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Straßennamen (Teil 29) - Die Kirchbergstraße führt zum Igersheimer Kirchberg, wo einst die Martinskirche stand, die von Eremiten betreut wurde / 1796 abgebrochen

Einsiedler waren Hüter der Bergkirche

Von 
Joachim W. Ilg
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Oberhalb von Igersheim, hinter der Kapelle (rechts im Bild) auf dem Kirchberg, die von der Kolpingfamilie 1991 im Jahre der Seligsprechung von Adolph Kolping errichtet wurde, befand sich die Martinskirche, zu der Gläubige aus Igersheim, Markelsheim und Neuses gepilgert waren. © Joachim W. Ilg

Kirchbergstraße, Kirchberg und Kirchbergring: Sie erinnern an ein Gotteshaus, das es nicht mehr gibt. Einsiedler waren die letzten Hüter der Martinskirche.

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Igersheim. Wenn von Kirchgasse oder Kirchstraße die Rede ist, dann ist meistens auch eine Kirche nicht weit. In Bad Mergentheim steht zum Beispiel das Münster zwischen Ledermarkt und Kirchstraße. In Igersheim verläuft die Kirchgasse an der Rückseite der Michaelskirche. In dieser Gemeinde gibt es aber nicht nur die Kirchgasse, sondern auch die Kirchbergstraße, den Kirchberg und den Kirchbergring. Wo aber befindet sich die dazugehörige Kirche? Man sucht sie heute vergeblich. Aber es gab sie. Sie stand oberhalb der Kirchbergstraße auf dem Kirchberg und hatte Jahrhunderte auf dem Buckel. 1796 war ihre Zeit gekommen. Sie hatte ausgedient und musste abgebrochen werden.

Die Martinskirche, von der hier die Rede ist, war wahrscheinlich die erste Kirche der Gemeinde und wurde zur Verehrung des Frankenheiligen Martin errichtet. Das war der Mann mit dem geteilten Mantel.

Tausend Jahre lang soll die Martinskirche Christen zu sich auf den Berg gezogen haben, bis sie zu klein, zu alt und zu baufällig geworden war. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde sie abgebrochen. Da hatte sie aber schon lange nicht mehr die Hauptrolle im christlichen Leben des Ortes und der Umgebung gespielt. Die Hauptrolle hatte die im Dorf befindliche und leicht zu erreichende Pfarrkirche St. Michael längst übernommen.

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Damit aber die Bergkirche nicht völlig verwaiste, wurde sie in den letzten Jahrzehnten ihres Bestehens von Einsiedlern betreut, nachdem in ihr nur noch gelegentlich Gottesdienste gefeiert worden waren. Aber auch die Eremiten konnten nicht für das Überleben des hinfällig gewordenen Gotteshauses, das auch Martinskapelle genannt wurde, sorgen. Die Kirche unten im Ort musste erneuert und erweitert werden, und dies nahm die Gemeinde so in Anspruch, dass der Abbruch der Martinskirche beschlossen und damit der Dienst der Eremiten beendet wurde.

„Armer Eremit“

Einer der ersten Eremiten war Martin Schürer aus Althausen. In einem Schreiben vom 24. Mai 1758, gerichtet an den Hoch- und Deutschmeister in Mergentheim, bittet Schürer die Deutschordensregierung um Erlaubnis, an die Martinskapelle in Igersheim eine kleine Wohnung anbauen und sich dort „als armer Eremit zeit meines Lebens aufhalten“ zu dürfen. Die Igersheimer Gemeinde, so Schürer, „hat sich schon vernehmen lassen, mit Hand anzulegen, damit die St. Martinskapelle, welche in argem Zustand ist, wieder zur größeren Ehre Gottes in besseren Zustand gesetzt und erhalten werden möchte.“ Schürer hofft „gnädigst erhört zu werden“. Und er wird erhört.

