Bei der „Wolfsgrubenhütte“ - Es gibt eine Grube, in der nach mündlichen Überlieferungen der letzte Wolf auf Hardheimer Gemarkung sein Leben ausgehaucht haben soll Der Wolf kehrt in den Odenwald zurück

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Hans Sieber
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Das Bild entstand vor der Corona-Pandemie und zeigt Wanderer bei der Wolfsgrube. © Hans Sieber

Der letzte Wolf auf Hardheimer Gemarkung hauchte vor rund 170 Jahren sein Leben in der Wolfsgrube aus, die unweit der „Wolfsgrubenhütte“ liegt und ihr den Namen gab.

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Hardheim. Fast schon fieberhaft versuchen Experten, die mögliche Anwesenheit eines Wolfes im Odenwald zu dokumentieren. Während Freunde und Befürworter des Isegrims mit Zuversicht seine Wiederkehr begrüßen, warnen Herdenbesitzer vor dem Wüten eines blutgierigen Monsters. Stellt sich die Frage: Wann verschwand er eigentlich?

In Hardheim ist mit der Bezeichnung „Wolfsgrubenhütte“ zumindest ein Hinweis versteckt, dass es im dortigen Waldgebiet einmal Wölfe gegeben hat. Und tatsächlich: Es gibt eine Grube, in der nach mündlichen Überlieferungen der letzte Wolf auf Hardheimer Gemarkung, eben in der Nähe der besagten Hütte, sein Leben ausgehaucht haben soll.

Ein ehemaliges Keltengrab

„Um 1850 soll es gewesen sein“, so berichten unisono die Förster. Und die Grube, die dem Isegrim zum Verhängnis wurde, ist heute noch sichtbar. Es soll ein ehemaliges Keltengrab gewesen sein, weiß Helmut Berberich, versierter Denkmalexperte, zu berichten. Er hatte vor Jahren einen Fachmann des Landesdenkmalamtes zur Begutachtung verschiedener Bau- und Naturdenkmale zu Besuch in Hardheim.

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Der meinte: „Keltengrab ja“, aber offensichtlich das eines „niederen“ Kelten. Vermutlich haben Grabräuber vor mehr als zweihundert Jahren darin eine prächtige Schatzkammer vermutet und zu ihrem Leidwesen nichts Wertvolles gefunden. „Weiter meinte er, dass die keltischen Hügelgräber etwa in der Zeit um 1500 v. Chr. angelegt wurden“, berichtete Helmut Berberich. Aber nur eines sei geöffnet, das andere nur wenige Meter weiter nach Westen liegende, bis heute noch unbeschädigt und geschlossen.

Das geöffnete Grab mit Palisadenhölzern auszukleiden und den Auswurf an Erdreich um die Grube zu verteilen, war eine Taktik, die sich die damaligen Hardheimer Förster und Bauern ausdachten. Die zweite war, mit Hilfe eines kleinen Zickleins den Wolf anzulocken. Nun, dieses Zicklein fand sein irdisches Ende im Magen des Wolfes, der aber über die glatten Palisadenwände nicht mehr aus der Grube herauskam. Und dann kamen die Förster und die Bauern und schlugen den armen Isegrim mit allen möglichen „Mordinstrumenten“ tot.

„Rachsüchtiges Unthier“

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Vielleicht ist da Grimms’s Märchen vom „Wolf und dem Fuchs“ Pate gestanden, wie auch in zahlreichen Märchen und Fabeln der Wolf stets sinnbildlich für das Böse, den Verführer und das Untier schlechthin dargestellt wurde. Denn in einem „Blutrausch“, so zeitgenössische Berichte, rissen die Wölfe Schafe und „sorgfältig gehegtes Wild“. Für die Landbevölkerung bedeutete das eine Existenznot, weshalb das „rachsüchtige Unthier“ um jeden Preis vernichtet werden musste. Dass ein Wolf einen Menschen getötet hatte, ist durch Dokumente nicht belegt. Lediglich der verstorbene Walldürner Heimatforscher Dr. Peter Assion berichtete in seiner Sammlung „Weiße, Schwarze, Feurige – Sagen aus dem Frankenland“ von einem Höpfinger Mädchen, das in die Riedwiesen gelaufen sei, um nach der gebleichten Wäsche zu sehen. Es sei von einem Wolf überrascht und mit Haut und Haaren gefressen worden.

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Die Grundherrschaften verpflichteten seinerzeit ihre Untertanen zur aktiven Mitarbeit bei der Wolfsjagd. Bei den zahlreichen Robotleistungen (zu den zusätzlichen Steuerabgaben) der Bauern für ihre Fürsten war das eine zusätzliche Drangsal. Darum schickte man gerne minderjährige Kinder und alte Menschen als Treiber zu der Wolfsjagd und es kamen durchaus hunderte von Menschen, Hunden und Pferden zusammen.

Und eine solche Jagd konnte schon mal mehrere Tage dauern; Verpflegung hatten die Treiber selbst mitzubringen. Ein Wolf, der einer solchen Treibjagd zum Opfer fiel, zeigte gar viele „Blessuren“ auf seinem Pelz.

Darum war es den hiesigen Menschen schon lieber, wenn die herrschaftlichen Förster den Wolf in der Grube fangen wollten. Das Totschlagen mit allerlei Knüppeln, Stangen und Spießen in der Grube war schon eine einfachere und schnellere Sache als das tagelange Laufen und Kriechen durch die Wälder in kilometerlangen Treiberketten oder das Aufspannen von Fangnetzen (Wolfsgarn).

Und so hauchte der letzte Wolf in Hardheim vor rund 170 Jahren sein Leben in eben dieser Wolfsgrube aus, die unweit der Wolfsgrubenhütte liegt und ihr den Namen gab.

Der letzte Wolf im ganzen Odenwald allerdings wurde am 12. März 1866 auf Eberbacher Gemarkung vom Schollbrunner Gastwirt Vinzenz Diemer mit einem Schuss zwischen 13 und 14 Uhr dieses Tages zur Strecke gebracht. Zeitgenössische Berichten zufolge seien rund 150 Schützen, 120 Treiber und 130 Hunde aufgeboten gewesen. Und die Hatz ging über mehrere Ortschaften des „Winterhauchs“ und endete schließlich auf Eberbacher Gemarkung. In einem Triumphzug wurde er auf die Höhe über Eberbach geschleppt, wenige Tage später ausgestopft und dort gegen sechs Kreuzer Eintrittsgeld präsentiert.

Und weil der Wolf auf Gemarkung Eberbach sein Leben ausgehaucht hatte, bekam schließlich die Stadt am Neckar den Kadaver des Tieres zum endgültigen Besitz, der heute im Eberbacher Museum ausgestellt wird, obwohl kein Eberbacher einen Schuss auf ihn abgab.