Kabarett

In Brehmen: Sittenstrolch entpuppt sich als kluger Mahner

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akk
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Brehmen. Mit seinem Programm „Sittenstrolch“ begeisterte Mathias Tretter das Publikum im Brehmer Bürgerhaus.

Kornel Bischof, Vorsitzender der Aktion Kunst und Kultur im Bürgerhaus Brehmen (AKK) , freute sich im Namen des Teams über die Treue und Unterstützung des Publikums trotz langer Coronapause. Mathias Tretter bezeichnete er als einen der besten Kabarettisten Deutschlands.

Kabarettist Mathias Tretter brillierte in Brehmen als „Sittenstrolch“. © AKK

Dieser schlich nicht „im halboffenen Trenchcoat mit lüsternem Blick“ auf die Bühne. Der „Sittenstrolch“ alias Tretter wirkte ganz manierlich und posierte im feinen Zwirn. Seine Fans aus Brehmen und Umgebung warteten schon gespannt auf seinen Auftritt, den er mit dem Satz „Selten war ein Strolch so notwendig wie heute!“ in Szene setzte.

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In seinem achten Bühnenprogramm geht es um die demokratisierende Kraft des Internets, den Zwang zur Selbstoptimierung, um virtuelle Freunde, asoziale Netzwerke, populäre Populisten und bizarre Trends, die wachsende Zahl ehrenamtlicher Bedenkenträger, Sittenpolizisten und Moralapostel.

Es gelingt Tretter wunderbar, ein ernstes Thema mit erstaunlicher Pointendichte zu durchdringen. Klug, gespickt mit anarchischem Witz und einer wohltuenden Portion Selbstironie stochert er im Wesentlichen herum.

Den Strolch nimmt man Mathias Tretter mit seinen schonungslosen Pointen ab – das mit der Sitte eher nicht. Er braucht keine schlüpfrigen Monologe. Er brilliert als präziser Beobachter des Zeitgeists und sah den Sittenverfall vor allem im Internet. Dort, wo sich Menschen beliebig Bedeutungsloses mitteilen, Sex nur noch virtuell stattfinde und sich Menschen gegenseitig beim geringsten Anlass zu Wut und Hass anstachelten. Er kritisiert, dass es vor lauter Sexismus-Debatten immer weniger Sex gäbe: „Überall Geschlecht, weniger Verkehr, früher Sex, heute Gender.“

Die Körper würden optimiert, aber kämen gar nicht mehr zum Einsatz. Keiner wolle mehr was riskieren. Hieß es früher, kommst du noch rauf auf einen Kaffee, gäbe es heute nur noch Kaffee. Wurden früher Ehepartner von den Eltern ausgesucht, würden die Rolle heute Algorithmen übernehmen: Programmierer steuern das Geschlechtsleben und finden den idealen Partner: „Alle elf Minuten verliebt sich ein Mensch im Internet, alle elf Monate sind sie wieder getrennt.“

Mathias Tretter seziert die Dinge so haarscharf, dass es wehtut. Er ist am Puls der Zeit mit seiner gnadenlosen Wortwahl. Auch beim Versuch einer politisch korrekten und vor allem gewaltfreien Gender-Sprache, die er ad absurdum führt. Sein Publikum ist auf Augenhöhe und beklatscht seine Pointen, die er ständig abfeuert. Die anhaltenden Lacher kommen von Herzen und sind ein Zeichen, dass viele ihn und seinen Humor kennen und lieben.

Im Dialog immer virtuell dabei, ist Tretters Jugendfreund Ansgar, der aktuell nur noch eine 16tel Stelle als Dozent für Philosophie innehat, dafür aber mit Cheng Li, einer chinesischen Pianistin „liiert“ ist. Die hat er auf dem Dating-Portal kennengelernt. Warum sie sich ausgerechnet Ansgar ausgesucht hat? Die Antwort hat der künftige Gatte parat: „Die wollen was Scharfes aus Europa, die wollen Geist, den Geist von Bach und Mahler.“ „So wie Mao einst die Künstler zu den Bauern holte, holt sich Cheng Li jetzt den Bauern ins Haus“, so sein Freund.

China sei das Land, „das 50 Jahre hinterher war und nun 20 Jahre voraus“: „Sie leben in der Zukunft, wir in der Vergangenheit“, betont er weiter. Dabei produziere das Land Hochtechnologie für die ganze Welt, aber betreibe Märkte wie im zwölften Jahrhundert.

Die Menschen zum Lachen zu bringen, sei sein Beruf, betont Tretter. Doch im Lockdown und nach „fünf Sommerpausen in zwei Jahren“ gebe es immer sofort moralischen Druck. Gegen den oft gehörten Satz helfe kein Humor: „Weißt du eigentlich, was auf den Intensivstationen los ist?“: Dieser Stimmungskiller zieht sich durch das Programm wie ein Leitmotiv. Auch da, wo er nicht passt, wird er eingeflochten – und das ist in der Wiederholung urkomisch.

Tretters Ausflug zum Thema Kulinarik provoziert das Zwerchfell: So mag er es nicht, wenn der Kellner in einem Neo-Restaurant ihn duzt. Sein Tipp: Solche „Kulturbetriebe“ betritt man am besten „schlampig“. Denn Leute im Anzug würde man dort für die Gewerbeaufsicht halten. In den neuen Feinschmecker-Oasen erzählt der Koch Geschichten von seiner „Kindheit im Gärkeller“ nach dem Motto: „Der Gast müsse den Koch schmecken“ – und die Gäste müssten das essen. Fermentiertes sei gerade in Mode, „Sauerkraut aus Tee der Ming Dynastie in Franken hergestellt“ und dazu einen 82er Bordeaux auf Eis: „Hauptsache authentisch!“. Man frage nicht nach Wünschen, sondern nach Allergien.

In Zeiten der Inflation lautet Tretters Devise: „Hauen Sie das Geld raus. In einem Jahr kriegen Sie nur noch die Hälfte – auch von mir!“ Dabei fragt er sich insgeheim, ob er dann auch mal in Naturalien bezahlt würde. Dass deutsche Behörden die Raumtemperatur „runterregeln“ hält er für sinnvoll, „da Beamte bei Wärme schneller faul werden. Denn: Kälte konserviert“. Eher Tausendsassa als Sittenstrolch, dem seine vielen Geistesblitze sicher nicht beim „Strolchen“, sondern in der präzisen Analyse der hochbrisanten Weltkrisen einfallen. Mathias Tretter ist ein kluger Mahner vor einer Zukunft, die gar nicht so trüb, aber eben gefährlich gelb werden könnte.

Bei den Gästen im Brehmer Bürgerhaus kamen seine peniblen Recherchen gut an. Die Fans honorierten so viel bösen Wortwitz und die scharfe Analyse der aktuellen „Zeitenwende“ mit begeistertem Applaus. Mathias Tretter ist ein kluger Mahner vor einer Zukunft, die gar nicht so trüb, aber eben gefährlich gelb werden könnte. akk