Pionierrolle eingenommen - Einer der ersten Jugendgemeinderäte fand sich im September 1993 in der Erftalhalle in Hardheim zur Wahlveranstaltung ein Gefühl der Zusammengehörigkeit innerhalb der Gemeinde vermittelt

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Adrian Brosch
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Dieser Zeitungsausschnitt stammt aus dem Jahr 1993 und entstand bei der ersten Zusammenkunft nach der Wahl des Jugendgemeinderats. © Adrian Brosch

Hardheim. Eine echte Pionierrolle nahm Hardheim im September 1993 ein: Der erste Jugendgemeinderat des Neckar-Odenwald-Kreises war zugleich einer der ersten in ganz Baden-Württemberg und fand sich in der Erftalhalle zur Wahlveranstaltung ein.

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Die eigentliche Idee fußte nicht nur auf die Überlegungen, dem Nachwuchs eine Plattform zur politischen Mitarbeit zu geben und tiefgreifende Kontakte zwischen Jugendlichen und Erwachsenen innerhalb der Gemeinde zu bewirken, sondern auch auf den Zeitgeist: Vor allem durch die rasanten Umbrüche in der Welt, in Europa sowie unmittelbar nach der Wende auch in Deutschland hatte Jugendliche zu Beginn der 90er-Jahre häufig großes politisches Interesse und die Bereitschaft, sich mit Tages- und Weltpolitik auseinanderzusetzen.

Initiiert wurde der Hardheimer Jugendgemeinderat durch den damaligen Bürgermeister Ernst Hornberger sowie Hauptamtsleiter Robert Lutz, der das Bindeglied zwischen den Jugendlichen und der Gemeindeverwaltung darstellte. Dabei zielte der Jugendgemeinderat auch darauf ab, durch das Ermutigen zu selbstständig gefassten Meinungen einen Beitrag zur persönlichen Weiterentwicklung zu leisten und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit innerhalb der Gemeinde zu vermitteln. Ebenso sollten die Ratsmitglieder konkrete Vorschläge aus dem Bereich der Jugend mit einbringen. Gerade aus diesen Gründen hatten sich Jugendgemeinderäte seinerzeit als sehr populär erwiesen.

In der Erftalgemeinde wurden die erwachsenen Mitglieder des Gemeinderats ab 1993 in zwei Perioden durch den Nachwuchs verstärkt. In der ersten Wahlperiode gehörten ihm Carmen Gärtner, Simone Schuh, Daniela Ruppert, Steffen Göth, Ute Schäffer, Lars Günther, Judith Greulich, Jessica Paul, Thorsten Faulhaber, Mike Lenkeit (Wohnbezirk Hardheim), Michael Volk und Christiane Lutz (Wohnbezirk Bretzingen), Ralf Schlegel (Wohnbezirk Dornberg-Rütschdorf-Vollmersdorf), Peter Oschmann (Wohnbezirk Erfeld), Stefan Seitz und Torsten Heilig (Wohnbezirk Gerichtstetten) sowie Sonja Jekosch und Frank Horn (Wohnbezirk Schweinberg) an.

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Bei den ersten Neuwahlen am 16. September 1996 wurden Jasmin Berberich, Peter Brand, Christian Knüll, Sandra Künkel, Christina Laub, Daniela Ruppert, Melanie Schacht, Jens Weimann, Sven Weimann, Patrick Haas, Andreas Hack, Kathrin Dörr, Johannes Frank, Andrea Meisel, Martina Meisel, Frank Horn und Sonja Jekosch gewählt. Als Vorsitzender fungierte Lars Günther. Geachtet wurde im Sinne repräsentativer Meinungsbilder darauf, dass neben der Kerngemeinde auch Jugendliche aus allen Ortsteilen im Gremium vertreten waren.

Man nahm sich in den Sitzungen verschiedenster Themen an, die einerseits vor allem der Jugend zugute kommen sollten – eine wiederkehrende Angelegenheit war beispielsweise das Hardheimer Jugendhaus – aber auch aus der Sichtweise der „Erwachsenenwelt“ von Nutzen waren. So konnte die Jugend ebenso zu allgemeinen Anliegen ihre Meinung einbringen, etwa bei der Vergabe von Straßennamen in Hardheimer Neubaugebieten.

„Nachlassendes Interesse“

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Zum allmählichen Niedergang führten diverse Faktoren: Altbürgermeister Heribert Fouquet etwa, der zu seinem Dienstantritt im Jahr 1998 das zweite Kabinett des Gremiums übernommen hatte, erinnert sich an „nachlassendes Interesse“ und „eine gewisse Lethargie“, durch die kaum mehr Anregungen und Beschlüsse eingegangen seien.

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Das führte auch zu der traurigen Situation, dass die turnusmäßig auf Herbst 1999 angesetzten Neuwahlen nicht mehr stattfanden. Es hatten sich keine Kandidaten gefunden. Eine bittere Pille vor allem just zu der Zeit, in der das Land die Jugendgemeinderäte immer stärker zu fördern begann.

Das endgültige Aus bezeichnet nach zehnjährigem Bestehen ein Schreiben vom 17. März 2003, in dem die Dachorganisation für Jugendgemeinderäte in Baden-Württemberg die offizielle Auflösung bestätigte.

Dennoch gab man das Feld nicht kampflos auf: Der im Sommer 2004 neu gewählte Gemeinderat bemühte sich inständig um einen Neubeginn.

Hier arbeitete man mit dem Walter-Hohmann-Schulzentrum zusammen, fand aber auch auf diesem Wege nur mehr fünf potenzielle Interessenten. Das seien, so Heribert Fouquet, „einfach zu wenige gewesen, um eine sinnvolle und zielgerichtete Arbeit des Jugendgemeinderats gewährleisten zu können“.

Ob es künftig in Hardheim wieder ein kommunalpolitisches Sprachrohr der Jugend geben wird?

Interessant wäre es sicherlich: Nicht nur dank „Fridays for future“ stünde eine politisch orientierte, durchaus verantwortungsbewusste Generation zumindest in den Startlöchern.