In den Abendstunden des Karfreitags 1945 - Die US-Armee zog im Erftalstädtchen ein / Augenzeugen: „Die Amerikaner fuhren Panzer an Panzer, mindestens 40 bis 50 an der Zahl, an unserem Haus vorbei“ „Was wir sahen, verschlug uns den Atem“

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Hans Sieber
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Der von den US-Soldaten am 1. April 1945 erschossene polnische Kriegsgefangene Jan Jankowiak fand auf dem Hardheimer Friedhof seine letzte Ruhestätte. Im Rahmen der Friedhofumgestaltung erhielt sein Grabstein zusammen mit dem seines Landsmanns Wladislaw Dzwonek (1948) einen neuen Platz mit einer Gedenktafel an den am 9. März 1943 am Dritten Sandweg gehenkten Stanislaw Piakowski. © Hans Sieber

Hardheim. In den dunklen Abendstunden des Karfreitags 1945 zog denn auch die US-Armee im Erftalstädtchen ein. Reinulf Katzenmaier erinnert sich, dass die US-Panzer in den Abendstunden aus Richtung Höpfingen einzogen. Wegen der angeordneten Verdunkelung gab es auch keine Straßenbeleuchtung, weshalb man nur die kleinen Positionsleuchten der US-Panzer erkennen konnte.

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„Unser Großvater ließ uns aus einem schmalen Spalt der Haustüre auf die Straße lugen“, so seine Erinnerungen. „Was wir sahen, verschlug uns den Atem, denn die Amerikaner fuhren Panzer an Panzer, mindestens 40 bis 50 an der Zahl, an unserem Haus vorbei in Hardheim ein. Welch ein Unterschied zu den armseligen Einheiten der Deutschen Wehrmacht? Unsere Großeltern hatte große Angst und wir sollten uns im Keller – der als Luftschutzkeller ausgewiesen war – aufhalten. „Man konnte ja nicht wissen, wie sich die Eroberer verhalten würden“.

„Trauten uns nicht aus dem Haus“

Auch Elisabeth Künzig berichtete dazu: „Wir hielten uns im Haus in der Bahnhofstraße auf und trauten uns nicht auf die Straße. Das Brummen der Panzer von der nur knapp einhundert Meter entfernten Walldürner Straße war furchterregend und Angst einflößend.“

Und auch der zwölfjährige Berthold Beuchert „linste“ aus dem Fenster des Obergeschosses seines Elternhauses in der Hofackerstraße (heute Würzburger Straße) und sah die vorbeifahrenden US-Panzer. „Die Türme waren in unserer Augenhöhe und wir konnten die Soldaten auf dem Panzerturm sehen. Da erst merkten wir, gegen welche gewaltige Schlagkraft sich unsere tapferen Wehrmachtssoldaten wehren sollten. Unser Haus wackelte, denn die Straße war gerade so breit, dass ein Panzer durchfahren konnte.“

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Die amerikanischen Panzer fuhren durch den Ort und als die Hardheimer am Karsamstag Morgen aufstanden, sahen sie die Hänge des Schmalbergs, des Kreuzbergs sowie den alten Paradeisweg von Panzern besetzt und die Kanonenrohre auf Hardheim gerichtet. Fritz Schweizer konnte von seinem Elternhaus in der Riedstraße die aufgefahrenen Panzer auf dem Schmalberg und im „Paradeis“ sehen. Und immer wieder sei es zu Luftkämpfen über Hardheim gekommen; „auf dem Himmel über Hardheim war jede Menge los“, so seine Erinnerung.

Oft konnte er Pulks von mehreren Hundert Flugzeugen der US-Luftwaffe auf dem Flug in Richtung Osten beobachten. Schließlich dauerte es noch rund fünf Wochen, ehe der Zweite Weltkrieg mit der Kapitulation der Deutschen Wehrmacht endete und Adolf Hitler war seinerzeit, als Hardheim schon besetzt war, noch am Leben.

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Diese regelrechten Luftkämpfe über Hardheim, die teilweise recht lebhaft waren und zu einigen Abstürzen in Nachbarorten (bis ins Taubertal) führten, wurden von allen befragten Zeitzeugen bestätigt. Und es regnete leere Patronenhülsen von den Bordwaffen, die auf den Dächern klickende Geräusche machten.

„Zielten auf Hardheim“

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„Auch auf dem Kreuzberg standen die Panzer der US-Armee und zielten mit ihren Rohren auf Hardheim und am Bahnhof stand alles voll mit Panzern und LKW’s“, erinnert sich Katzenmaier, während Berthold Beuchert zu berichten wusste, dass „auf unserem Acker in etwa auf dem Gelände der heutigen Esso-Tankstelle eine Menge Panzer aufgestellt waren“.

Sein Vater (Jahrgang 1896) war zum Dienst in der Flugwacht (etwa auf dem Gelände der heutigen Sternwarte) dienstverpflichtet und später zur Gemeindepolizei abkommandiert. Er hatte den Kindern eingeprägt, sich im Keller zu verstecken. Ganz sicher ist sich Beuchert: „Sie waren keine Helden“, denn die US-Soldaten hatten mächtig Angst und waren übervorsichtig. Erst später hätten sie sich den Kindern gegenüber geöffnet, waren „freundlich und spendabel“.

