Bustouristik - Zahlen, Fakten und Stimmen zur augenblicklich trüben Situation / „Politik darf nicht tatenlos dem Untergang zusehen“ Kritik an Ungleichbehandlung der Reisebranchen

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pdw
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Bei einigen Unternehmen können Linien-, Schüler- oder Werksverkehr zumindest einiges auffangen. © Peter D. Wagner

Odenwald-Tauber. Man müsse sehen, wann und wie viele der Stammkunden, die ein Gros des Klientels ausmache und von denen viele im Seniorenalter seien, wieder zurückkehren, meinten übereinstimmend alle befragten Busunternehmen.

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Ebenfalls unisono zeigten sie komplettes Unverständnis über die nach ihrer Auffassung Ungleichbehandlung der Reisebusunternehmen gegenüber anderen Reiseverkehrsbranchen. „Während etwa Fernlinienbusreisen und Fahrgastschifffahrten wieder erlaubt sowie Zug- und Flugreisen weiterhin möglich sind, müssen wir nach wie vor mit unseren Bussen stehen und warten, wann wir wieder mit Planungssicherheit zumindest ansatzweise starten können“, lautete sinngemäß ein einhelliger Tenor.

Zudem sei unklar, unter welchen hygienetechnischen Voraussetzungen und Einschränkungen ein Neustart erlaubt sein werde. „Wir sind für alle Anforderungen und Notfälle gerüstet“, betonte exemplarisch Horst Lillig, Geschäftsführer der Bad Mergentheimer Lillig Touristik. „Unsere Busse sind mit modernster Luft- und Klimatechnik ausgestattet, wir legen regelmäßig Pausen ein und können dabei oder auch während der Fahrt im Fahrzeug immer wieder einen Luftaustausch durchführen. Zudem führen wir Listen mit Adress- und Kontaktdaten der individuellen Touristikreisenden oder der Ansprechpartner bei Gruppenfahrten und -reisen“, heben die Unternehmer als für ihre Reisebranche möglichen Vorteile hervor.

Nach Angaben des Internationalen Bustouristik Verbands RDA in Köln gibt es bundesweit über 3500 Busunternehmen im Gelegenheitsverkehr wie Vereins- oder Klassenfahrten, Tagesausflüge und touristische Mehrtagesreisen. In Folge der Pandemie wurde der Reisebusverkehr komplett stillgelegt, was den Unternehmen nach Angaben des Bundesverbandes Deutscher Omnibusunternehmer (BDO) insgesamt rund 2,3 Millionen Euro pro Tag kostet. Normalerweise erwirtschaften die deutschen Bustouristikunternehmen jährlich einen Bruttoumsatz von rund 14,3 Milliarden Euro.

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Unter dem Motto „240 000 Jobs in Gefahr“ rief die Busbranche deshalb am Mittwoch vergangener Woche zu einem bundesweiten Aktionstag unter anderem mit der Forderung nach Rettungsmaßnahmen auf. Bei einigen der Unternehmen gehe es nur noch um Wochen oder Monate bis zur Insolvenz, da jeglicher Umsatz weggebrochen ist.

Bei dem Aktionstag, der von den Branchenverbänden organisiert wurde, rollten etwa 800 Reisebusse als Korsos hupend durch Berlin sowie sechs weitere Städte wie etwa in Stuttgart, Wiesbaden und Mainz, um auf die dramatische wirtschaftliche Situation der Branche aufmerksam zu machen.

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Auch eine bundesweit einheitliche Freigabe verantwortungsvoll durchgeführter Reisebusverkehre und die schnelle Aufhebung von unnötigen internationalen Reisebeschränkungen wurden gefordert. Mit ihren Slogans wollten die Demonstrierenden zudem die Bedeutung des Busgewerbes für das gesellschaftliche Leben in den Vordergrund rücken.

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„Der Reisebus ist systemrelevant. Er ermöglicht breiten Bevölkerungsschichten nicht nur vielseitige Urlaubserlebnisse, sondern auch die Teilhabe an Bildung sowie an kulturellen und sportlichen Events“, hob RDA-Präsident Benedikt Esser hervor. „Ohne den Reisebus ist der Wiederaufbau des europäischen Tourismus nicht möglich. Der derzeitige Flickenteppich von Lockerungsregelungen für die Reisebusbranche ist eine Zumutung für die Unternehmen und Verbraucher“.

„Der Bus ist das klimafreundlichste Verkehrsmittel und unverzichtbar für fast alle Bereiche des öffentlichen Lebens. Schulen, Vereine, Kultureinrichtungen und viele weitere Grundpfeiler in unserer Gesellschaft sind abhängig davon, dass die Busbranche erhalten und leistungsfähig bleibt“, äußerte BDO-Präsident Karl Hülsmann.

Das mittelständische Busgewerbe benötige daher dringend passgenaue Soforthilfen und keine Kredite. „Die Branche kann nicht länger auf versprochene Hilfen warten. Die Politik muss jetzt handeln, bevor es zu spät ist“, bekräftigte er.

„Mit seinen geringen Emissionen von Treibhausgasen schneidet der Reisebus in der Ökobilanz sogar noch besser ab als die Bahn“, unterstrich Hermann Meyering, Vorstandsvorsitzender der Gütegemeinschaft Buskomfort (GBK). Mit der Bustouristik rette die Politik auch die Zukunft nachhaltiger Mobilität. „Wenn die Bundesregierung ihre eigenen Zielvorgaben zum Klimaschutz noch ernst nimmt, darf sie dem Untergang der Busbranche jetzt nicht tatenlos zusehen“, appellierte er. pdw