Da die Gemeinde Igersheim es gerne sähe, dass auf dem Kirchberg die Andacht zur Ehre Gottes wieder gefördert werde, wie das in alten Zeiten der Fall gewesen sei, bewilligt sie unter Vorbehalt der herrschaftlichen Genehmigung durch die Ordensregierung eine Eremitage an der St. Martinskirche. Auch die Deutschordensregierung gibt dem Bruder Paul, wie Martin Schürer genannt wird, grünes Licht für die Errichtung einer Einsiedelei an der Bergkirche.

Eigentlich wollte Bruder Paul ja sein Leben lang als „armer Eremit“ zur Ehre Gottes in der Martinskirche dienen, aber fünf Jahre nach seinem Dienstantritt verschwindet er auf Nimmerwiedersehen. Zuvor hatte er sich noch 1759 dafür eingesetzt, dass ein zweiter Eremit angesiedelt werde. Es handelt sich dabei um Philipp Michelbach aus Königshofen, bei dem es sich laut einem Zeugnis des Pater Benedikt vom Kapuzinerkloster Mergentheim um einen frommen und ehrlichen Menschen handeln würde, der zudem ein Vermögen von 600 Gulden habe. Daher würde er der Gemeinde nicht zur Last fallen. Am 11. Mai 1762 verstirbt Philipp Michelbach.

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Am 28. März 1763 bewirbt sich mit Stephan Mitnacht aus Oberbalbach der nächste Kandidat für den Eremitenposten und begründet dies damit, dass er „nach öfterer Anrufung des Heiligen Geistes“ nun „genugsam erkenne“, dass Gott von ihm verlange, „die Eremitage zu Igersheim nächst der Martinskirche“ zu beziehen. Da er nicht die dafür notwendigen finanziellen Mittel habe, erklärt er sich bereit, der Kirche „einen jährlichen Zins zu entrichten auf das Vermögen, das mir nach dem Tod meines Vaters zufällt und sich auf ungefähr 50 Gulden belaufen wird“. Auch das Gastspiel des Eremiten Mitnacht währt nicht lange, denn schon am 13. Juli 1763 bitten Peter Beil, Diener am Priesterseminar zu Mergentheim, und Franz Hilger aus Würzburg als Eremiten an der Martinskirche Almosen sammeln zu dürfen.

Totensteige zum Friedhof

Wahrscheinlich sind Beil und Hilger bis 1770 als Eremiten tätig, denn am 24. April 1770 bewirbt sich Anton Erkers aus Hildesheim und bittet um Erlaubnis, Naturalien für seinen Unterhalt sammeln zu dürfen. Am 11. Juli 1770 bestätigt ihm die Deutschordensregierung, dass er 50 Gulden bezahlt habe. Er dürfe aber von niemandem etwas fordern und müsse sich mit dem begnügen, was ihm von guten Leuten freiwillig gegeben werde.

Obwohl man mit einigen Eremiten Verdruss hatte, gibt es nochmals grünes Licht für die Bewerbung eines weiteren Einsiedlers. Ferdinand Eichholtz aus Unterginsbach erhält 1777 die Genehmigung, sich an der Kirche niederzulassen, denn der Deutsche Orden und die Gemeinde Igersheim seien froh, dass überhaupt noch jemand bei der Kirche ist. Aber ihr letztes Stündlein ist nicht mehr fern. 1796 wird das uralte Gotteshaus abgebrochen. Damit endet auch diese ungewöhnliche Zeit des Eremitendaseins am Igersheimer Kirchberg.

Nur einige Meter entfernt von der Kapelle auf dem Kirchberg, die von der Igersheimer Kolpingfamilie 1991 im Jahre der Seligsprechung von Adolph Kolping errichtet wurde, steht ein Feldkreuz zwischen zwei Kastanienbäumen. Es steht auf dem Platz, auf dem einst die Martinskirche stand. Das Kreuz wurde am 8. Mai 1896, 100 Jahre nach Abbruch der Kirche, errichtet. An der Kirche befand sich auch der Friedhof der Gemeinde, weshalb das letzte Stück zur Kirche auch Totensteige genannt wurde.

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