Corona trifft auch die Hardheimer Geschäftswelt hart - Die FN standen buchstäblich „allein“ mit den jeweiligen Verantwortlichen in deren liebevoll dekorierten Läden Wünsche werden trotz geschlossener Türen erfüllt

Von 
Melanie Müller
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Die Corona-Pandemie bremst auch Bernadette Balles vom „Bahnhof 1910“ seit Monaten aus – nicht nur in ihrer Kreativität. © Melanie Mueller

Hardheim. „Wer braucht schon eine neue Handtasche, wenn er sie Corona-bedingt eh nicht ausführen darf?“ – und: „Warum einen neuen Bücherranzen kaufen, wenn die Schulen ihre Pforten bis auf Weiteres nicht öffnen dürfen?“ Die FN haben in Hardheimer Geschäften vorbeigeschaut und standen buchstäblich „allein“ mit den jeweiligen Verantwortlichen in deren liebevoll dekorierten vier Wänden, in denen Corona-bedingt nur eines fehlt: Kunden. – Außer bei den Optikern. Die wurden als systemrelevant eingestuft, dürfen vor Ort beraten, müssen aber während des Lockdowns ihre Schmuckbereiche schließen.

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Erfahren haben wir unter anderem, dass das „click & collect“-Geschäft für viele nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist – und wie wichtig in Zeiten wie diesen Stammkunden sind, die den Unternehmen vor Ort die Treue halten, auch während und nach dem zweiten Lockdown.

Bahnhof 1910: „Am Anfang? Das war richtig schlimm“, erinnert sich Bernadette Balles vom „Bahnhof 1910“ an den ersten Lockdown im Frühjahr 2020. „Die Rechnungen kamen mit der Ware. Wir haben sie ausgepackt, alles dekoriert – und dann mussten wir zumachen“. Von heute auf morgen habe sie kein Einkommen mehr gehabt. Obwohl sie „drei Standbeine“ in ihrem „Bahnhof 1910“ unter einem Dach vereint: Da gibt es die Halle (mit Kulturprogramm und Vermietung), das Hutatelier samt Laden – und das Café, das vor zwei Jahren eröffnet wurde.

„Vielleicht zwei Tage“ habe sie vor dem ersten Lockdown Zeit gehabt, bevor sie die Türen schließen musste. Auch die Ausstellungen, Kunsthandwerkermärkte und Weihnachtsmärkte, auf denen sie vor allem ihre Atelier-Hüte ausstellt und verkauft, fanden nicht statt. Was ihr damals durch den Kopf gegangen sei? „Erst mal glaubt man es nicht, ist fassungslos. Fragt sich: Wie soll ich das schaffen – mit so vielen Rechnungen auf dem Schreibtisch? Null Einnahmen standen die Fixkosten gegenüber, denn: Das läuft ja alles weiter – inklusive vieler richtig teurer Versicherungen – wegen der Veranstaltungen. Die kann man ja nicht aussetzen. Niemand konnte sagen, wie lange der Lockdown geht“, so Balles. „Dann durften wir endlich wieder aufmachen – voller Hoffnung.“ Unter anderem gab es damals Kaffee und Kuchen. Nussecken und Linzertorte durften die Gäste aber Corona-bedingt nicht „vor Ort“ genießen – sondern bekamen sie „zum Mitnehmen“ eingepackt. Eine wirklich große Resonanz habe sie von ihren Kunden erhalten, „die uns in den harten Wochen stets zugesichert haben, dass sie sich mit uns freuen, wenn wir endlich wieder aufmachen dürfen. Wir können es auch nach dem zweiten Lockdown nicht mehr erwarten – dass sich Leute wieder im ,Bahnhof 1910’ verabreden – denn: Er soll ein Treffpunkt für Jung und Alt sein, das ist mir eine Herzensangelegenheit.“ Für Unmut sorgt bei Bernadette Balles, dass es vonseiten der Politik nach wie vor „keinen Plan“ gibt. „Beim ersten Lockdown hieß es, die zweite Welle kommt im Herbst. Man hatte also den ganzen Sommer Zeit, Pläne zu entwickeln. Und jetzt? Jetzt weiß man wieder nicht, wo es hingeht“, ist sie enttäuscht. „Die größte Schwierigkeit ist diese lähmende Unsicherheit. Normalerweise würde ich auf Messen für die Frühjahr/Sommer-Saison einkaufen. Was kann ich in meiner finanziellen Situation überhaupt leisten, wo ich nicht einmal weiß, wann ich wieder öffnen darf? In den großen Einkaufszentren und Discountern tummeln sich die Leute, dort darf ja alles verkauft werden.“ Sorgen macht sie sich, „dass irgendwann nur noch die Großen überleben. Wir verbrauchen unser Erspartes. Das wird richtig dramatisch, wenn es nicht bald besser wird.“ Ihr „Bahnhof 1910“ sei ihr Beruf, ihre Existenz und ihr Leben – und dass es Kultur gebe, für viele ein Stück Lebensqualität. „Ich möchte doch lieber arbeiten, als Bittsteller beim Staat zu sein.“ Daher appelliert sie an die Verantwortlichen, zu überlegen, wie man es möglich machen kann, dass kleine Geschäfte wieder aufmachen dürfen, etwa mit Individualterminen. „Wir halten uns an die Maßnahmen“, verspricht sie.

