Streuobst - Auf der Hirtenwiese in Königshofen finden sich Exemplare, die in keiner Baumschule mehr erhältlich sind / Einige Stämme für die Wasserleitung gefällt Seltene Apfelsorten ein bedrohter Schatz

Von 
Diana Seufert
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Kerngesund und mit der typischen braunen Färbung gezeichnet sind die Stämme gewesen, wie Streuobstwiesenbesitzer Hermann Popp betont. © Diana Seufert

Auf der Hirtenwiese wachsen seltene Apfelbäume. Die historischen Sorten findet man kaum noch. Deshalb gilt es, sie zu erhalten, findet Hermann Popp.

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Königshofen. Es ist ein wahres Kleinod, das sich dem Besucher bietet. Auf der 1,5 Hektar großen Wiese neben der Tauber gedeihen mehr als 50 Apfelbäume, ein prächtiger Birnbaum überragt alles. In Reih’ und Glied gesetzt, sind manche Stämme schon rund 100 Jahre alt. Die Vögel haben dieses Refugium für sich erkoren und zwitschern munter vor sich hin.

Doch einige Bäume mussten nun für die künftige Wasserversorgung im Stadtgebiet weichen. Sie sind der Motorsäge zum Opfer gefallen. Hermann Popp hat das Holz der Apfelbäume begutachtet und bedauert, dass sie keine Zukunft hatten. Der Königshöfer ist im Vorstand der Erzeugergemeinschaft ökologischer Streuobstanbau Hohenlohe-Franken und setzt sich seit Jahren für den Erhalt von Streuobst ein, hat selbst einige Wiesen mit Apfelbäumen, die er hegt und pflegt. Das Besondere an der Hirtenwiese ist für ihn nicht nur das Alter mancher Stämme, sondern ihre Seltenheit. „Manche Sorten gibt es nur noch hier.“

Jeder Baum mit anderer Sorte

Popp will sensibilisieren: „Die meisten Bürger kennen die Wiese, wo die Umpfer in die Tauber fließt und auf der es tolles Obst gibt.“ Schon vor Jahrzehnten wurde der Behang versteigert. „Aber die wenigsten wissen, welcher Schatz eigentlich wirklich dort zu finden ist. Auf dieser Wiese trägt jeder Baum eine andere Sorte. In den meisten Fällen ist sie nur noch hier vertreten“, weiß er von einem befreundeten Experten. Genau darauf will er aufmerksam machen. Popp spricht von einem Gen-Reservoir, das es zu erhalten gelte. Denn kaum eine dieser Apfelsorten sei noch in einer Baumschule erhältlich.

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Für „Odenwälder“, „Coulon Renette“, „Pommerscher Krummstiel“ oder auch „Nimmermür“ ist dies nun zu spät. Sie wurden bereits gefällt. „Hätte man vorher Bescheid gewusst, hätte man die Bäume zurückschneiden und somit wieder zum Austrieb animieren können.“ Durch das Ziehen von Reisern wäre es möglich gewesen, die einmaligen Sorten auf passenden Stammunterlagen zu veredeln und so zu erhalten. Selbst geschädigte Bäume hätte man so retten können. Allerdings weiß er, dass dazu ein Vorlauf von rund einem Jahr nötig gewesen wäre. „Hier ist ein Kulturerbe, das gesichert werden sollte. Wenn wir jetzt nicht Vorsorge treffen, ist dieser Schatz für immer verloren“, meint der Königshöfer. Die alten Bäume hätten sicherlich noch viele Jahre getragen.

Bereits vor Monaten hatte er die damalige Umweltplanerin der Stadt, Doreen Wenz, auf die Besonderheiten aufmerksam gemacht und angeregt, Früchte der Bäume zur Feststellung der Sorten an das Kompetenzobstzentrum Babendorf am Bodensee zu schicken. So könne man festhalten, welche wertvollen Bäume auf der Wiese gedeihen. Denn das ist ein weiteres Anliegen von Popp: Die Apfelsorten auf der Hirtenwiese waren kerngesund und trotzten Krankheiten, wie etwa dem Schwarzen Rindenbrand. Eine Grundlagenforschung könnte Aufschluss geben für andere Standorte oder Unterlagen bei der Veredelung von Obstsorten.

Eingriff auf Minimum beschränkt

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Die Bedeutung des Lebensraums Streuobstwiese kennt man auch bei der Stadtverwaltung. Doch hier musste man für die Freilegung der Leitungstrasse zum Anschluss des Pumpwerks Königshofen einige Bäume fällen. „Es wurden alle gesetzlichen Vorgaben eingehalten“, heißt es von der Stadt. So sei für die gesamte Leitungstrasse bereits lange im voraus ein landschaftspflegerischer Begleitplan erstellt und eine spezielle artenschutzrechtliche Prüfung durchgeführt worden. „Damit wird gewährleistet, dass die Eingriffe in die Natur auf ein absolutes, erforderliches Minimum beschränkt bleiben. Ebenso sehen diese Untersuchungen Ausgleichsmaßnahmen bzw. Ersatzhabitate vor. Diese Gutachten werden von der übergeordneten Behörde genehmigt und die Einhaltung der Maßnahmen überwacht.“ Als Ausgleich sollen Neupflanzungen vorgenommen werden, ergänzt die Stadtverwaltung.

Touristisch nutzen

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Weil man von den gefällten Bäumen nun kein Genmaterial mehr erhalten kann, will Popp umso mehr das Augenmerk auf die verbliebenen Bäume lenken. Denn durch die Verlegung des Radwegs könnten einige gefährdet sein. Statt an der Tauberbrücke über die B 292 entlang, soll der Radweg künftig kreuzungsfrei darunter und somit an der Tauber entlang verlaufen. Die Strecke ist bereits abgesteckt und wird auch die Hirtenwiese tangieren. Sein befreundeter Experte befürchtet, dass Sorten wie Erbachshofer Weinapfel, Roter Margaretenapfel, Fisser Erstling oder auch eine Wachsrenette, die entlang der Böschung wachsen, weichen müssten.

Popp kann sich vorstellen, das Areal, etwa als „Streuobst-Lehrpfad“, touristisch zu nutzen. Schilder, Fotos und Informationen für die Radler und die einheimische Bevölkerung könnten darauf aufmerksam machen. Dann würden Radler nicht vorbeifahren, sondern mit dem Pfund einer besonderen Natur wuchern. Schließlich sei eine Obstwiese Lebensraum für 5000 Tiere und Pflanzen und sorge für Biodiversität. Das Gras könnte einem Landwirt zudem als Futtermittel dienen. Eines ist dem Streuobst-Kenner aber auch klar: Die Bäume, die seit mehreren Generationen auf dem stickstoffreichen Boden gedeihen, müssten dringend „pflegerisch optimiert“ werden.

Hoher Pflegeaufwand

Nach seiner Rechnung fallen für einen ersten Pflegeschnitt rund 200 Arbeitsstunden an. An manchen Stämmen sprießen Triebe, von denen nicht klar ist, ob es sich um die Veredelungssorte handelt oder um die Unterlage, anderen müssen mit Brennnesseln oder Beerensträuchern als Konkurrenz kämpfen. Auch der Biber nagt am Holz. Die Höhlen für die Vögel sind kein Problem. Die Tiere holen sich Schädlinge, die die Ernte beeinträchtigen würden. Damit sorgt die Streuobstwiese für eine biologische Vielfalt, die es zu erhalten gilt.

Redaktion Hauptsächlich für die Lokalausgabe Tauberbischofsheim im Einsatz