„Brexit“-Auswirkungen in der Region - Firma Lauda und die Spedition Rüdinger blicken mit gemischten Gefühlen auf das neue Handelsabkommen Brexit: Alles ist besser als ein „No Deal“

Der Partnerschaftsvertrag zwischen der EU und Großbritannien trat am 1. Januar vorläufig in Kraft. Dadurch ändert sich die Arbeit vieler international agierender Unternehmen aus der Region.

Von 
Diana Seufert und Nicola Beier
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Das Familienunternehmen Lauda Dr. Wobser, das auch einen Standort in Großbritannien besitzt, sieht durch den Brexit nicht nur zusätzliche Kosten auf sich zukommen, sondern auch Beeinträchtigungen für die Kunden. Trotzdem ist man froh über den Wirtschaftsvertrag zwischen EU und dem Königreich. © Lauda

Lauda/Krautheim. Der „Brexit“ ist schon seit Längerem beschlossene Sache. Nun gibt es seit 1. Januar auch ein Abkommen, welches das Verhältnis zwischen der Europäischen Union (EU) und dem Vereinigten Königreich regeln soll. Dieser Partnerschaftsvertrag begründet unter anderem eine umfassende Wirtschaftspartnerschaft, welche im Kern auf einem Freihandelsabkommen beruht. Zölle und Quoten sind darin nicht vorgesehen, was den Handel erleichtert.

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Doch was genau bedeutet das für Firmen in unserer Region, die europa- beziehungsweise weltweit agieren? Die FN haben exemplarisch bei der Spedition Rüdinger aus Krautheim und dem Familienunternehmen Lauda Dr. Wobser nachgefragt.

Der neue Partnerschaftsvertrag hat verschiedene Auswirkungen für Lauda als Weltmarktführer für Temperiergeräte. „Für den Stammsitz in Lauda-Königshofen impliziert diese neue Situation einige neue Abläufe in der Abwicklung mit dem „Drittland Großbritannien“, die sich einspielen müssen und die auch mit entsprechenden Implementierungskosten verbunden sind“, sagt Dr. Mario Englert, Geschäftsführer bei Lauda. Gleichsam merkt er an, dass diese Kosten deutlich geringer seien als ein sogenannter „No Deal“. „Insgesamt sind aber für uns die Kosten in der Abwicklung mit Großbritannien gestiegen. Für unsere Niederlassung dort bedeutet die neue Situation, dass aktuell weniger Bestellungen eingehen, da einige große, internationale Kunden ihre Bestellungen aufs Festland verlagert haben. Dies wiederum hat auch wieder reale Beeinträchtigungen für unsere Endkunden in GB, die dann eben längere Bestellwege und damit auch Kosten in Kauf nehmen müssen“, so Englert.

Bei Lauda ist man froh über die Einigung zwischen EU und Großbritannien. „Der Vertrag schafft Rechtssicherheit“, sagt der Geschäftsführer Die Ungewissheit sei ein großes Problem gewesen. „Groß war die Angst vor endlosen Staus am Ärmelkanal, sodass wir ab Mitte Dezember praktisch nicht mehr nach GB liefern konnten. Als global agierendes Unternehmen sind wir es gewohnt, uns mit den verschiedensten Gegebenheiten zu arrangieren, auch wenn diese sehr schwerfällig oder nicht nachvollziehbar sind. Hier kam aber die erlösende Gewissheit praktisch mit dem Weihnachtsbaum. Ganz konkret bedeutete die Situation für uns, dass wir Umsatzverschiebungen im Dezembergeschäft hatten, da Spediteure unsere Waren nicht mehr nach Großbritannien bringen konnten – eine unvorstellbare Situation, die sich durch die damaligen Sonder-Corona-Vorschriften in Calais noch dramatisch verschärften“, gibt der Geschäftsführer zu bedenken.