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Bis es so weit ist, und sie ihre Pforten „wie früher“ wieder öffnen darf, bietet sie sonntags sowie an Feiertagen von 14 bis 17 Uhr „Kuchen zum Abholen“ an. Außerdem gibt es die Möglichkeit, über „click & collect“ Produkte im Internet auszusuchen – und dann bei ihr abzuholen. Weitere Informationen gibt es unter www.bahnhof1910.de im Internet.

Raumgestaltung Beuchert: Tanja Lakeit und ihr Bruder Andreas Beuchert sind Geschäftsführer der Raumgestaltung Beuchert GmbH. Während der Hauptgeschäftszweig, die Raumgestaltung, auch in Corona-Zeiten weiterläuft (natürlich unter Einhaltung der Hygienemaßnahmen), muss der an der Ortsdurchfahrt gelegene Laden nach wie vor geschlossen bleiben.

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Allerdings dürfen ihre Kunden, die im Schaufenster etwas Schönes entdeckt haben, sich bei ihr telefonisch melden und das Ganze dann nach Terminvereinbarung abholen. Diese Möglichkeit gibt es wieder seit dem 18. Januar. Allerdings „gehe“ auf diesem Wege „fast gar nichts“ über die Ladentheke, der Verkauf in diesem Bereich sei „nicht relevant“. Das sei kein Wunder: „Zurzeit ist ja kein Präsenzunterricht in den Schulen. Wer braucht da schon Rucksäcke oder Bücherranzen?“ Käufe wie diese würden ihre Kunden daher „vor sich her schieben“. Gleiches gelte beispielsweise für Handtaschen. „Es kann ja eh niemand ins Restaurant oder bummeln gehen.“ Da jeder zu Hause bleiben und seine Kontakte auf ein Mindestmaß beschränken solle, bräuchten die Leute in Zeiten wie diesen nicht viel. Erschwerend hinzu käme, dass in vielen Familien Corona-bedingt auch weniger Geld zur Verfügung stünde – was nicht zuletzt der Kurzarbeit geschuldet sei. „Corona pfuscht uns leider ins Handwerk“, so Lakeit, aber: „Wir wissen, was wir tun.“ Gemeinsam würden sie und ihr Team eine Lösung für ihre Kunden und deren Zuhause finden. Weitere Informationen gibt es unter Telefon 06283/6257 (von 9 bis 12.30 Uhr).

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Flower-Power: „Blumen sind Seelentröster“, verrät Floristin Sonja Haumann. Seit 2004 bietet sie in der Wertheimer Straße „Flower Power“ an. „Jeder freut sich über Blumen. Gerade in Corona-Zeiten kann man damit seinen Liebsten ein Lächeln ins Gesicht zaubern.“ Auch wenn es der „Flower Power“-Inhaberin selbst nicht unbedingt zum Lachen ist, denn: Wie viele andere Besitzer von kleinen Geschäften kämpft auch sie ums Überleben. „Wenn es so weitergeht, wird es kritisch“, äußerst sie ganz unverblümt, aber: „Ich will nicht nur jammern. Ich gebe noch nicht auf!“ Besonders „tragisch“ seien für sie die Tage vor Weihnachten gewesen, an denen sie – ohne lange Vorwarnung – die Pforten ihres Blumenladens Corona-bedingt schließen musste. „Das Weihnachtsgeschäft ist komplett ausgefallen.“ Immerhin war es möglich, das Bestellte – Sträuße, Kränze, Deko für Zuhause – auszuliefern, eine logistische Meisterleistung. „Hätten wir aufmachen dürfen, wäre es trotz alledem sogar noch ein gutes Jahr geworden.“ Aber es kam anders. Und so ging Haumann nicht nur ein Großteil des Weihnachtsgeschäftes „durch die Lappen“. Da 2020 die meisten Feierlichkeiten wie Hochzeiten, Geburtstag, aber auch Weihnachtsfeiern abgesagt werden mussten, die Restaurants geschlossen hatten und „sogar die Kirchen nur noch winzig geschmückt haben“, hatte sie keine Großaufträge. Rund 40 Prozent Umsatz seien ihr weggebrochen. Da fast jede Branche von Corona hart getroffen wurde, ziehe sich das Ganze „wie ein Rattenschwanz“. Aber auf ihre Stammkunden sei Verlass. Seit Mitte Januar dürfen diese nur wieder in ihr Geschäft – allerdings nicht, um sich persönlich einen Strauß binden zu lassen, sondern „nur“, um diesen abzuholen. Vorausgesetzt, sie haben diesen einige Tage vorher telefonisch in Auftrag gegeben. „Spontankäufe sind zurzeit nämlich leider nicht möglich, denn: die Kunden wollen ja frische Ware.“ Blumen auf Vorrat? Zurzeit „unmöglich“. Ihre Ware bestellt die Floristin direkt in Holland und bekommt sie spätestens drei Arbeitstage später geliefert. „In“ sind zurzeit alle Frühlingsblüher wie Tulpen, Freesien, Rosen und Hyazinthen. „Hauptsache, es kommt Farbe in unsere vier Wände.“ Weitere Infos gibt es unter www.flower-power-hardheim.de sowie unter Telefon 06283/226603.

