75 Jahre Kriegsende - Die Zerstörung Königshofens - In der Nacht vom 1. auf 2. April 1945 gab es im Schwesternhaus an der Kirche auch ein freudiges Ereignis Im Inferno das Licht der Welt erblickt

Von 
Bernhard Geisler
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Maike Böhme wurde in der Nacht vom 1. auf 2. April 1945 inmitten der Bombardierung Königshofens geboren. Unser Bild zeigt sie im Alter von fünf Jahren. Sie lebt heute in Bickenbach an der Bergstraße. © Sammlung Geisler

Die Amerikaner rückten am 1. April 1945 auf Königshofen vor. Inmitten dieser Kriegswirren wurde im Schwesternhaus an der Kirche in Königshofen ein Mädchen geboren.

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Königshofen. „Durch Königshofen war´s grauenvoll. An vielen Stellen brannten Häuser und Scheunen. Dichter Rauch fegte durch die Straßen. Die Sichtweite betrug ca. zwei Meter, getrieben vom Feuersturm der bereits brennenden Anwesen. Ausgebrochene Kühe, Rinder und Schweine, teilweise von Granatsplittern schwer verletzt, irrten umher. Einige Tiere lagen schon verendet auf der Straße, zum Teil regelrecht aufgeschlitzt. Der ganze Ortskern war ein Inferno von Flammen und Rauch.

Zivilpersonen waren nicht zu sehen, nur flüchtende Soldaten und dazwischen barsten und detonierten Granaten und Geschosse. Immer wieder Deckung suchend durcheilten die letzten deutschen Soldaten von der Tauber kommend die Straßen und Gassen, um an der Kirche vorbei, sich in dem Turmbergwald vor den anrückenden Amerikanern zu verstecken.“

Dies ist eine Zusammenfassung aus den Erinnerungen von Ernst Hofmann, Königshöfer, Jahrgang 1934 und Adolf Lipp, Soldat aus Aitrang im Allgäu, Jahrgang 1929.

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Wenn man sich nun genau 75 Jahre nach diesen für Königshofen so einschneidenden Tagen vor Augen führt, was es für die Menschen bedeutet haben mag, enge Verwandte, Freunde, Bekannte oder seinen gesamten Besitz verloren zu haben? Das Unheil des Krieges brach in einer nicht vorstellbaren Wucht über den Ort herein. Innerhalb weniger Stunden waren große Teile der Königshöfer Altstadt zerstört.

13 Zivilpersonen wurden durch die unmittelbaren oder indirekten Kriegseinwirkungen in jenen Tagen getötet. 72 Königshöfer sind als Soldaten teilweise weit ab ihrer Heimat gefallen oder gelten als vermisst. Schließlich verloren auch mehr als 50 deutsche und nach überschlägigen Schätzungen bis zu 300 amerikanische Soldaten beim Kampf um Königshofen ihr Leben.

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In Anbetracht des Ausmaßes der Verluste und der für die Königshöfer schockierenden Ereignisse, kann man sich kaum vorstellen, wie das Leben für die Menschen hätte weitergehen oder gar neu beginnen können. Und doch, es gab auch diesen Moment, der bislang in der Messestadt kaum jemandem bekannt war: In der Nacht vom 1. auf den 2. April 1945 kam in Königshofen inmitten des Chaos ein Kind zur Welt. Von den Schwestern der damals Neugeborenen gibt es folgenden Bericht:

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„Unfassbar, an einem solchen Tag ein Kind zu bekommen. Am 1. April 1945 setzen bei Frau Elfriede Böhme die Wehen ein. Mit ihrem Mann Wilhelm Böhme und den drei gemeinsamen Mädchen Ingrid, Gudula und Hannelore im Alter von acht, elf und zwölf Jahren, war sie Anfang 1945 von Mannheim nach Königshofen evakuiert worden. Wilhelm Böhme war wegen eines schweren Nierenleidens kriegsuntauglich. Er arbeitete für eine Firma, die vorübergehend, wie auch ab 1945 die ganze Familie Böhme, im Gasthaus „Gans“ untergebracht war.

Amerikanische Streitkräfte waren am 1. April 1945 nun dabei, den Ort einzunehmen. Als die Soldaten über die Tauber direkt auf das Gasthaus zukamen, flüchtete die Familie mit der kurz vor der Entbindung Stehenden und nahmen den schon besorgten Kinderwagen, Babykleidung und das Taufkleid mit.

Sie rannten ins Schwesternhaus in der Nähe der Kirche in den dortigen Keller. Es waren nur wenige Schwestern im Heim anwesend, die jedoch angaben, keine Erfahrung mit Entbindungen zu haben. Ratlosigkeit. Die Hebamme des Ortes, Frau Haas, war in die Wälder am Turmberg geflüchtet. Der verzweifelte Kindsvater lief in den Wald, um sie zu suchen und bat sie inständig, wieder mit zurück in den Ort zu kommen.

Frau Haas ließ die Familie nicht im Stich. Am 2. April gegen 2 Uhr kam im Hebammenzimmer des Schwesternhauses im Oberen Grabenweg die kleine Maike gesund auf die Welt – just in dem Moment, als ein amerikanischer Soldat den Kopf in die Tür des Zimmers steckte und angesichts der Situation völlig überfordert, mit einem entsetzten „I’m sorry“, wieder verschwand. Danach ging es für Mutter und Kind wieder in den Keller, wo sie auf einem Kohlenhaufen lagen.

Als es draußen hell wurde, begab sich der Vater mit der Hebamme und mit den drei Schwestern der kleinen Maike zum Pfarrer der Kirche schräg gegenüber, in der Maike dann die Taufe erhielt. Die Hebamme hielt das Kind übers Taufbecken. Dabei zitterte sie angesichts der immer noch einschlagenden Geschosse so, dass der Vater der kleinen Maike Angst hatte, dass sie das Kind ins Taufbecken fallen lässt. Überall knallte und donnerte es.

Wilhelm Böhme, so erzählten Maikes Schwestern später, sagte jedoch: „Das Kind wird jetzt fertig getauft!“ Alle zusammen flüchteten dann zurück zum Schwesternhaus. Zwei Tage blieb die Familie hier, ehe man in den Gasthof „Gans“ zurückkehrte. Die junge Mutter wurde auf einem Pritschenwagen dorthin gebracht.

Mitten durch den verwüsteten Ort. 1946 zog die Familie nach Mannheim zurück. Maike wohnt heute in Bickenbach an der Bergstraße. Von ihren Schwestern leben noch Hannelore und Ingrid.“