Auswirkungen der Corona-Krise - Zahlreiche Unternehmen kämpfen mit großen finanziellen Einbußen und schicken Beschäftigte in Kurzarbeit / Langes Warten auf versprochene Hilfsgelder Reisebusse abgemeldet, um Kosten zu sparen

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Peter D. Wagner
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Thomas Nitschke, Juniorchef des Busunternehmens Werner Nitschke in Königshofen, mit seinen beiden derzeit abgemeldeten Reisebussen und einem seiner Linienverkehrsbusse. © Peter D. Wagner

Die Corona-Pandemie hat im März auch den Bustourismus in der Region Odenwald-Tauber auf einen Schlag auf Null gesetzt.

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Odenwald-Tauber. Am Mittwoch vergangener Woche fand in Berlin sowie einigen weiteren Städten wie etwa Stuttgart ein Aktionstag der Reisebusbranche statt, mit dem sie auf die teilweise dramatische wirtschaftliche und existenzbedrohende Lage vieler der zumeist kleinen oder mittelständischen Unternehmen aufgrund der staatlich verordneten Einstellung des Busreiseverkehrs aufmerksam machten. Die FN fragten exemplarisch bei Busreiseunternehmen im Main-Tauber- und Neckar-Odenwald-Kreis nach, wie sich für sie die derzeitige Situation darstellt sowie welche Erwartungen, Forderungen und Perspektiven sie haben und sehen.

„Ich sehe kaum Chancen, dass das Geschäft noch in diesem Jahr wieder richtig in Schwung kommt“, äußerte Hubert Seitz, Seniorchef von Seitz-Reisen in Külsheim, mit Skepsis. Bei zu starken Einschränkungen werde auch nach Wiederfreigabe des Bustourismus keine Wirtschaftlichkeit gegeben sein. Immerhin könne sein Unternehmen durch Linienverkehr ansatzweise einiges von den weggefallenen Einnahmen aus dem Touristikbereich wettmachen. Dennoch habe man zum einen bei den Bürokräften Kurzarbeit eingeführt sowie die sechs Reisebusse aus Kosteneinsparung vorläufig abgemeldet und stillgelegt. „Wir nehmen keine Darlehen auf, erwarten allerdings, dass bereits erfolgte Zusagen etwa für Hilfsmaßnahmen oder Wiederfreigabe eingehalten werden“, forderte Seitz.

Komplett weggebrochen

Ein Standbein, das etwa die Hälfte unseres Unternehmens ausmacht, ist momentan komplett weggebrochen“, äußerte gleichsam besorgt Horst Lillig, Geschäftsführer der Firma Lillig Touristik in Bad Mergentheim. Der enorm kostspielig erstellte und versandte Jahreskatalog sei fast gänzlich hinfällig. „Selbst wenn wir wieder fahren dürfen, fallen Aufträge von Schulen oder Vereinen bis auf Weiteres weg“. Zudem dauere es voraussichtlich mehrere Monate, bis der touristische Reisebetrieb wenigstens einigermaßen wieder ins Rollen komme.

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Drei Reisebusse im Stillstand, dazu drei Fahrer ab Juni in Kurzarbeit, nachdem sie bislang die Ausfallzeit mit dem Abbau von Überstunden und Resturlaub im Wesentlichen überbrückten, vermeldete Peter Heinisch, Disponent und Fuhrparkleiter von Bustouristik Eisenhauer in Tauberbischofsheim. Der derzeitige Wegfall des Bustourismus, der etwa 30 Prozent des gesamten Geschäftsbetriebs ausmache, könne zwar wenigstens partiell, jedoch keinesfalls gänzlich durch Linienverkehr kompensiert werden.

Ganz ähnlich sehen es Reiner Ziegler, Geschäftsführer von Ziegler Reisen in Niederstetten, Thomas Nitschke, Juniorchef der Firma Werner Nitschke in Königshofen, und Melanie Ott, Geschäftsführerin von Ott Reisen in Wertheim.

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Nitschke forderte ein einheitliches und bundesweites System im Busreiseverkehr hinsichtlich Hygieneregelungen bei einem Wiederstart. „Unsere Reisen und Hotels sind bis mindestens Mitte August allesamt storniert, Vereine müssen gegebenenfalls erst in Schwung kommen, viele vor allem ältere Menschen werden vermutlich zunächst ängstlich abwarten, wieder eine Busreise zu unternehmen“, bilanzierte er.

