St. Martin Königheim - Beschwerdeschreiben eines Bürgers wegen Lärmbelästigung liegt vor / Keine Glockenschläge mehr zwischen 22 und 6 Uhr Königheim: Kirchturmuhr bleibt nachts stumm

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Marcel Sowa
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Seit Jahrhunderten erklingt der Stundenschlag der Turmuhr der Kirche St. Martin über Königheim. Nach der Beschwerde eines Bürgers wegen Lärmbelästigung ist es damit nun zwischen 22 und 6 Uhr vorbei. © Harald Fingerhut

Seit Jahrhunderten verkündet die Turmuhr der Königheimer Kirche per Glockenschlag, welche Stunde es schlägt. Damit ist es jetzt nachts in der Brembachtalgemeinde vorbei.

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Königheim/Odenwald-Tauber. Der Glockenschlag der örtlichen Kirchturmuhr erklingt in den Gemeinden der Region mindestens zur vollen Stunde. Das ist auf dem Land eine schöne Tradition. Doch die wird immer öfter gebrochen. Jüngstes Beispiel dafür ist die Kommune Königheim.

Bis zum Sommer 2020 war die „Kirchturmuhr-Welt“ dort noch in Ordnung. Ihr Stundenschlag tönte über die Ortschaft. Doch das war einem Königheimer offensichtlich nachts zu laut.

Einzelfall

Wie Bürgermeister Ludger Krug im Gespräch mit den FN bestätigte, ist ein entsprechendes Beschwerdeschreiben eines einzelnen Bürgers aus dem Ortskern im Juli bei der Gemeinde eingegangen. In deren Zuständigkeit fallen die Kirchturmuhren in allen Ortsteilen. Den Brief habe man pflichtgemäß an das Landratsamt als zuständige Immissionsschutzbehörde und an die katholische Kirchengemeinde zur Information weitergeleitet. Mittlerweile seien durch das Landratsamt und die Erzbischöfliche Glockeninspektion aus Heidelberg zwei voneinander unabhängige Lärmmessungen erfolgt. Beide Ergebnisse lagen über dem zulässigen Grenzwert.

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„Grundlage für die Beurteilung schädlicher Umwelteinwirkungen durch Geräusche bildet die Technische Anleitung zum Schutz gegen Lärm (TA Lärm)“, informierte Markus Moll, Pressereferent des Landratsamts Main-Tauber-Kreis auf FN-Anfrage. Laut TA ist beim Stundenschlag der Kirchturmuhr eine maximale Lautstärke tagsüber von 60 Dezibel (dB(A)) sowie nachts zwischen 6 und 22 Uhr von 45 dB(A) erlaubt. „Einzelne kurzzeitige Geräuschspitzen, wie zum Beispiel das Glockenschlagen, dürfen die Immissionsrichtwerte am Tage um nicht mehr als 30 dB(A) beziehungsweise in der Nacht um nicht mehr als 20 dB(A) überschreiten.“

Bei der Untersuchung durch das Landratsamt sei in Königheim „das Zwölf-Uhr-Schlagen einschließlich des Viertelstundenschlages zur vollen Stunde zur Tagzeit gemessen“ worden. Übertrage man die Messergebnisse auf die Nachtzeit, ergebe sich ein Beurteilungspegel von 53,7 dB(A) für die lauteste Nachtstunde. Moll: „Es liegt somit eine Überschreitung des zulässigen Immissionsrichtwerts von 8,7 dB(A) vor.“ Weiterhin sei ein Maximalpegel (einzelne kurzzeitige Geräuschspitzen) von 83,8 dB(A) gemessen worden. Der zulässige Immissionsrichtwert für kurzzeitige Geräuschspitzen für den Nachtzeitraum werde um 18,8 dB(A) überschritten.

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Das Messergebnis lasse keine andere Wahl, betont Krug. Um einer Anordnung des Landratsamts zuvorzukommen, haben Kommune und Kirchengemeinde entschieden, die Uhr nachts „ruhigzustellen“: So bleibt die Kirchenuhr nun immer zwischen 22 und 6 Uhr stumm.