Wie aber Elsa Baumann berichtete, kreuzten nach der Besetzung Hardheims zwei düsenbetriebene Flugzeuge ME 262 der deutschen Luftwaffe über Hardheim auf und schossen aus ihren Bordkanonen. Später stellte sie fest, dass das Entlüftungsrohr über ihrem Badezimmer in der Schlossstraße einen kreisrunden Durchschuss von etwa zwei bis drei Zentimeter hatte.

Am Tag nach dem Einmarsch in Hardheim teilten sich die US-Truppen. Während ein Teil der Soldaten über Rüdental in Richtung Külsheim zog, stieß der andere Teil über Schweinberg nach Königheim, wo es zu heftigen Kämpfen kam, in deren Folge und durch die Bombardierung durch die US-Flugzeuge der Weinort große Schäden erlitt und auch Tote und Verwundete zu beklagen hatte. Geistlicher Rat Rothermel, seinerzeit Pfarrer in Königheim, berichtete dem Erzbischöflichen Ordinariat in Freiburg nach dem Kriege ausführlich über diese tragischen Ereignisse.

Feldlazarett aufgebaut

„Im Tal zwischen Schweinberg und Hardheim hatten die Amis ein Feldlazarett aufgebaut und ständig brachten Sanitätsfahrzeuge Verwundete von den Kämpfen in Königheim dorthin“, berichtete Leo Eisenhauer seine Erlebnisse. Als ehemaliger Infanteriesoldat konnte er die militärische Lage eher einschätzen als die Zivilisten.

Ihm kam auch sein Elternhaus auf dem Areal der Schweinberger Burg als Beobachtungspunkt zugute, von wo er eine weite Übersicht auf das Geschehen hatte. In Schweinberg selbst nahm im Gasthaus „Zur Linde“ ein Stab der US-Armee Quartier, was wiederum das Interesse des Werner Busch fand, denn dort war ein ständiges Kommen und Gehen und es gab für ihn als Junge eine Menge unterschiedlicher Militärfahrzeuge zu „begutachten“.

Der Teil, der über Rüdental, Steinfurt und Külsheim ins Taubertal zog, ohne auf Widerstand zu stoßen, passierte am Karsamstag gegen Mittag den Ortsteil Rüdental, wo Hans Bischof als knapp Elfjähriger mit seinen Geschwistern am Zaun der elterlichen Gastwirtschaft „Zur Wanderlust“ stand und zum Zeichen „Ihrer“ Kapitulation „Hände hoch“ machten. Ein US-Soldat, der aus einem Jeep ausstieg, erklärte in bestem Deutsch: „Wir machen kleinen Kindern nichts.“ Gastwirtschaft und auch einige Bauernhäuser wurden anschließend beschlagnahmt und mit Soldaten belegt.

In den Abendstunden des Ostersonntags, am 1. April, kam es dann in der Walldürner Straße zu einem tragischen Geschehen. Auf der Suche nach Frauen und Mädchen drangen US-Soldaten in ein Haus ein. „Sie haben vorher gebechert und waren recht mutig“, erinnert sich die seinerzeitige siebenjährige Brunhilde Heiden. Die dort anwesenden Frauen flüchteten durch ein Fenster und über ein Dach in das Nachbarhaus. Der 36-jährige polnische Kriegsgefangene Jan Jankowiak stemmte sich den eindringenden Soldaten entgegen und hielt die Zimmertüre zu, um den Frauen einen Vorsprung zu verschaffen.

Die US-Soldaten feuerten aus ihren Waffen und trafen durch die Zimmertüre sowohl den Polen als auch den sechs Jahre alten Wieland Heiden tödlich; dessen anwesende vierjährige Schwester Doris blieb dabei unverletzt. Mutter Heiden konnte zwar ins Nachbarhaus zu Familie Engelhard entkommen, verletzte sich jedoch bei einem Sturz schwer und musste ins Hardheimer Krankenhaus eingeliefert werden. Tragisch noch dazu, weil Wieland einen Tag nach seinem sechsten Geburtstag sterben musste. In den folgenden Tagen und Wochen herrschte bei den amerikanischen Eroberern eine fast schon krankhafte Angst vor Sabotagen und Untergrundkämpfern.

Wie nervös die US-Soldaten waren, zeigen zwei Ereignisse: Drei etwa 15- bis 16-jährige Mädchen erlaubten sich einen Spaß, bastelten ein Flugblatt und unterzeichneten dies mit „Werwolf“. Die Amerikaner waren mehr als nervös und erst als sich herausstellte, dass das drei unbedarfte Mädchen waren, legte sich die Spannung“, berichtete eine, mittlerweile leider verstorbene, „Mittäterinnen“, schmunzelnd. „Die Erwachsenen und auch die Amerikaner sahen das natürlich anders und ernster.“ Und auch Berthold Beuchert und seine Kumpels sorgten einige Tage später für eine hektische Betriebsamkeit der US-Boys.

Sie fanden Panzergranaten, die die Amerikaner achtlos in die Hoffenbach geworfen hatten, zogen sie heraus, holten das Pulver aus den Granaten und machten „Sprengübungen“ mit der Folge, dass die Amis fast in die „Hose machten“, weil sie wegen der Explosionsgeräusche kämpfende deutsche Soldaten vermuteten.