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„Wir haben sechs Reisebusse vorläufig abgemeldet und stillgelegt sowie im Minimum 40 Prozent weniger Jahresumsatz“, berichtete Reiner Ziegler. „Der Linien- und Werkverkehr rettet uns so recht und schlecht über die Zeit.“

Er fordere zwar kein Geld, jedoch feste und zuverlässige Zusagen und Perspektiven, wann – so bald wie möglich – der touristische Busverkehr wieder aufgenommen werden könne. „Ein Sitzplatz, den wir heuer nicht verkaufen können, lässt sich im kommenden Jahr nicht doppelt belegen“, gab Ziegler zu bedenken. Um seinen Forderungen Ausdruck zu verleihen, war er einer der Teilnehmer an der Kundgebung in Stuttgart.

Adäquat mit rund 40 Prozent bezifferte Melanie Ott den Umsatzanteil des Tourismusbereichs ihres Busunternehmens und den damit momentan verbundenen Verdienstausfall. Davon betroffen seien nicht nur Kunden aus der Region, sondern auch viele ebenfalls betreute Touristen aus dem Ausland wie etwa aus Fernost sowie weitere Reisesektoren wie zum Beispiel mehrtägige Schifffahrtsreisen. „Wir stehen weiterhin auf der ‚roten Liste’ ohne jegliche Perspektiven und Zusagen“, machte Ott gleichfalls wie ihre Kollegenschaft aus ihrem Ärger kein Hehl.

Kosten laufen auf

„Man ist nur am Begleichen der Kosten, wir kämpfen ums Überleben“, schilderte Heinrich Gehrig, Inhaber der Firma Heinrich Gehrig Touristik in Walldürn. „Ich habe keine Ahnung, wo der Weg hinführt. Die Lage ist äußerst kritisch und wird zunehmend katastrophaler, so dass es im Grunde bereits jetzt schon fünf nach Zwölf ist“. Hinzu komme, dass eine mögliche Aufhebung des staatlich verordneten Fahrverbots für Bustourismus in Baden-Württemberg auf voraussichtlich Mitte Juni verschoben werde. „Das Geschäft ist für dieses Jahr weitgehend gelaufen. Damit wir über die Runden kommen, sind jetzt Zuschüsse notwendig, die wir nicht zurückbezahlen müssen“, unterstrich Gehrig.

„Von den sechs Fahrern im Tourismusverkehr sind zwei in Kurzarbeit und vier freigestellt“, ließ Fella Reisen der Familie Maag in Grünsfeld verlautbaren, die normalerweise drei Busse im „klassischen“ Tourismus betreiben.

Ohne jeglichen Linienverkehr sogar gänzlich auf die Einkünfte aus den touristischen Busreisen nebst Fahrten beispielsweise von Schulklassen und Vereinen ist zum Beispiel Rolf Farrenkopf, Inhaber der gleichnamigen Busreisefirma in Buchen-Hainstadt, angewiesen. Seinen einzigen Bus hat Farrenkopf ebenfalls abgemeldet. „Kein Programm, keine Einnahmen, sondern nur zu leistende Rückzahlungen, zudem keine Perspektive, wann es wieder losgehen kann. Ich warte seit rund zwei Monaten auf die beantragte Corona-Soforthilfe, da ich trotz Zusage noch immer kein Geld erhalten habe“, bedauerte er.

Wieder Schülerfahrdienst

Bei Taubertal-Reisen in Tauberrettersheim stehen aktuell zwei Reisebusse still. „Wenigstens nahmen wir inzwischen den Schülerfahrdienst wieder auf, der längere Zeit ebenfalls ruhte“, berichtete Inhaber Leo Hofmann.

In diesem Kontext dankte er die Verwaltungsgemeinschaft Röttingen sowie dem jetzt amtierenden Bürgermeister Hermann Gabel und dessen Vorgänger Martin Umscheid für die Unterstützung bei den laufenden Kosten seines Unternehmens, das sich dadurch auf einer „roten Null“ bewegt habe.

Zwar dürfen seit 30. Mai in Bayern wieder Busfahrten für Individualreisende durchgeführt werden, jedoch nicht für Gruppen. „Wenn Vereine und andere Gruppen auch spätestens nach den Sommerferien nicht in Bussen reisen dürfen, wird es wirklich existenziell bedrohlich“, betonte Hofmann.