Asylhelferkreis - Walter Hörnig von "Willkommen in Wertheim" und LEA-Leiter Mirco Göbel berichteten in Lauda und gaben wertvolle Hinweise aus der Praxis Tipps zur Arbeit mit Flüchtlingen

Lesedauer: 

"Was geschieht in der LEA auf dem Wertheimer Reinhardshof, welche Aufgaben können die ehrenamtlichen Asylkreis-Helfer leisten und was kommt auf die Kommunen zu?" - über diese Fragen sprachen (von links) Walter Hörnig vom Verein "Willkommen in Wertheim", SPD-Kreisrätin Ute Schindler-Neidlein, LEA-Leiter Mirco Göbel und Gisela Keck-Heirich vom Asyl-Helferkreis Lauda-Königshofen.

© Neumann

Auch in Lauda-Königshofen gibt es einen Asyl-Helferkreis. Bei einem Infoaustausch waren nun zwei "Experten" aus Wertheim zu Gast und berichteten.

AdUnit urban-intext1

Lauda. Viel zu berichten hatten die beiden Wertheimer Walter Hörnig und Mirco Göbel bei einer Info-Veranstaltung im "Ratskeller", zu der die Leiterin des Mehrgenerationenhauses, Gisela Keck-Heirich, eingeladen hatte und für die sich neben einigen Bürgern auch die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende im Kreistag, Ute Schindler-Neidlein, interessierten.

Zunächst gab Göbel einen Überblick über die Aufgaben der LEA (Landes-Erstaufnahmestelle) auf dem Wertheimer Reinhardshof. Seit Mitte Oktober ist der zuvor am Wertheimer Wirtschaftsgymnasium tätige Lehrer Leiter dieser LEA in Wertheim, und er zog eine erste positive Bilanz: "Alles, was man tut, hat direkte Auswirkungen" - auch auf das individuelle Schicksal jedes Flüchtlings. Die Menschen kämen direkt von der deutschen Grenze nach Wertheim, und in der LEA laufen dann die ganzen bürokratischen und medizinischen Regularien. Wichtig dabei: "Wir empfangen alle Flüchtlinge respektvoll."

Sicher vor "Krieg und Chaos"

"Aktuell haben wir rund 330 Menschen bei uns, die vor Krieg und Verfolgung geflohen sind." Hier seien sie sicher vor "Krieg und Chaos". Und Göbel machte deutlich, dass "Deutschland auch aus historischer Erfahrung verpflichtet ist, Hilfe anzubieten". Sein besonderer Dank galt allen ehrenamtlichen Helfern, die überall im Main-Tauber-Kreis für und mit den Flüchtlingen arbeiten und somit die Basis für die Integration dieser Menschen legen, wie Göbel betonte.

AdUnit urban-intext2

Gleichwohl werde die Arbeit schwieriger, denn "die Debatte ist heftiger, vor allem aber populistischer geworden". Als "überwältigend" bezeichnete Göbel die Arbeit der Helfer von "Willkommen in Wertheim", gerade auch deshalb, weil ja nicht alle Flüchtlinge im Anschluss in andere Kommunen des Landkreises oder auch andere Bundesländer verlegt werden, sondern zum Teil ja in Wertheim bleiben. Ein "Problem" - eine Teilnehmerin sprach vom "Horrortag in Karlsruhe" - sei der Termin beim BaMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) in den für Wertheim zuständigen Außenstellen Ellwangen und Karlsruhe. "Eine Außenstelle in Wertheim wäre gut und für alle Beteiligten einfacher", sagte Göbel. Hintergrund. "Die Leute fahren hin, müssen warten und dann bekommen sie keinen Termin", erklärte ein Mitglied des Lauda-Königshöfer Helferkreises.

Unersetzliche Arbeit der Helfer

Die ehrenamtlich wirkenden Frauen und Männer "leisten eine unersetzliche Arbeit", betonte Göbel. Nicht nur für die LEA gelte: "Ohne Ehrenamtliche geht es nicht!", sagte Göbel mit Blick auf den Deutschunterricht - der umfasst mittlerweile rund 60 Stunden in der Woche und sei die Grundlage für den Einstieg in die deutsche Kultur. Neben den Mitgliedern des Vereins "Willkommen in Wertheim" ist auch noch der Landkreis, das Rote Kreuz und das THW bei der Betreuung der Flüchtlinge aktiv.

AdUnit urban-intext3

Walter Hörnig von "Willkommen in Wertheim" macht deutlich, dass der Wertheimer Helferkreis sich ganz bewusst als Verein konstituiert habe. "Das bringt zwar mehr Aufwand mit sich, aber auch mehr Freiheit", sagte Hörnig. Zudem könne man selbst Spenden sammeln und den Helfern auch eine Kostenerstattung bieten, etwa für gefahrene Kilometer. "Die Helfer haben eine hohe Belastung", betonte Hörnig. Auch aus versicherungstechnischer Sicht stehe ein Verein besser da als ein Arbeitskreis.

