Hardheim 1945 - In der Karwoche machte sich eine hektische Betriebsamkeit bemerkbar / „Der Ami kommt!“ / Truppenfahrzeuge aller Art auf den Straßen Manöver mit riesigem Aufgebot

Von 
Hans Sieber
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Die Aufnahme entstand einige Jahre nach dem Kriegsende und zeigt einen US-Konvoi bei der Durchfahrt durch die Hofackerstraße, der heutigen Würzburger Straße. Im „Kalten Krieg“ unternahmen die US-Truppen alljährlich großangelegte Manöver mit einem riesigen Aufgebot an Truppenfahrzeugen aller Art durch Hardheim. © Helget

Hardheim. In der Karwoche 1945 machte sich eine hektische Betriebsamkeit in dem beschaulichen Erftalstädtchen bemerkbar. Gerüchte, Spekulationen und Radionachrichten berichteten über einen unaufhaltsamen Vormarsch der US-Armee in Süddeutschland. Zwar beschworen Parteifunktionäre immer wieder den Einsatz von „Wunderwaffen“, die Deutschland zum Endsieg über die ausländische Übermacht verhelfen sollten.

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Am Gründonnerstag 1945 eilten die Drittklässler der Hardheimer Volksschule, soweit sie Katholiken waren, in die Pfarrkirche „St. Albanus“. Es muss alles ganz schnell gehen, denn die Kinder sollen zum ersten Mal an den Tisch des Herrn gehen. Pfarrer Josef Heck, der spätere Dekan und Geistliche Rat, zog diesen großen Tag der Kinder um mehr als eine Woche dem „weißen Sonntag“ vor.

Der Grund: Aus der Richtung Mudau/Amorbach und dem Maintal – so genau wusste man das nicht – hörte man Grummeln und Kanonendonner. Die US-Armee war im Anmarsch und drängte die Einheiten der Deutschen Wehrmacht vor sich her in Richtung Osten. Der Ortsgeistliche konnte nicht wissen, wie die Besetzung Hardheims vonstattengehen würde.

Eile geboten

Immer wieder durchquerten Wehrmachts- und SS-Einheiten Hardheim und „schneidige“ Offiziere redeten immer vom „Durchhalten“ und „Kämpfen bis zur letzten Patrone“. Keiner konnte sagen, ob und wie Hardheim die sich nähernde Front überstehen würde. Darum war Eile geboten.

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Die Mädchen hatten weiße Kleider an und die Buben durften sich zum ersten Male in einem Anzug sehen lassen; die langen Hosen waren ein Zeichen, dass sie nun zu den „Großen“ gehörten. Elisabeth Künzig (geb. Kemmerer) erinnert sich an diesen Tag. In einem schönen weißen Kleid, das die „Hausschneiderin“, Frau Volk, im Hause der Kemmerers schneiderte, ging sie mit ihren Eltern zum Erftaldom.

„Frau Volk nähte bei uns zuhause alle Kleider, und sie aß sogar zu Mittag bei uns, damit alles fertig wird“, erinnert sich Elisabeth Künzig (Jahrgang 1935). Zwar war ihre Mutter Lidwina eine geschickte Hobby-Schneiderin, die die Kinderkleider und auch ihre eigene Mode selbst nähen konnte, aber der festliche Tag ihrer einzigen Tochter erforderte auch eine festliche Robe.

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„Nur wenige Stunden bevor die US-Soldaten vor Hardheim erschienen, zogen deutsche Soldaten, Reste verschiedener Einheiten, durch Hardheim“, hatte Elsa Baumann in ihren Erinnerungen festgehalten. Mit Pferdefuhrwerken und mit Handwagen kamen sie auch aus der Richtung Rüdental und zogen durch die Schlossstraße, der seinerzeitigen Adolf-Hitler-Straße.

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Selbst Verwundete und Zivilpersonen befanden sich in diesen Gruppen. Mitten in diesem Durcheinander kam auch ein Auto in den Hof der Baumanns gefahren. Diesem entstiegen zwei NS-Bonzen und verlangten Quartier und Verpflegung (Schnaps).