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Dies gilt aber nur für den Stundenschlag. Denn das liturgische Läuten etwa bei Gottesdiensten ist durch die freie Religionsausübung geschützt. Das wurde durch einige Gerichtsurteile bestätigt. So entschied das Bundesverwaltungsgericht, dass das liturgische Glockengeläut „eine zumutbare, sozialadäquate Einwirkung darstellt und keine im herkömmlichen Rahmen regelmäßige erhebliche Belästigung“.

Wie der Bürgermeister weiter sagte, habe es Überlegungen gegeben, wie die Lautstärke des Glockenschlags im Turm von St. Martin technisch zu verringern sei. Generell könne man die Fallhöhe der Schlaghämmer reduzieren, Bronzepuffer in deren Köpfe einpressen oder Schallfenster des Turms weiter schließen. Dies reduziere aber auch die Hörbarkeit des Uhrenschlags am Tag, erläuterte Martin Kares. Er leitet seit 1990 das Orgel- und Glockenprüfungsamt der Evangelischen Landeskirche in Baden, veröffentlichte mehrere Publikationen zum Thema Glocken und ist in ganz Europa als Gutachter gefragt. Als eine teure Modifikation nennt er den Einbau eines zweiten Uhrschlaghämmer-Satzes – „einen für den Tag und einen für die Nacht“.

Möglich wäre in Königheim, die Schallläden am Kirchturm zu verstärken, erklärte Krug. Im Gegensatz zu Veränderungen an der Uhr wäre diese Variante wiederum Sache der Kirchengemeinde. Denn der Turm falle in die Zuständigkeit der Pfarrgemeinde.

Doch egal für welche Maßnahme man sich entscheiden würde, beide sind teuer. Zudem, so der Rathaus-Chef, können die Experten nicht garantieren, dass nach einem Umbau die Grenzwerte eingehalten werden.

Auch wenn Krug die nächtliche Abschaltung des Stundenschlags bedauert und nach seiner Meinung vor allem ältere Mitbürger diesen sicherlich als zeitliche Orientierung vermissen werden, betont er mit Blick auf den Beschwerdeführer und die geltenden Grenzwerte: „Der gesetzliche Anspruch ist da, den müssen wir erfüllen.“ Zudem gebe es keinen Bestandsschutz, der das Schlagen der Glocken als nächtliche „Zeitansage“ legitimieren würde.

Mancher vermisst Stundenschlag

„Mir persönlich tut es leid, dass es so ist“, findet es auch Gemeindepfarrer Franz Lang schade, dass der Stundenschlag zwischendurch ausgesetzt werden muss. Dieser werde besonders von älteren Leuten vermisst, „die den Uhrschlag von Kindesbeinen an kennen“. Nachdem seit dem 22. Januar in der Nacht keine Glocke mehr zu hören ist, „haben sich manche schon beschwert, dass die Uhr nicht mehr schlägt“.

Keine Chance sieht der Pfarrer für einen technischen Umbau. Denn nach Auskunft des Glockeninspekteurs käme das teuer. Lang: „Würden wir alles machen, was möglich wäre, liegen wir im Bereich von rund 50 000 Euro. Das ist für uns sowie für die politische Gemeinde eine riesige Summe, nur um den Wert um 20 Dezibel zu drücken.“ Und das noch dazu ohne Garantie, dass der Grenzwert eingehalten werde.

Die Kritik am Glockenschlag war für Pfarrer Lang „etwas ganz Neues“, wie er sagt. „Die letzte Beschwerde über das Glockenläuten gab es in den 1930er Jahren. Damals waren es aber wohl eher politische Gründe“, blickt er zurück. Jetzt müsse man die gesetzlichen Vorgaben erfüllen. Das Abschalten des Stundenschlags sei zwar bedauerlich, „aber wir können es momentan nicht ändern“.

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