Vortragsreihe zur internationalen Sicherheitspolitik - Matthias Hoffmann sprach über das Thema „Kurdistan – Traum oder Alptraum?“ „Eines der größten Völker ohne Staat“

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Hardheim. Im Vortragsraum der Carl-Schurz-Kaserne wurde am Mittwoch die vom Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr (Kreisgruppe Rhein-Neckar-Odenwald) und der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (Sektion Taubertal) initiierte Vortragsreihe zur internationalen Sicherheitspolitik fortgesetzt. Der Oberstleutnant der Reserve, Matthias Hofmann, ging auf die Frage „Kurdistan – Traum oder Alptraum?“ ein.

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Im Namen der Veranstalter begrüßte Oberstleutnant a.D. Wolfgang Krayer (GSP-Sektion Taubertal) das Publikum und dankte der Hardheimer Reservistenkameradschaft und deren Mitglied Harald Lux für die gute Vorbereitung, ehe er zum Referat überleitete. Matthias Hofmann hielt fest, dass die häufig abgelehnten Kurden „spätestens 2003 beim Einmarsch der US-Truppen in den Irak ins allgemeine Interesse rückten“ und es zwar viele Könige und Anführer gegeben habe, jedoch nie ein verwaltetes kurdisches Reich. In der Türkei leben 18 Millionen Kurden, in Syrien zwei Millionen, im Irak rund sieben Millionen und im Iran etwa acht Millionen. „So sind sie eines der größten Völker der Erde ohne eigenen Staat“, erklärte Hofmann. Die Bildung einer nationalen Identität verhindere auch das Fehlen einer hochkurdischen Sprache. „Oft ist durch die vielen Dialekte selbst unter Kurden kaum eine Kommunikation möglich“, so der Referent.

Widerstand gegen Referendum

Detailliert ging er auf die politischen und geografischen Interessen der Anrainerstaaten ein. Die im nie umgesetzten Friedensvertrag von Sèvres für Kurden vorgesehene Autonomie mit Aussicht auf Souveränität sei im Vertrag von Lausanne 1923 bereits einem Konstrukt ohne armenische und kurdische Gebiete gewichen. 2017 sei schließlich das Unabhängigkeitsreferendum der Kurden auf Widerstand der türkischen Regierung gestoßen. „Wobei das Verhältnis zwischen Türken und Kurden schon immer belastet war“, so Hofmann im Hinblick auf Bürgerkriege, die hermetische Abriegelung kurdischer Siedlungsgebiete in der Republik Ararat und die Bildung der Arbeiterpartei PKK. „Die Kurdenproblematik wurde bis in die 80er Jahre von der Politik weitestgehend totgeschwiegen, was eine Unterdrückung der Kurden bewirkte“, meinte Hofmann. Im Zuge der EU-Beitrittsverhandlungen ab 2005 habe sich die soziale Lage der Kurden zwar verbessert, wobei die Türkei dennoch eine kurdische Autonomie auf ihrem Gebiet ablehne. Eine abrupte Wende habe der Zustand 2015 erfahren, als Präsident Erdogan das Ende des Friedens mit den Kurden verkündete.

Im Iran bewirkten die Sowjets eine gewisse „Antistimmung“ gegen Kurden, die daraufhin 1946 ihre Autonomie mit der Gründung der Republik Mahabad vollziehen, so der Referent. Kein Jahr später eroberten iranische Truppen das Gebiet zurück. „Bis heute werden Kurden streng beobachtet bis verfolgt“, schilderte Hofmann und erinnerte daran, dass Kurden immer wieder als politischer Spielball zwischen Iran und Irak fungieren. Im Irak habe sich die Situation der Kurden mit dem Einmarsch der USA im Frühjahr 2003 geändert. „Die USA setzte sich für die Rechte der Kurden ein, weil sie ihr beim Kampf gegen Saddam Hussein halfen“, merkte der Oberstleutnant an. Seit die 2005 edierte neue irakische Verfassung gegen den Protest der Türkei kurdische Autonomie vorsieht, marschieren jedoch türkische Truppen regelmäßig im Norden des Irak ein. In Syrien galt das Verhältnis zwischen Kurden und Syrern als problemlos, bis der stärkere Einfluss der Wirtschaftshilfe betreibenden Türkei ab 2004 die Situation verschärft und die Bildung kurdischer Autonomien ausgelöst habe. Am 30. Januar 2005 wurde die 41 000 Quadratkilometer große autonome Region Kurdistan mit sechs Millionen Einwohnern von der irakischen Verfassung anerkannt und Erbil zu deren Hauptstadt deklariert. Mit dem Verweis auf die aktuell durchaus gegebene Eskalationsgefahr beendete Hofmann seinen Vortrag. Nach der Fragerunde bedankten sich Wolfgang Krayer sowie Oberstleutnant d.R. Wilfried Meissner (Verband der Reservisten) für die fundierte Expertise. ad