70 Jahre Kriegsende - Kreuzwertheimer wollten weitere Opfer vermeiden Drei weiße Fahnen als Zeichen der kampflosen Übergabe

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Kreuzwertheim. Ein Widerstand mit Waffengewalt hätte die Zerstörung des Ortes bedeutet. Dessen war man sich auch in Kreuzwertheim bewusst, in jenen letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs in der Region. Und doch war die Antwort auf die Frage "weiße Fahne hissen oder nicht" in der Marktgemeinde nicht unumstritten, wie sich etwa Gusti Kirchhoff in einem Gespräch mit den Fränkischen Nachrichten zum 60. Jahrestag des Kriegsendes erinnert hatte. Nicht zuletzt, weil man ja nicht gewusst habe, wer in dieser Zeit "noch treu zur Partei stand".

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In der Chronik "1000 Jahre Markt Kreuzwertheim" schreibt Manfred Schneider unter anderem: "Als die amerikanischen Truppen näher rückten, kam es unter der Kreuzwertheimer Bevölkerung zu Auseinandersetzungen, wie der Situation zu begegnen sei. An der Brauerei Lutz war zwar bis in die letzten Tage ein großes Transparent aufgezogen, das über den Main verkündete: 'Wir kapitulieren nie!' Doch nur wenige forderten, sich dem Feind mit Waffengewalt entgegenzustellen. Den meisten erschien die militärische Lage eher aussichtslos. Folglich wollten sie den Ort unter allen Umständen vor weiteren Opfern bewahren und stattdessen die weiße Fahne hissen, um das Dorf kampflos zu übergeben."

Peter Hofmann notierte in seinem "Heimatbuch der Marktgemeinde Kreuzwertheim" folgende Schilderung, die ebenfalls in besagter Chronik veröffentlicht wurde: "Nach Mitternacht von Karfreitag auf Karsamstag 1945 versanken unter heftigen Detonationen beide Brücken in den Fluten des Mains. Deutsche Pioniere sprengten die Brücken vor den heranrückenden Amerikanern. Aus Richtung Nassig hatten die amerikanischen Truppen den Stadtrand von Wertheim erreicht.

Am Waldrand, beim jetzigen Kreuzwertheimer Sportplatz, sowie beim Mahnmal hatten sie vom Flugplatz Wertheim noch Reste deutscher Truppen gesichtet. In der Folge belegten die Amerikaner die Brückenstraße, Kaffelstein, Mahnmal, Obere Pfarrgasse und Viehrain mit Artilleriefeuer und Panzerbrandgranaten. Eine Granate schlug bei Nikolaus Dosch in der Oberen Pfarrgasse in das Nebengebäude ein und tötete ein Schlachtschwein." Ansonsten hielten sich die materiellen Schäden des Beschusses aber in Grenzen.

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Die "Stunde Null" datierte Manfred Schneider für Kreuzwertheim auf den 2. April 1945. In der Chronik schilderte er den Einmarsch der amerikanischen Soldaten, die von Faulbach und Hasloch her kommend aber nicht auf direktem Weg in die Marktgemeinde vorgedrungen seien. Die Vorhut traf schließlich durch die Lengfurter Straße ein "und machte gleich am Beginn der Hauptstraße, neben dem Haslocher Turm, Halt.

Kurz zuvor waren an drei Stellen weiße Fahnen zum Zeichen der kampflosen Übergabe gehisst (worden): Georg Klein hatte sie beim Mahnmal aufgezogen, eine zweite wehte vom Turm der Kirche, die dritte von den Zinnen des Haslocher Turms. Zwei 14-Jährige, Richard Engelbrecht und Philipp Günzelmann junior, hatten sie unübersehbar dort oben angebracht."

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Unmittelbar nach ihrem Eintreffen verhängten die Amerikaner eine Ausgangssperre, die von 18 Uhr am Abend bis um 8 Uhr am Morgen dauerte. Sofort begannen auch Hausdurchsuchungen. Nach und nach, hielt Manfred Schneider fest, habe sich die gesamte Ortsbevölkerung auf dem Rathaus einfinden, sich mit persönlichen Angaben ausweisen und durch Fingerabdrücke kenntlich machen müssen. Die Vereine hatten ihre Tätigkeit zumindest vorübergehend einzustellen, nur die Freiwillige Feuerwehr nicht, die aber nicht exerzieren und auch nicht als Mannschaft, außer zur Brandbekämpfung, in Erscheinung treten durfte.

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In der unmittelbaren Nachkriegszeit wurde das 1933 auf dem Kaffelstein errichtete nationalsozialistische Mahnmal zerstört, vielleicht das nach außen am deutlichsten sichtbare Zeichen für den Beginn einer neuen Zeit. ek