Erinnerungen von Hans Sieber - Hardheim profitierte von der Bundeswehr (Teil 2 und Schluss) / Bereits der erste Kommandeur suchte die Nähe zur Bevölkerung / Einrichtung des Flugabwehrstandorts Die Panzer kamen mit der Eisenbahn

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Richtfest an der Carl-Schurz-Kaserne in Hardheim. © Heinz Bernhard/FN-Archiv

Hardheim. Wie war das damals, als zu Beginn der 1960er Jahre die ersten Soldaten kamen? Ist ein ähnlicher Aufschwung jetzt wieder zu erwarten? FN-Mitarbeiter Hans Sieber ging dieser Frage nach. In einem ersten Teil beleuchtete er die Situation bis zu Beginn der 60er Jahre (FN vom 12. Dezember 2018).

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Bevor das Flugabwehrbataillon in Hardheim einrückte, kam eine Kompanie Soldaten unter der Führung eines Majors in die Erftalgemeinde, die die Gebäude einrichteten und als Wachgebäude ein Zelt für die Zu- und Ausgangskontrolle erstellten. Allesamt „gestandene“ Fallschirmspringer – schließlich kam das Gros der Einheit aus der Luftlandetruppe aus Schongau in Bayern – wollten mal die Standortgemeinde erkunden, denn zwischenzeitlich hatten sich ja die US-Amerikaner von der Raketenstation „eingerichtet“. Dabei gab es in den Hardheimer Lokalen „Badischer Hof“, „Ochsen“ und „Weißes Ross“ als Stammkneipen manches Gerangel zwischen den Truppenangehörigen der „verbündeten“ Nationen.

Gerangel mit US-Boys

Augenzeugen berichten heute noch mit Bewunderung, wie sich die deutschen Fallschirmjäger Respekt verschafften und mancher GI „blessiert“ den Heimweg antrat. Auch wenn die US-Boys hin und wieder in geschlossener Formation durch Hardheim rannten und martialische Parolen und Gesänge brüllten, wurden diese „zahm“, wenn mehr als drei Bundeswehrsoldaten in einem Lokal aufkreuzten, wobei der „Ochsen“ weniger von den deutschen Soldaten frequentiert war.

„Zu unserem Leidwesen hatten die Amis Geld ohne Ende“, erinnert sich Hans Sieber. „Bei einem seinerzeitigen Wechselkurs von 4,15 DM zu einem US-Dollar, konnte ein GI bequem zu Abend essen, zwei, drei Biere trinken und noch großzügig Trinkgeld spendieren“.

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Unter solchen monetären Voraussetzungen habe man da als deutscher junger Mann bei den Hardheimer Mädchen kaum Chancen gehabt und den kürzeren gezogen.

Randale in der Erftalhalle

Auch an den Tanzveranstaltungen in der Erftalhalle waren die US-Soldaten weniger interessiert; kaum jemand von ihnen konnte tanzen. Erst gegen Ende der Veranstaltungen kamen de US-Boys, schon etwas „betankt“, und sorgten gleich für Randale im Foyer, die aber sofort beendet waren, sobald sich ein Militärpolizist aus Wertheim blicken ließ. Denn die kannten keinerlei Hemmungen und machten rücksichtslos vom Gummiknüppel Gebrauch.

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Am 13. September 1966 schließlich wurde der Hardheimer Bevölkerung das Bataillon mit einem Platzkonzert des Heeresmusikkorps 12 auf dem Schlossplatz vorgestellt, nachdem die Flugabwehrkanonenpanzer M 42 mit einem 40 mm Zwillingsgeschütz vom Bahnhof kommend durch Hardheim zur neuen Kaserne gefahren waren.

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Der erste Kommandeur, Oberstleutnant Diether Vollmer, suchte ganz bewusst die Nähe zur Bevölkerung seines Standortes. In den Monaten nach Bezug der Unterkünfte waren Soldaten sowie zivile Beschäftigte der Garnison in einem wahren Wettstreit in Hardheim und den umliegenden Gemeinden unterwegs, um alte landwirtschaftliche Gerätschaften zu erhalten, um damit das Vorgelände der Unterkunftsgebäude und das Kasernenareal zu schmücken.

Im Oktober 1967 wurde die Bevölkerung erstmals zu einem „Tag der offenen Tür“ eingeladen und mehr als 5000 Besucher konnten dabei gezählt werden. Diese Resonanz wurde von der Bundeswehr mit einem überaus großen und wohlwollenden Interesse zur Kenntnis genommen. Seither hat die Sympathie der Bevölkerung zur Truppe niemals nachgelassen. 1966 wurde dann noch eine Kompanie „Panzerjäger“ des Panzeraufklärungsbataillons 12 sowie das Ausbildungszentrum Heer in die Hardheimer Kaserne verlegt.

In der Folge spielte sich alles in einer gewissen Routine ab. Einmal im Jahr verzog sich das Bataillon (zwischendurch auch mal als Regiment) auf den Übungsplatz „Todendorf“ an der Ostsee zum „scharfen Schuss“. Während ein Vorkommando über die Autobahn an die Ostsee fuhr, wurden die Kettenfahrzeuge per Eisenbahn vom Hardheimer Bahnhof über Walldürn transportiert. In diesen Tagen herrschte ein lebhafter Panzerverkehr mit den entsprechenden Verkehrsstockungen im Ort.

