sei es Zeit, dass alle anpacken – und zwar Hand in Hand.

Redaktion Mitglied der Main-Tauber-Kreis-Redaktion mit Schwerpunkt Igersheim und Assamstadt