Dr. Oskar Eschelbacher aus Israel - Vor 55 Jahren, im Herbst 1965, schrieb der Zahnarzt auf eine Bitte von Willi Wertheimer seine Lebenserinnerungen nieder Juden und Christen lebten in gegenseitiger Toleranz

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Torsten Englert
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Hardheim. Vor 55 Jahren, im Herbst 1965, schrieb der Zahnarzt Dr. Oskar Eschelbacher auf eine Bitte von Willi Wertheimer seine Erinnerungen an seine Kindheit in Hardheim nieder. Dr. Eschelbacher wollte damit, ebenso wie Willi Wertheimer mit seinem Buch „Der Förster von Brooklyn“, einen Beitrag zur Versöhnung von Juden und Deutschen leisten.

Das ehemalige Wohnhaus der Familie Eschelbacher zwischen Badischem Hof und Ochsen in den 1920er Jahren: Auf der Treppe ist sitzend Willi Wertheimer zu sehen. Die Bilder stammen aus dem Nachlass von Gerhard Wanischek. © Englert
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Die Geschichte der Juden in Hardheim lässt sich bis ins Jahr 1318 zurückverfolgen. Aus den Erinnerungen von Dr. Eschelbacher und Willi Wertheimer geht hervor, dass das Verhältnis von jüdischen und christlichen Mitbürgern sehr gut war.

„In meiner Jugend um die Jahrhundertwende waren die Beziehungen zwischen der jüdischen und christlichen Bevölkerung in Hardheim ausgezeichnet. Ich erinnere mich nicht, jemals ein antisemitisches Wort aus dem Munde eines nichtjüdischen Kindes gehört zu haben“ so Dr. Eschelbacher. Er führt dies auf die gemeinsame Erziehung in der paritätischen Gemeinschaftsschule zurück, die damals in Baden existierte und in der alle Konfessionen Unterricht gemeinsam hatten. Deshalb war man allgemein tolerant. Außerdem lebte der Großteil der Hardheimer Juden in bescheidenen Verhältnissen, was nicht zu Neid und Missgunst beitrug.

Dr. Eschelbacher erinnert sich, dass als einmal der Erzbischof von Freiburg nach Hardheim kam, dieser mit einer feierlichen Prozession am eingeholt wurde. Die jüdische Bevölkerung beteiligte sich in würdiger Weise an der Feier und schmückte ihre Häuser wie die christlichen Mitbürger. An der Spitze der Prozession ritten als Vorreiter, auf festlich geschmückten Pferden, zwei gediente Kavalleristen, sein Bruder Max und Abraham Seelig. Außerdem war sein Vater mit dem damaligen und gütigen Pfarrer Joseph Stephan persönlich befreundet. Mit manchem Schoppen haben sich die Beiden in der „Rose“ zugeprostet, erinnert sich Dr. Eschelbacher.

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Außerdem hatte sein Vater von der Pfarrgemeinde eine Wiese im Tal gepachtet und die damaligen Jungen freuten sich stets auf den Fälligkeitstermin des Pachtgeldes; denn jedes Mal, wenn sie dieses ablieferten, erhielten sie von Pfarrer Stephan ein kleines Geldgeschenk von 50 Pfennigen, was damals sehr viel Geld war.

Gegenseitige Toleranz

Für Dr. Eschelbacher war das großherzogliche Herrscherpaar ein Garant für die gegenseitige Toleranz und in keinem jüdischen Haus fehlte ein Bildnis von Großherzog Friedrich I. Ein unvergessliches Erlebnis war für ihn als Kind die Einweihung des Kriegerehrenmals 1905 für die Kriegsteilnehmer des 1870/71er Krieges mit den registrierten jüdischen Teilnehmern.

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Dr. Oskar Eschelbacher wurde 1894 in Hardheim geboren, hatte acht Geschwister und lebte hier bis 1906 in dem alten Fachwerkhaus zwischen dem Gasthof und Hotel Badischer Hof und Gasthof Ochsen.

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Da seine älteren Geschwister ins Rheinland geheiratet hatten, zogen seine Eltern ebenfalls 1906 dorthin, um den jüngeren Kindern einen höheren Schulbesuch zu ermöglichen.

Am humanistischen Gymnasium in Neuwied legte er 1914 sein Abitur ab und nahm anschließend als Kriegsfreiwilliger am Ersten Weltkrieg teil, wo er mit dem Eisernen Kreuz und dem Frontabzeichen ausgezeichnet wurde.

Nach dem Krieg studierte er in Bonn, Frankfurt, Berlin und Würzburg Zahnmedizin und ließ sich in Düren im Rheinland als Zahnarzt nieder.

Wenige Wochen vor der Reichskristallnacht verließ er im September 1938 Deutschland, nachdem für jüdische Ärzte ein Berufsverbot angekündigt wurde. Er ging als einziger seiner Familie nach Palästina beziehungsweise Israel und ließ sich in Ramat-Gan als Zahnarzt nieder.

Seine älteste Tochter und sein Schwiegersohn arbeiteten mit ihm zusammen als Zahnärzte, seine jüngere Tochter ist die international renommierte Völkerrechtlerin Prof. Dr. Ruth Lapidoth von der hebräischen Universität in Jerusalem. Dr. Oskar Eschelbacher starb 1984 in Israel. Sein Bruder Siegfried floh nach New York und sein Bruder Alfred, der ebenfalls Zahnarzt war, nach New Britain (Connecticut). Seine Schwestern Lina und Anna wurden Opfer des Nazi-Regimes.

Die Familie Eschelbacher kam um 1690 vom schwäbischen Dorf Eschelbach (daher der Name) nach Hardheim. Laut den Recherchen von Gerhard Wanitschek geht die große Familie in Hardheim auf den etwa 1760 in Hardheim geborenen „Viehhandelsjud“ Michel Eschelbacher zurück. Überwiegend betrieben sie Vieh- und Realitätenhandel. Eine Zeit lang war auch das ehemalige Gasthaus „Schwarzer Adler“ in der Würzburger Straße in ihrem Besitz.

Auch der 1916 in Berlin verstorbene und hoch geachtete Rabbiner Dr. Josef Eschelbacher entstammte dieser Familie.