AdUnit urban-intext4

Nachdem man 2013 in Wertheim über Flüchtlinge diskutiert habe und im Oktober 2014 mit der Gründung eines Arbeitskreises die Basis legte, kamen dann im Januar 2015 afghanische Flüchtlinge. "Da wurde uns klar, was vor uns stand." Die gesamte Organisation eines Tages mit beispielsweise der Anmeldung an einer Schule für die Kinder, die Fahrt oder der Gang zum Arzt - "es ist ja viel zu tun" - bringe viel Zeitaufwand mit sich. Aber auch ganz grundlegende Dinge, etwa Feldbetten ohne Matratzen, haben die Ehrenamtlichen beschäftigt. "Die Stadt hat uns viel geholfen und tut mehr, als sie muss", erklärte Hörnig.

"Selbstbewusst auftreten"

Ganz generell empfahl er den Lauda-Königshöfer Ehrenamtlichen, "selbstbewusst" aufzutreten - gegenüber Flüchtlingen ("Helfer sind ,Muttis' und damit auch Erzieher. Auch anfangs uneinsichtige Männer haben spätestens nach dem dritten Termin mit unseren Helferinnen Respekt.") sowie gegenüber dem Landkreis und der Kommune. "Sagen, was man braucht, einfordern, was nötig ist", formulierte Hörnig .

Generell gehe es bei der Flüchtlingsarbeit um grundlegende Dinge wie die Organisation von Terminen bei Behörden und Ärzten, aber auch um Beschäftigung (Sport, Bildung), die Wohnungssuche sowie die Hilfe bei der Arbeitssuche. "Für unsere Arbeit, auch für die Deutschkurse, erhalten wir kein Geld", sagte Walter Hörnig.

Die Stadt Wertheim unterstütze den Verein nach Kräften. Hilfreich wäre es jedoch, wenn sich im gesamten Landkreis die Kirchen stärker einbringen würden, meinte Hörnig mit Blick auf die Situation in Wertheim, wo Sekten ("Fundamentalchristen") Flüchtlinge getauft haben und ihnen vorgaukeln, dass sie damit bessere Chancen auf Anerkennung hätten. "Das hilft niemandem, tatsächliche christliche Nächstenliebe hingegen schon."

Mit Blick auf die Anschlussunterbringung sahen sowohl Göbel wie auch Hörnig noch "große Herausforderungen" auf die Kommunen und die lokalen Helferkreise zukommen. Gleichwohl: "Die Menschen werden kommen, und da sind die Kommunen und der Landkreis gefordert, denn die Flüchtlinge brauchen Betreuung. Nicht alles kann von Ehrenamtlichen geleistet werden", betonte Hörnig.

Problem Landkreisverwaltung

Als echtes Problem stellte sich in der anschließenden Diskussion die Landkreisverwaltung heraus. Die schaue nämlich, wie Hörnig feststellte, "zu sehr auf die Kosten" und agiere damit weit häufiger als nötig inflexibel, wie er am Beispiel eines krebskranken Flüchtlings deutlich machte. "Die Stadt Wertheim, ja alle Kommunen sind da nach meiner Erfahrung viel weiter." Bei der Anschlussunterbringung "hält sich das Landratsamt raus, man beruft sich auf das Gesetz", kritisierte auch Gisela Keck-Heirich, die die Unterstützung durch die Stadt Lauda-Königshofen ausdrücklich lobte.

Sprachunterricht sehr wichtig

Überhaupt laufe die Arbeit vor Ort "gut", und die Bedeutung des Sprachunterrichts habe der Helferkreis längst erkannt. "Wir wollen, dass alle, die zu uns kommen, so viel wie möglich Deutsch lernen." Einig war man sich darin, dass die Flüchtlinge eine große Herausforderung für die Bundesrepublik seien und die nur das Engagement vor Ort die Grundlagen für eine gelungene Integration schaffen könne.

"Auch die Landkreisverwaltung ist lernfähig", meinte Ute Schindler-Neidlein. "Wir werden darauf achten, dass der Kreis seiner Verpflichtung nachkommt". Die SPD im Kreistag habe von Anfang an eine dezentrale Unterbringung gefordert, "der Landkreis wollte das zentral regeln. Dabei war klar, dass das nicht funktionieren kann." Die in den Kommunen und in der LEA geleistete Arbeit "schätzen wir sehr", sagte Schindler-Neidlein. "Die Helferkreise und die Städte und Gemeinden leisten sehr viel und deshalb müssen sie weiter von Bund Land und Kreis unterstützt werden." sine