Augenoptik Barth: „Ich bin immer für meine Kunden da“, verspricht Jürgen Barth. Er bietet seit vielen Jahren im Erfapark Augenoptik an. Und das hat sich auch in Corona-Zeiten nicht geändert. Er öffnet seine Pforten nach wie vor vor- und nachmittags: von 8 bis 12 sowie von 14 bis 17 Uhr. Bei der Terminvergabe achte er auf einen „gewissen Rhythmus“, so dass nie Andrang vor seinem Laden herrsche und seine Kunden auch gleich dran kommen, ohne unnötige Wartezeiten. Selbstverständlich halte er sich strikt an die vorgeschriebenen Hygienemaßnahmen. Dadurch, dass die Kunden einzeln ins Geschäft gebeten werden, könne er gewährleisten, dass nichts passieren kann. Geschlossen ist zurzeit Barths Schmuckabteilung. „Es gibt aktuell keinen Verkauf und keine Reparaturen“. Allerdings: „Würde jemand etwas Schönes im Schaufenster entdecken, darf er mir ein Foto schicken.“ Er hinterlege das Gewünschte für seinen Kunden, der es dann bei ihm abholen dürfe. „Trotz schwieriger Zeiten habe ich viele Neuheiten eingekauft“, so Barth, der hinzufügt, dass er sein Augenoptik-Geschäft stets auf dem neuesten Stand halte und so gewappnet sei für die kommenden Jahre, in denen er gerne für seine treuen Kunden aus Hardheim und Umgebung da sein werde. Weitere Informationen gibt es unter Telefon 06283/1221.

Uhren-Optik Gärtner: „Es war mir immer wichtig, dass wir jeden Tag für unsere Kunden da sind“, so Michael Gärtner, Geschäftsführer der Uhren-Optik Gärtner GmbH. Im Vergleich zum ersten Lockdown – damals hat er seine Öffnungszeiten auf zwei Stunden vor- und zwei Stunden nachmittags reduziert – „haben wir aktuell ganz normal geöffnet: montags und dienstags sowie donnerstags und freitags von 8.30 bis 12.30 und 14 bis 18 Uhr, samstags von 8.30 bis 12.30 Uhr.“ Während das Brillengeschäft „unverändert gut weiterläuft“, darf Michael Gärtner Schmuck nur mittels „click & collect“ verkaufen. Was „in diesem Bereich“ seit Mitte Dezember „passiere“, sei aber „ganz überschau- und abzählbar“. Reparaturen, Instandsetzungen, Batterie- und Bandwechsel dürfen hingegen weiterlaufen. „Wir sind systemrelevant, und so freue ich mich, gemeinsam mit meinem Team auch weiterhin unsere Kunden bedienen zu dürfen, denn: Persönliche Betreuung ist einfach wichtig.“ Weitere Infos gibt es unter Telefon 06283/50507.

Schuh Berberich: Auch Schuh Berberich musste Mitte Dezember bis auf Weiteres die Pforten schließen. Inhaberin Christiane Göth und ihrer Schwiegertochter Julia machen neben dem fehlenden Kundenkontakt natürlich auch der finanzielle Ausfall zu schaffen. Wegen des ersten und des jetzigen Lockdowns „sind uns mit dem März und Dezember schon zwei sehr umsatzstarke Monate weggefallen“. Das Umsatzminus sei deutlich spürbar und ein Ende leider noch nicht absehbar. Obwohl sie noch nicht wissen, wann sie ihren Laden wieder öffnen dürfen, müssen sie die Bestellungen für Juli und August aufgeben – und gehen somit in Vorleistung. Der Online-Verkauf helfe, zumindest die Fixkosten im Zaum zu halten. Auf Wunsch stellen sie für ihre Kunden gerne eine Auswahl zusammen, die dann zu Hause anprobiert werden darf. „Wir verkaufen aber definitiv lieber vor Ort“, so die Göths, die betonen, wie wichtig die persönliche Beratung vor allem bei Kinderschuhen sei. „Beim Vermessen ist Fachkompetenz gefordert.“ Nur so könne man sicher sein, dass es der richtige Schuh für den Fuß ist, ein Schuh, „der einfach sitzt“. Während Outdoor-, Fitness- und Wellnessschuhe in Coronazeiten besonders gut „gehen“, sei man „auf Pumps und Galanterie“ sitzengeblieben. Weitere Infos gibt es unter www.shop.schuh-berberich.de sowie unter Telefon 06283/1537.

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