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Die Spedition Rüdinger aus Krautheim hat es mit dem Partnerschaftsvertrag um einiges leichter. Die Firma bietet Verzollungsdienstleistungen für Import- und Export, Luft- und Seefracht- sowie Straßentransporte an. Außerdem Stückgut- und Ladungsverkehr sowie Lagerlogistik. Für Kunden aus Großbritannien wickeln die Mitarbeiter die Einfuhrformalitäten ab. Ohne den Handelsvertrag hätte Rüdinger keine Transporte mehr auf die Insel durchgeführt, so Martina Kainz, Leiterin Zoll, Luft- und Seefracht, Projektlogistik, Vertrieb Maschinentransport. Mit dem Abkommen wird vieles leichter, wie sie erklärt: „Unser Kerngeschäft in Bezug auf Großbritannien ist die Verzollungsdienstleistung. Durch die gegenseitige Anerkennung von ,Selbstverständlichkeiten’ wie der Gültigkeit des Führerscheins und der Fahrzeugzulassung wird der Grenzübertritt machbar.“

Zusätzliche Kontrollen

Man sieht Vor- und Nachteile im Vertrag: So rechnet Kainz damit, dass das Verzollungsgeschäft wachsen wird und die Lkw-Transporte in Richtung UK zunehmen werden. „Im Bereich Luft-und Seefracht sind bisher keine größere Auswirkung zu erwarten. Im Luftverkehr gibt es Änderungen im Bereich der ,sicheren Lieferketten’. Bei geflogener Luftfracht hat die EU nun Großbritannien als Drittland anerkannt, das Sicherheitsstandards anwendet, welche denen der EU gleichwertig sind. Diese Anerkennung gilt jedoch nur bei geflogener Luftfracht. Luftfrachtersatzverkehre sind davon ausgenommen, weshalb diese Güter dann am EU-Flughafen vor Abflug nochmals einer Sicherungsmaßnahme unterliegen.“

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Der Lauda-Geschäftsführer Dr. Englert ist sicher: „Echte Vorteile sehe ich keine, ein Verbleiben der Briten in der EU wäre für alle besser gewesen.“ Doch man habe mit dem Vertrag nun „ein gewisses Maß an Sicherheit und Verlässlichkeit entlang der Wertschöpfungskette: Über die Bereiche Vertrieb, Auftragsabwicklung, Fakturierung, Finanzbuchhaltung, Steuern und Recht können wir nun die neuen Prozesse leben und in den IT-System abbilden“.

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Nimmt der bürokratische Aufwand zu? Bei Lauda ist die Antwort ein „klares Ja“. Es gebe bei einem „Export“ im Gegensatz zum „Innergemeinschaftlichen Verbleib“ der Waren und Leistungen mehr an Bürokratie zu beachten. Außerdem müssten etwa Schutzrechte wie Patente und Marken zusätzlich angemeldet werden, was vermeidbaren Aufwand darstelle.

Auch bei Rüdinger wird der bürokratische Aufwand „alleine durch die benötigten Zollformalitäten größer. Zusätzlich kommen Themen wie Mitarbeiterentsendung, umsatzsteuerliche und zollrechtliche Registrierungen hinzu“, so Martina Kainz. Außerdem gebe es Änderungen in der Umsatzbesteuerung, wodurch Systemanpassungen notwendig würden.

Kosten steigen

Durch den Mehraufwand steigen auch die Kosten bei den Firmen. So wird zukünftig mehr Geld in die Administration investiert. Die Spedition Rüdinger macht sich durch die zusätzliche Arbeit keine Sorgen. Der Plan sei es nun, sich auf den bürokratischen Mehraufwand einzustellen. „Im Vorfeld haben wir uns in Großbritannien wie auch in vielen anderen Ländern ein partnerschaftliches Netzwerk aufgebaut“, so Kainz. Dies dürfte einiges vereinfachen.

Händler ziehen Geschäft ab

Auch bei Lauda gibt es die langfristig höheren Kosten durch bürokratischen Abwicklung, die innerhalb eines EU-Staates per se einfacher sind. Dazu kämen noch „eine Reihe prozessualer Kosten, welche zum einen in den diversen Umstellungen der Prozesse und IT-Systeme, aber auch – zum anderen – im Erlernen der neuen Prozesse (auch bei den Logistikunternehmen) liegen. In Summe mussten hier substanzielle Aufwendungen getätigt werden“, macht Dr. Englert deutlich. Wie sich die neuen Bedingungen auf die Kunden in Großbritannien auswirken, müsse man sehen. „Grundsätzlich werden wir als Weltmarktführer unsere Kunden weltweit bestmöglich bedienen, unabhängig von den politischen Verwerfungen. Wir beobachten aber in Großbritannien, dass einige große Kunden und Händler ihr Geschäft von dort abziehen. Dies hat Einfluss sowohl auf die Kunden als auch auf die Wirtschaft generell in Großbritannien, nämlich ein verknapptes Angebot und längere Lieferzeiten, da sich Bestellwege verlängern.“

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