Freiwillige Feuerwehr - Gemeinsame Gefahrgutübung aller Abteilungen aus Lauda-Königshofen / Training in schweren Chemikalienschutzanzügen Die körperliche Belastung ist enorm

Von 
Thomas Schreiner
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Die Freiwillige Feuerwehr Lauda-Königshofen übte am Montagabend im i_Park Tauberfranken den Ernstfall: Aus einem Behälter auf einem Lkw lief hochgiftiges Anilin aus.

© Thomas Schreiner

Lauda-Königshofen. Der Schutzanzug wiegt alleine schon satte sechs Kilogramm. Mit Atemschutz und weiterer Ausrüstung kommen leicht 25 Kilogramm zusammen. Da sind Fitness und vor allem geübtes Handling gefragt, wenn so "aufgerödelt" auch noch eine Gefahrensituation bekämpft werden soll. Physische Stärke ist für einen Feuerwehrmann, der mit ätzenden und hochgiftigen Stoffen, etwa nach einem Unfall, hantieren muss, unerlässlich. Die Freiwillige Feuerwehr Lauda-Königshofen hat diese heikle Aufgabe für den mittleren Main-Tauber-Kreis übernommen, da sie im Besitz solcher rund 4000 Euro teuren Schutzanzüge ist. Nun trainierten die Feuerwehrleute an vier Abenden den Ernstfall. Am Montag demonstrierten sie im Rahmen einer Abschlussübung im i_Park Tauberfranken in Lauda was sie dabei gelernt haben.

Hintergrundinformationen zur Gefahrgutübung

  • Bei der Gefahrgutübung am Montag waren alle Abteilungen aus dem gesamten Stadtgebiet von Lauda-Königshofen eingebunden. Die Besonderheit war dabei, dass ein gesamter Übungsblock gemeinsam durchgeführt worden ist und nicht nur eine einzelne Übung.
  • Die Menschenrettung ist auch bei einem Gefahrgutunfall die wichtigste Aufgabe der Feuerwehr. Die Feuerwehrleute gehen dabei nach der GAMS-Regelvor: G = Gefahr erkennen, A = Absperren (Absperradius mindestens 50 Meter), M = Menschenrettung durchführen, S = Spezialkräfte nachfordern. Sind Beteiligte mit dem Gefahrstoff in Berührung gekommen oder besteht der Verdacht, müssen sie dekontaminiert werden.
  • Die Feuerwehr kann versuchen, den Stoffaustritt zu vermindern oder zu stoppen, das heißt, die Gefahren für die Umwelt werden möglichst klein gehalten.
  • Für weiterführende Maßnahmen müssen aber Spezialkräfte wie etwa der Gefahrgutzug der Feuerwehr Wertheim oder Fachfirmen hinzugezogen werden. thos
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Angenommen ist eine Leckage eines mit Anilin, ein hoch umweltgefährliches Gift, gefüllten Behälters auf einem Lkw. Der flüssige Gefahrstoff läuft über die Ladefläche und tropft auf den Boden. Ein Arbeiter liegt zudem bewusstlos in der Nähe des Containers, der Fahrer hat sich in die Fahrerkabine zurückgezogen.

"Das Problem ist, dass wir als Feuerwehr erst einmal erkennen müssen, dass es sich um einen Gefahrgutunfall handelt", erklärt Jürgen Schmitt, Sprecher der Freiwilligen Feuerwehr Lauda-Königshofen im Beisein zahlreicher "Schaulustiger", darunter auch viele Feuerwehrleute aus der Umgebung. "Also nicht blindlings in die Gefahrenzone rennen, sondern kühlen Kopf bewahren. Das ist für einen Feuerwehrmann der pure Stress", so Schmitt weiter.

Die Übung beginnt

Oberste Priorität hat deshalb erst einmal die Erkundung der Lage aus sicherer Entfernung, denn der Lkw trägt die bekannten Gefahrgutzeichen und Kennzahlen.