Ein Spionagefall

Die Rekruten der Standorte Hardheim, Külsheim, Walldürn und Tauberbischofsheim wurden im Rahmen eines gemeinsamen Appells feierlich unter den Augen zahlreicher Zuschauer vereidigt und etwa alle zwei Jahre erfolgte fortan ein Kommandeurswechsel. Sieht man von einem Spionagefall zugunsten der DDR ab, gab es in der Hardheimer Bundeswehrgarnison keinerlei negative Ereignisse. Viele Soldaten wurden nach Ende ihrer Dienstzeit im Erfatal heimisch, heirateten, erwarben Häuser und wurden vielfach Mitglieder in den örtlichen Vereinen.

Im März 2000 erhielt das Bataillon 21 neue „Gepard“-Flak-Panzer und die Computertechnologie hielt Einzug in der Flugabwehrtruppe. Gleichzeitig – und das mag im Rückblick etwas verwundern – fand ein SPD-Sicherheitskongress im Stuttgarter Landtag statt, bei dem die ganz klare Aussage getroffen wurde, „dass Hardheim, Walldürn und Neckarzimmern bei der Standortdiskussion gute Karten habe“. Staatssekretär Walter Kolbow zerstreute bei dieser Veranstaltung die Befürchtungen der Bürgermeister der Region: „Dass man bei der anstehenden Reform nicht nur die rein militärischen Notwendigkeiten, sondern auch die sozialen Aspekte der Soldaten und ihrer Familien und auch die Bedeutung der Bundeswehr für die Standorte im ländlichen Raum in die Entscheidung mit einfließen lassen“ werde. (FN vom 28. Juni 2000). Und auch die Beibehaltung der Wehrpflicht wurde von Verteidigungsminister Rudolf Scharping zugesichert.

Kritisch werde es nur für die „Kleinstandorte“ sagte Minister Scharping bei einer Stippvisite in der Carl-Schurz-Kaserne im August 2000 zu den Bürgermeistern Fouquet (Hardheim) und Kuhn (Külsheim): „Machen Sie sich keine Sorgen um den Standort!“ (FN vom 16. August 2000). Mit einer 6,5 Millionen-Investition hatte die Bundeswehr in der Carl-Schurz-Kaserne das Wirtschaftsgebäude mit Küche, Speisesaal und Nebenräume in der Zeit von Juni 1998 bis Dezember 2000 auf einen neuzeitlichen Standard gebracht. Mehr als 15 Jahre hatten die Soldaten auf die neuen Speisesäle gewartet und man war sich sicher, dadurch vor einer Schließung der Kaserne gefeit zu sein.

Die weitere Entwicklung

Keine zwei Jahre später (2002) erhielt das Bataillon gar eine von nur drei hochmodernen Simulatoren der Bundeswehr für die Schießausbildung, mit denen ohne Munitionsverbrauch wirklichkeitsechte Kampfhandlungen geprobt werden können. (FN vom 27. Februar 2002).

Und ebenfalls im gleichen Jahr wurde die Bataillonswerkhalle nach dreijähriger Planungs- und Bauphase mit einem Kostenaufwand von 1,7 Millionen Euro der Truppe übergeben. (FN vom 31. Mai 2002). Diese Sanierungen sollten nicht das Ende der Bemühungen sein. Im November des gleichen Jahres (FN 28. November 2002) glich die Kaserne einer einzigen großen Baustelle, denn die Sanierung der Abwasseranlage wurde mit 1,2 Millionen Euro veranschlagt. Die Maßnahmen an der Sporthalle (950 000 Euro), die Fassaden- und Dachsanierungen, die Erneuerungen der Gehwege, der Umbau der Wache und der Brandschutz, die Straßenbeleuchtung und die Computerausstattung der Lehrsäle führten 2003 zu einer weiteren Investition in Höhe von rund 2,5 Mio Euro.

Zwischen Hoffen und Bangen

Diese Maßnahmen erzeugten bei Mandatsträgern wie Bevölkerung die Hoffnung, dass dem Standort Hardheim keine Schließung drohe, ehe dann am 25. Oktober 2011 die „Bombe“ platzte und gegen allen Lobeshymnen die Nachricht ins Erftal kam: Hardheim wird dicht gemacht.

Am 10. März 2015 verließ der letzte Fla-Panzer das Kasernengelände und der letzte Kommandeur, Oberstleutnant Heiko Wömpener verabschiedete sich Ende September 2015 von Hardheim. Und obwohl Anfang November 2015 mit der Außerdienststellung der Truppe die Carl-Schurz-Kaserne geschlossen wurde, investierte die Bundeswehr mit 6,5 Mio Euro auf der Standortschießanlage des Standortübungsgeländes Wolfer-stetten kräftig weiter. Bei seinem Besuch im April 2014 in Hardheim sicherte der Minister für den Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, Alexander Bonde (Bündnis 90/Die Grünen) zu, „das Land wird Hardheim weiter unterstützen“. Ob er allerdings die Belegung der Liegenschaft als Erstaufnahmeunterkunft mit zuerst 300 Flüchtlingen ab 13. September 2015 gemeint hatte, konnte nie richtig geklärt werden. Im Nachhinein betrachtet, war das auch eine „schöne Förderung“ des ländlichen Raumes.