In Rütschdorf - Familie Berberich hat unweit ihres Hofes in rund einjähriger Bautätigkeit einen neuartigen Stall für Schweine errichten lassen „Fokus auf Tierfreundlichkeit gerichtet“

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Adrian Brosch
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Nun ist der Stall fertig und bietet 900 Schweinen Platz. © Adrian Brosch

Neue Wege der Tierhaltung und einen klaren Schritt in Richtung Tierwohl beschreitet die Rütschdorfer Familie Berberich.

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Rütschdorf. Unweit ihres Hofs errichtete die Rütschdorfer Familie Berberich in rund einjähriger Bautätigkeit einen neuartigen Stall für Schweine, der in seiner Art der bisher Einzige im Neckar-Odenwald-Kreis ist. „Hier werden die Tiere nicht nur untergebracht – es wird noch mehr auf ihr Wohl geachtet“, erklären Mathias und Lukas Berberich.

Ausgangspunkt war vor rund vier Jahren die Frage nach der Betriebserweiterung: Nachdem der mittlerweile 26-jährige Lukas Berberich und sein jüngerer, sich auf seine Laufbahn als Landwirtschaftstechniker vorbereitender Bruder David als nächste Generation in den Startlöchern stehen, sinnierte man über die Zukunft des Hofs.

Gespräche mit der Erlenbacher Metzgerei Schüßler, die seit Jahrzehnten ihre Schweine über die Berberichs bezieht, endeten mit einem Plan für einen neuen Stall.

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Der sich aber keinesfalls als gewöhnliche Stallung versteht: „Wir interessierten uns ganz bewusst für einen Bau, der den Fokus auf Tierfreundlichkeit richtet“, schildert Lukas Berberich.

Zufällig stieß er auf das Förderprogramm zur Förderung von Projekten im Rahmen der Europäischen Innovationspartnerschaft (EIP), das besonders innovative und tiergerechte neue Stallsysteme forciert.

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„Es soll einen Anreiz schaffen, neue Möglichkeiten der Tierhaltung in der Praxis umzusetzen und Vorreiterrollen allmählich zur neuen Realität werden zu lassen“, informiert Mathias Berberich im FN-Gespräch und verweist auf das „Lead-Team“: Mit Vertretern der Wissenschaft, des Lebensmitteleinzelhandels sowie der Universität Stuttgart-Hohenheim, aber auch Architekten, Bauträgern und Landwirten ist das Gremium ein Spiegelbild aller an solchen Projekten Beteiligten.

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Von den Ideen der Familie Berberich zeigte es sich durchaus angetan: „Nachdem wir unser Konzept vorgestellt hatten und ein Testat erstellt wurde, beschied man es für förderfähig“, freut sich Lukas Berberich.

Dann begann eine rund dreijährige Planungsphase, die vor allem durch fehlende Berechnungsgrundlagen erschwert wurde: „Da es keinerlei Referenzwerte für Emissionen gab, wurde eine Belästigung der Anwohner als Maßstab herangenommen und der Stall daraufhin nicht an seinem geplanten Standort direkt am Hof erbaut“, geben die Landwirtschaftsmeister bekannt.

Eine Lösung fand man jedoch recht schnell 300 Meter nördlich des Betriebs. Auch die optische Erscheinung und räumliche Gestaltung des Stalls war nach kurzer Zeit beschlossene Sache: „Gerade im Südwesten Deutschlands findet man einige ähnliche Gebäude, die wir uns angesehen hatten“, verrät Mathias Berberich.

Dafür habe es manche behördliche Problematik gegeben: „Neben unzähligen Arbeitsstunden flossen auch jede Menge Schreibtischstunden in die Umsetzung, weil die Gesetzeslage solche Bauprojekte nicht gerade erleichtert – und speziell im Bereich des eigentlich doch gewollten besseren Tierwohls warten noch größere Hürden“, blickt er nachdenklich zurück.

„Eigentlich haben wir genau das gebaut, was sich Lebensmitteleinzelhandel, Gesellschaft und Gesetzgeber mit aller Vehemenz wünschen – und dann bekommt man trotzdem noch mehr Steine in den Weg gelegt“, ergänzt Sohnemann Lukas die Beobachtungen.

Doch was lange währt, wird endlich gut: Die Wahrheit dieses Spruchs zeigte sich spätestens während der an sich reibungslosen, rund einjährigen Bauzeit. „Selbst die Corona-Pandemie vermochte den Bau nicht zu verlangsamen, zumal nur wenige Handwerker gleichzeitig tätig waren – und ohne viel Eigenleistung wäre das alles sowieso nicht zu bewerkstelligen gewesen“, erklären die Berberichs.

Nun ist der Stall fertig und bietet 900 Schweinen Platz. „Dabei erhält jedes Tier mit rund 1,5 Quadratmetern doppelt so viel Raum, wie das Tierschutzgesetz es vorschreibt“, hält Lukas Berberich fest.

Dauerhafter Auslauf

Auch der Boden versteht sich als Novum: „Alle Tiere stehen zu 100 Prozent auf Stroh statt auf einem herkömmlichen Spaltenboden oder auf Gülle“, fährt er fort. Darüber hinaus könne man den Tieren einen dauerhaften Auslauf ins Freie ermöglichen; die Freisetzung von Ammoniakgasen wird durch eine strikte Kot-Harn-Trennung und den in einer Rinne ablaufenden Urin drastisch verringert.

Die Lüftung wird über Jalousien geregelt, die sich je nach der im Stall vorherrschenden Temperatur öffnen oder schließen lassen; über die Photovoltaikanlage ist der Energieverbrauch sehr gering.

„Unser neuer Stall ist weitestgehend energieautark“, fasst Mathias Berberich zusammen und erwähnt, dass man sich bei der Auswahl der Baustoffe auf einen besonders hohen Holzanteil und „nach Möglichkeit Holz aus dem eigenen Gemeindewald“ konzentriert habe, so wie auch die Ferkel aus der Region stammen – Nachhaltigkeit und ein Umdenken in der Tierhaltung könne man nur dann bewirken, wenn man die Ideen anpacke, selbst umsetze und dazu stehe.

„Besucherraum“

So sieht das Konzept auch vor, dass potenzielle Abnehmer und alle Interessierten über einen sogenannten „Besucherraum“ auf Tuchfühlung mit den Tieren gehen können, ohne direkten Kontakt mit ihnen zu haben. „Ein Tag der offenen Tür wird selbstverständlich nachgeholt“, erklären Marianne und Mathias Berberich.