Nach großspurigen Durchhalteparolen und einigen Trinksprüchen auf den Führer und den Endsieg verschwanden sie, nachdem Schüsse zu hören waren. An solche „traurige Haufen“ kann sich auch Reinulf Katzenmaier erinnern, wenn deutsche Soldaten mit ihren wenigen Habseligkeiten – nur wenige Stunden vor dem Eintreffen der US-Armee – an seinem Elternhause in der Walldürner-Straße vorbeizogen. „Es war ein erbärmlicher Anblick!“ Gerüchteweise soll es auch geheißen haben, dass die Erfabrücke in der Walldürner-Straße gesprengt werden sollte; glücklicherweise kam es nicht dazu.

Fritz Schweitzer war als 15-Jähriger nach Wertheim eingezogen worden und sollte dort schlecht bewaffnet und nicht ausreichend ausgebildet mit Gleichaltrigen die Amerikaner aufhalten. „Wir waren Deutschlands letztes Aufgebot.

Zu Fuß durchgeschlagen

Weil aber bei einer Übung eine Handgranate explodierte, dabei viele Ausbilder und Jugendliche verwundet oder gar getötet wurden, entließ man uns nach Hause“, so Schweitzer, der sich zu Fuß nach Hardheim durchschlug. Rechtzeitig vor dem Einmarsch der US-Truppen. Und er hatte mächtig Glück, denn viele seiner Kameraden, die sich nicht rechtzeitig hätten absetzen können, gerieten bei Nassig in eine rasch aufgebaute Front von SS-Einheiten und wurden dort regelrecht „verheizt“.

Hektik auch im benachbarten Schweinberg, wo am Gründonnerstag noch in vielen Gehöften deutsche Einheiten untergebracht waren und die Offiziere immer wieder vom Widerstand redeten. In der Nacht zum Karfreitag kam dann auch ein Lkw mit SS-Soldaten kurz vor Schweinberg von der Straße ab und fuhr in den Straßengraben.

Weil die Schweinberger befürchteten, dass diese Soldaten Widerstand leisten und darum den Ort in die Kampfzone einbeziehen würden, eilten Bürgermeister Josef Baumann und Leo Scherer mit Pferden zur Unfallstelle, zogen mit vereinten Kräften den Lkw aus dem Graben und es gelang ihnen die SS-Leute zur Weiterfahrt nach Königheim zu bewegen. Sie zogen das Fahrzeug bis zur Kapelle oberhalb von Schweinberg, von wo aus die SS-Mannschaft ohne Motorkraft – teilweise schiebend – nach Königheim fuhr, berichtete Werner Busch, dessen Vater in Hardheim im sogenannten „Russenbaracke“ als dienstverpflichteter Landsturmmann die Aufsicht über die gefangenen Russen, Polen und Belgier hatte. Kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner sei für Werner Buschs Vater der Befehl gekommen, die 15 Gefangenen zu Fuß und mit einem Ein-Achswagen für das Gepäck nach Osten abzuführen.

Unterwegs hätten er und seine Kameraden gespürt, dass die Kriegsgefangenen lieber in Hardheim geblieben wären und so löste sich die Gruppe einfach auf, die Kriegsgefangenen kehrten kurzerhand nach Hardheim zurück, meldeten sich bei dem völlig verdutzten Firmenchef Gustav Eirich und bezogen wieder ihre bisherige Unterkunft im Mühlgraben. Busch selbst kam mit dem Fahrrad bis Pülfringen, wo er von den Amerikanern gefangen genommen wurde und in der Folge bis Marseille und dort auf einen Truppentransporter in die USA kam, wo er auf einer Farm arbeiten musste und erst 1946 wieder in die Heimat zurückkehrte.

Nach Hause geeilt

Schließlich war dann Karfreitag. Etwa um 18 Uhr, war der Volkssturm noch auf dem Hardheimer Schlossplatz angetreten. Als man aber von Höpfingen und der Josefkapelle her Geschützlärm hörte, seien alle auseinandergestoben und nach Hause geeilt, denn kaum bewaffnet, wäre ein Widerstand völlig sinnlos gewesen. In Hardheim war man gespannt, aber auch besorgt, wie es weiter gehen würde. Und es wurde eine ereignisreiche Nacht und Hardheim sah am Karsamstag anders aus.