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Unterdessen treffen immer mehr Einheiten der Feuerwehr am Unglücksort ein: Rüstwagen, Gerätewagen, Tanklöschfahrzeuge und Einsatzleitfahrzeug. Sofort greift die in den letzten Wochen eingeübte Rettungskette: Absperren der Gefahrenzone, Aufbau der Kommunikation, Rettung der beiden verletzten Personen sowie Aufbau eines Dekontaminationsplatzes.

Zwei Feuerwehrleute machen sich mit Atemschutzgeräten bereit, in die schweren und unhandlichen Chemieschutzanzüge zu steigen. Kameraden helfen ihnen dabei. Ohne ihre Hilfe geht nichts. Spezialkräfte, wie etwa vom Gefahrgutzug der Freiwilligen Feuerwehr in Wertheim, die weitere entsprechende Spezialgeräte vorhalten, sind parallel dazu bereits angefordert. Dr. Andrea Haug, Chemikerin und Fachberaterin Gefahrgut beim Umweltschutzamt im Landratsamt des Main-Tauber-Kreises, ist mittlerweile ebenfalls eingetroffen. Sie steht beratend zur Seite.

Wissen von Fachleuten

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Vor allem im Einsatzleitwagen ist ihr Fachwissen gefragt. Sie hilft bei der Bestimmung des Giftes anhand der am Fahrzeug angebrachten Zeichen und Kennzahlen, wenngleich der Feuerwehr hier selbst umfangreiche Möglichkeiten zur Informationsbeschaffung etwa über Internet und Kontaktdaten zum Beispiel zum Transport-Unfall-Informations-System der Werkfeuerwehr der BASF in Ludwigshafen zur Verfügung stehen. Dr. Haug berät aber ebenso über Maßnahmen im Umgang mit dem Gefahrgut. Unterdessen rücken zwei Feuerwehrleute in ihren grünen Schutzanzügen zum Behälter auf dem Lkw vor und versuchen, das Leck zu schließen.

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Gleichzeitig dichten zwei ihrer Kollegen einen Kanalisationsschacht in der Nähe mit einem Wassersack ab, um einen weiteren Eintritt der giftigen Flüssigkeit in die Kanalisation zu verhindern.

"Die Einsatzzeit ist für den Träger des Chemiekalienschutzanzuges aufgrund der hohen körperlichen wie psychischen Belastung auf 20 bis maximal 25 Minuten begrenzt. Hinzu kommt noch die Zeit, die für die Dekontamination des Trägers benötigt wird. Da er selbst das Manometer seiner Sauerstoffflasche nicht einsehen kann, müssen sich die Träger immer wieder selbst kontrollieren", erklärt Jürgen Schmitt. Dann heißt es nicht nur raus aus der Gefahrenzone, sondern auch raus aus dem Schutzanzug.

In einer Dekontaminationswanne reinigen weitere Feuerwehrkameraden mit viel Wasser die kontaminierten Anzüge und helfen beim Ausstieg aus dem klobigen Schutzanzug, der sofort in einem Sack verschlossen und dann zur Entsorgung in ein Spezialunternehmen gebracht wird.

Zugführer Simon Segeritz und der stellvertretende Stadtkommandant Marko Dittmann wachen über die einzelnen Abläufe und koordinieren die Einsatzschritte. "Gut gemacht", werden sie am Ende in einer Manöverkritik den Ablauf loben, unterstützt von den beiden Gefahrgutunfall-Fachleuten Torsten Schmidt aus Wertheim und Dr. Andrea Haug. Auch sie zeigen sich zufrieden mit dem Ablauf, dem mittlerweile sitzenden Handling sowie der Einsatztaktik.

Guter Verlauf

"Ihr habt das Erlernte gut umgesetzt, jetzt heißt es aber immer wieder üben", gibt Torsten Schmidt den rund 35 Feuerwehrleuten aus dem gesamten Stadtgebiet Lauda-Königshofen noch mit auf den Weg, bevor das mühsame Aufräumen beginnen kann.