Heimatgeschichte - Seitdem die Besitzerin 1992 gestorben ist, blieb in einem 1414 erbauten Haus in Gerlachsheim die Zeit einfach stehen Die letzte Bewohnerin ist nur kurz weg

Von 
Thomas Schreiner
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Hier blieb die Zeit stehen: Obwohl die letzte Besitzerin bereits 1992 gestorben ist, scheint es in diesem Haus in Gerlachsheim so, als sei sie nur eben mal kurz weg. Alles ist noch so, wie es die damals 93-Jährige bei ihrem Tod hinterließ.

© Thomas Schreiner

Gerlachsheim. Die Zeit ist einfach stehengeblieben. Fast scheint es so, als wäre die letzte Besitzerin dieses eher unscheinbaren Hauses nur kurz mal zum Einkaufen weg. In der Seifenschale liegt noch eine angebrochene Seife, im Flur hängt an einem Bügel fein säuberlich ein frisches Kleid, in der guten Stube, dem Wohnzimmer, sind der Tisch und die Stühle so gerichtet, als ob jeden Augenblick Gäste eintreffen. Und das Kalenderblatt von einem örtlichen "Edeka-Laden", den es schon seit Jahren nicht mehr gibt, zeigt die Monate August/September 1991. Was wie eine gestellte Szene aus einem kleinen Heimatmuseum wirkt, ist jedoch Realität. Seit Maria Karl am 25. Januar 1992 mit 93 Jahren starb, ist das Häuschen nicht mehr bewohnt und es ist einfach so geblieben.

Zwölf bis 14 Kinder waren im 19. Jahrhundert keine Seltenheit

  • Betrachtet man die vergangenen Jahrhunderte so stellt man fest, dass bei Familien mit "ausreichendem Einkommen", wie in diesem Fall auch bei Konrad Ziegler, Kinderreichtum von zwölf bis 14 und mehr Kindern zu finden ist. Nur so konnte man der bisweilen hohen Kindersterblichkeit entgegn wirken.
  • Es kamen damals aber noch andere Kriterien zum Tragen, denn die Kirche verlangte seinerzeit von den Gläubigen, sich dem Ehepartner nur sexuell zu nähern in der festen Absicht, ein Kind zu zeugen. Dies führte dann wiederholt dazu, dass verheiratete Frauen, deren Männer sich an diese Forderung hielten, in der Regel alle elf bis 15 Monate schwanger wurden.
  • Dieser Umstand war wiederum ausschlaggebend dafür, dass manche Frauen kein hohes Alter erreichten und an der "Auszehrung" starben.
  • War die Ehefrau gestorben, heiratete der Witwer meist wieder, oft eine wesentlich jüngere Frau, die dann wiederum Kinder zur Wellt brachte. So waren Familien mit zwölf bis 18 Kindern damals keineswegs eine Seltenheit. Ausreichendes Einkommen und religiöse Einstellung ist sicher auch bei Konrad Ziegler entscheidend gewesen.
  • Schaut man sich die Eltern von Konrad Ziegler an, so sieht man, dass sie "nur" fünf Kinder und diese im Abstand von drei bis fünf Jahren bekamen, denn sie hatten kaum mehr als ihr sprichwörtliches "tägliches Brot" und von den fünf Kindern starben schon zwei im Kindesalter.
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Die Räume werden damit unweigerlich zu Zeitzeugen, denn, und das ist das Besondere daran, das kleine Haus wurde schon 1414 gebaut und zählt damit zu den ältesten überhaupt in Gerlachsheim. Und Vieles, was sich über die Jahrhunderte dort gesammelt hat, ist noch vorhanden.

Ein Leben lang in diesem Haus

Maria Ziegler, wie die letzte Bewohnerin mit Mädchenname hieß, wohnte zeitlebens dort.

Geboren 1898 erlernte sie später den Beruf der Schneiderin, legte 1927 die Meisterprüfung ab. So finden sich unweigerlich noch einige Relikte aus ihrer aktiven Schaffenskraft: Büsten, Stoffe und fertige Kleider, sowie verschiedenes Handwerkszeug.

