Auftakt zu den Gerlachsheimer Mon(d)tagen - „Mäßigung – Was wir von einer alten Tugend lernen können“ / Vortrag von Professor Dr. Thomas Vogel Streben nach Wachstum stößt an seine Grenzen

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Peter D. Wagner
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Gerlachsheim. „Mäßigung - Was wir von einer alten Tugend lernen können“, lautete das Thema eines Vortrags im Josefshaus in Gerlachsheim zum Auftakt der „Gerlachsheimer Mon(d)tage 2020“.

Professor Dr. Thomas Vogel sprach zum Auftakt der Gerlachsheimer Mon(d)tage im neuen Jahr. © Peter D. Wagner
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Die erneut dreiteilige Veranstaltungsserie, die seit über 25 Jahren in einer Kooperation von der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) und Katholischen Landvolk-Bewegung (KLB) präsentiert wird, steht diesmal unter dem Motto „Zurück in die Zukunft - vom nachhaltigen Leben und Arbeiten“.

Die Vereinten Nationen haben in ihrer Agenda 2030 die globalen Ziele für eine nachhaltige Entwicklung formuliert. Einige der Aspekte aus dieser Agenda werden in der Vortragsreihe näher beleuchtet.

Referent zum Auftakt war Professor Dr. Thomas Vogel, unter anderem Professor für Erziehungswissenschaft mit den Schwerpunkten Schul- und Berufspädagogik, Senatsbeauftragter für Internationale Beziehungen mit Litauen (seit 2014) und Direktor des Instituts für Erziehungswissenschaft an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg (2014 bis 2017) sowie Direktor des Heidelberger Zentrums Bildung für nachhaltige Entwicklung (seit 2018). Zudem ist er Autor eines Buches. „Vielen Menschen kommt der Begriff Mäßigung verstaubt und unzeitgemäß vor“, berichtete Vogel eingangs. Der Ausdruck besitze eine fatale Nachbarschaft mit der Angst vor jeglichem Überschwang und habe oft einen ausschließlich verneinenden Klang, der sich nur auf Einschränkung oder Zügelung beziehe, so dass Menschen ihn häufig mit einer Beschränkung ihrer persönlichen Freiheit verbinden.

Moralische Gebote

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Wer über die Tugend einer Mäßigung spreche und gar behaupte, man könne etwas aus der Philosophie zum Thema Mäßigung lernen oder Mäßigung habe etwas mit einem guten Leben zu tun, müsse deshalb gute Gründe anführen. Denn zurecht wolle sich niemand in seiner Freiheit beschränken lassen, zudem haben sich in der Vergangenheit moralische Gebote oder Verbote nicht als besonders erfolgreich erwiesen.

Das ständige Streben nach Wachstum sowie dem „immer mehr“, „immer schneller“, „immer weiter“ vereint mit der Verabsolutierung naturwissenschaftlich-technischer Naturaneignung stoße jedoch inzwischen überall an Grenzen, erläuterte Vogel anhand zahlreicher Beispiele.

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In seiner Gier, Rücksichtslosigkeit und Selbstüberschätzung gefährde der Mensch zunehmend seine natürlichen Lebensgrundlagen. „Bestände wildlebender Tier gehen massiv zurück, die Meere sind mittlerweile voller Plastikmüll und das Klima droht zu kippen – und dies alles, weil der Mensch sich nicht mäßigt“, betonte er. Daher sei ein neues Nachdenken über den ausufernden Produktions- und Lebensstil der industrialisierten Welt erforderlich.

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„Erkenne Dich selbst“, „reflektiere Dein Alltagshandeln“, beschreibe dein Ideal-Selbst“. „befreie dich von dem Blick der anderen“ sowie „bestimme deine eigene Mitte zwischen Zuviel und Zuwenig“, nannte der Erziehungswissenschaftler als Leitprinzipien, wie uns Mäßigung in einer immer maßloseren Welt gelingen könnte. „In einem Wirtschaftssystem, das dem Wachstum, dem Überfluss und der Verschwendung seine Existenz verdankt, finden Menschen, die sich selbst beherrschen und zugleich mäßigen können, allerdings wenig Anerkennung“, gab er andererseits zu bedenken.

Der Kapitalismus brauche vielmehr eher entwurzelte, verängstigte, unzufriedene und potentiell unglückliche Menschen, da solche zur Befriedigung stets neue Erlebnisse und Konsumgüter benötigen würden. Dadurch wiederum werde das Wirtschaftswachstum gefördert und der Profit gesteigert. Menschen hingegen, die ein Bewusstsein von sich selbst besitzen und zur Herrschaft über sich sowie über ihre Bedürfnisse in der Lage sind, nützen diesem System wenig und erscheinen eher suspekt.

Im Grunde ergattere ein sich mäßigender Mensch nichts von den Dingen, die heutzutage vorrangig zählen – er bekomme dafür kein Geld, keine Macht und auch nur wenig Anerkennung. Demgegenüber werde das einfache Leben durch Mäßigung zu einem bewussten Erleben all dessen, was ein Mensch gerade tue, berühre, schmecke, esse, trinke und wahrnehme. „Wer sich in der Tugend der Mäßigung übt, erlangt ein neues Bewusstsein seiner Selbst und eine gewisse Gemütsruhe. Man gewinnt einen souveränen Selbstbezug, eine Gelassenheit, man könnte sagen, die Seele findet eine innere Ruhe“, erklärte Vogel.

„Dies mag in der heutigen Zeit kein großes Versprechen sein, das die Leute vom Hocker reißt. Aber wenn wir es uns einmal gründlich durch den Kopf gehen lassen, dann ist die Tugend der Mäßigung ein an Bedeutung gewinnendes Denkangebot in Zeiten, in denen die Industriegesellschaft überall an ihre Grenzen stößt und die in ihr lebenden Menschen zunehmend krank macht als auch in der ein Traum von den unbegrenzten Möglichkeiten ausgeträumt ist“, unterstrich der Referent.

Wer sich auf den Weg begebe, sich selbst zu erkennen, und wer sich in der Beschränkung auf das wirklich Wichtige übe, werde innere Zufriedenheit und eine neue Freiheit gewinnen, gab Vogel abschließend als Devise aus, bevor er zu Fragen Rede und Antwort stand.