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Vater Konrad, der an Heiligabend 1924 mit 77 Jahren in dem Haus gestorben ist, war Kaminfegermeister, eröffnet aber Ende des 19. Jahrhunderts das erste Nähmaschinengeschäft in Gerlachsheim. Mit dieser Entscheidung und weiteren Geschäften mit Waschmaschinen, Fahrrädern und Backöfen erwirbt sich Konrad den Grundstock seines Vermögens.

Keine direkten Nachfahren

Als er nach Lehr- und Arbeitsjahren in Walldürn zwei Jahre nach seiner Hochzeit mit seiner Frau 1876 in sein Elternhaus nach Gerlachsheim zurückkommt, hatte er schon ein "ausreichendes Einkommen". Seine Frau starb am 9. Juli 1898 mit nur 41 Jahren bei der Geburt ihres 13. Kindes. Und das war Maria Ziegler, die letzte Bewohnerin. Sie hatte das kleine Häuschen geerbt, obwohl ihr Vater 1899 erneut eine 30 Jahre jüngere Frau aus der Nachbarschaft heiratete, mit der er nochmal drei Kinder hatte, wovon allerdings zwei recht früh starben.

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Zwar heiratete auch Maria Ziegler später, doch da sie bei ihrer Hochzeit schon die 60 überschritten hatte, gab es 1992 nach ihrem Tod keine direkten Nachfahren von ihr.

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Das Gebäude ist heute im Besitz eines Neffens von Maria Karl. Weil er jedoch in Norddeutschland lebt und früher nur in den Ferien in Gerlachsheim war, hat er außer Kindheitserinnerungen eigentlich kaum noch eine Verbindung zu Gerlachsheim, deshalb war das Haus einige Jahre verwaist.

Als der örtliche Heimat- und Kulturverein Anfang der 2000er Jahre eine Weinbergsausstellung initiierte, suchte Manfred Berger eine Scheune zum Unterstellen der von den Bürgern dafür gestifteten Geräte. Und so kam er unweigerlich auf das nicht mehr bewohnte Haus, knüpfte Kontakt mit dem jetzigen Besitzer in der Nähe von Hannover und kümmert sich seitdem rührend um den Erhalt und die Sicherung des Gebäudes.

Grundstein von 1414

So stieß er schon recht früh im Gewölbekeller auf einen Grundstein mit der Jahreszahl 1414. Beim Aufräumen entdeckte er zudem unter einem der Weinfässer eine schwere Eisenkiste, an der zwar der Schlüssel steckte, der sich aber leider nicht bewegen ließ. Nachdem Manfred Berger das Schloss wieder gängig machen konnte, öffnete sich ihm der Inhalt: Er fand darin unter anderem einen Ehevertrag aus dem Jahr 1877 von Konrad Ziegler und dessen erster Frau sowie Gerichtsunterlagen ("Theilungsurkunde") des Großherzoglichen Amtsgerichts Gerlachsheim aus einem Erblass von Konrad Zieglers Vater, eine Art beglaubigtes Testament, aus dem Jahr 1866.

Anhand von Aufzeichnungen, teilweise auch in einem Tagebuch niedergeschrieben, las er Interessantes rund um das Haus, aber auch zum Beispiel über die Zeit des Zweiten Weltkriegs in Gerlachsheim. Berger vermutet deshalb anhand dieser Tagebucheinträge, dass die Kiste in den letzten Kriegstagen 1945 unter den Fässern vor den heranrückenden Amerikanern versteckt worden ist, später dann aber dort vergessen wurde. Berger fand aber auch unzählige Bilder, bei denen allerdings oft entsprechende Hinweise auf das Aufnahmedatum oder die abgebildeten Personen fehlen. Doch anhand weiterer Dokumente, die er im Haus fand, bot sich ihm bald ein umfassendes Bild über die Familiengeschichte Ziegler und nach weiteren Recherchen in Archiven sah sich Manfred Berger sogar in der Lage, einen Stammbaum der weit ins 18. Jahrhundert zurückreicht, zu erstellen. Wie in einem Puzzle fügte er Information an Information zu einer kompletten und hochinteressanten Übersicht zusammen.