Flucht und Vertreibung (7) - Schon auf der Zugfahrt von Furth im Walde nach Hardheim erkundigten sich die Vertriebenen nach dem Ziel ihrer Reise

„Baden war uns als Musterländle bekannt“

Von 
Hans Sieber
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Mit „Flucht und Vertreibung“ überschrieben ist eine neue FN-Serie. Sie befasst sich mit der Ankunft der ersten Vertriebenen in der Folge des Zweiten Weltkriegs, die sich 2021 zum 75. Mal jährt.

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Hardheim. Mit „Aufnahmequote wurde gesenkt“ überschrieben ist Teil 7 dieser FN-Serie, in dem es auch über ein „ganz armes Gebiet“ geht: Die Eingabe des Landrats nach Karlsruhe hatte Erfolg. Daraufhin wurde die Aufnahmequote am 9. Juli 1946 von 26 000 (in den ersten Meldungen in 1945 ging man sogar von 30 500 Personen aus) auf rund 21 000 Personen vermindert. Für Hardheim bedeutete das eine Verringerung von 1324 Personen auf rund 1200. Diese Zahl wurde niemals erreicht; der Höchststand am 21. August 1946 betrug 1176 Neubürger, was immerhin 45 Prozent der Gesamteinwohnerschaft ausmachte. Zusammen mit den Evakuierten und den Ausländern stellten die „Fremden“ mehr als die Hälfte der Einwohnerschaft.

Ein „Heimatschein“, den Hans Siebers Mutter trotz Androhung strengster Strafen in einem doppelten Fach einer Holzkiste mitgebracht hat. © Hans Sieber

Dass sich in Hardheim die Gesamtzahl der Einwohner auf 3649 Personen verringerte, lag vor allem daran, dass sich in der Statistik die Zahl der Einheimischen um fast 200 verminderte, dafür kamen aber auch 22 Ausländer hinzu, die bisher in der Einwohnermeldestatistik gar nicht enthalten waren. Gegenüber dem Bevölkerungsstand in Jahre 1939 von 2239 Personen war das eine Zunahme von rund 61 Prozent.

Infolge der Inanspruchnahme aller bewohnbaren Räume stieg die Zahl der Wohnungen in 1939 von 472 auf 619. Davon wurden 65 als bewohnt, aber reparaturbedürftig, eine als unbewohnt aber reparaturbedürftig, fünf von ehemaligen ausländischen Arbeitskräften bewohnt und 548 als bewohnt und nicht reparaturbedürftig eingestuft.

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Pro Zimmer, so stellte das Bürgermeisteramt fest, lebten 1,7 Personen, wobei sich in den Räumen der Vertriebenen und Flüchtlingen wesentlich mehr Personen aufgehalten hatten. So gab es in Bretzingen eine Reihe von Klagen. Dort hatte der Landkreis ermittelt, dass jeder einheimischen Person ein Zimmer zur Verfügung stand, während andererseits die Vertriebenen mit mehreren Personen in einem Raum hausen mussten.

Am 9. Mai 1947 berichtete der Bürgermeister von Hardheim Anton Henn dem Landratsamt, dass sich die Einwohnerschaft Hardheims aus 3632 Personen (2137 Altbürgern, 1156 Neubürgern, 315 Evakuierten und 24 Ausländern) zusammensetze. Es gebe im Allgemeinen keine Klagen über das Zusammenleben von Neu- und Altbürgern, so der Bürgermeister, aber neben mangelhaften sanitären Anlagen trügen insbesondere die Umstände, dass zahlreiche junge Paare die Ehe schließen würden und als Mindestanforderung auf mindesten ein Zimmer stellten, große Probleme dar.

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Dass ständig kriegsgefangene Angehörige von Alt- und Neubürgern heimkehrten und auch Personen im Rahmen einer Familienzusammenführung eintreffen würden, erschwerte der Gemeinde die Lage zusätzlich.

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In einem Jahr hätten 14 Eheschließungen stattgefunden. Der Bürgermeister forderte am 24. Mai 1947 insbesondere den Wohnungsbau zu fördern, aber Hardheim könne von dem Wohnungsbauprogramm der Regierung leider nicht profitieren, weshalb er den Abzug von Vertriebenen forderte, weil keine Wohnungen mehr zu finden seien.

Im Januar 1948 interessierte sich das Landratsamt erneut für die Zahl der Eheschließungen zwischen Alt- und Neubürgern. So berichtete die Gemeinde Hardheim am 23. März 1948, dass seither vier Flüchtlingsmänner und einheimischer Frauen (darunter eine Witwe) und vier Flüchtlingsfrauen und einheimische Männer den Ehebund geschlossen hätten.

In den nachfolgenden statistischen Meldungen an das Landratsamt waren immer wieder die geschlossenen Ehen ein Thema. Man sah darin ein Zeichen beginnender Integration. Interessant ist allerdings, dass sich zum 1. Oktober 1949 (also drei Jahre nach der Ankunft der ersten Ostvertriebenen) immer noch 244 Evakuierte (diese Zahl verringerte sich ein Jahr später lediglich auf 206 Personen) in Hardheim aufhielten.

Ganz armes Gebiet

Aber auch die Zahl der Ausländer ist zu hinterfragen. Drei Hardheimer Frauen hatten einen Ausländer (Österreicher), eine einen Polen geheiratet. Die anderen Ausländer waren entweder bei Landwirten oder im Sägewerk Henn in der Miltenberger Straße beschäftigt. Ein Kind war als Waise im Krankenhaus zurückgeblieben. Ein elsässisches Ehepaar galt auch als Ausländer.

Schon auf der Zugfahrt von Furth im Walde nach Hardheim erkundigten sich die Vertriebenen nach dem Ziel ihrer Reise. „Baden war uns als Musterländle bekannt“, erinnerte sich Katharina S., aber „Nordbaden ist ein ganz armes Gebiet“, erhielt sie als Antwort. Dementsprechend waren auch die Lebensumstände der Neuankömmlinge. Vertriebene, die zuhause in der Landwirtschaft arbeiteten, fanden relativ schnell eine Beschäftigung – zumal sie im Umgang mit Pferden oftmals besser vertraut waren, als die Einheimischen. Sie fanden Arbeit allerdings nur gegen eine Naturalentlohnung. Aber das reichte bis zur Währungsreform am 24. Juni 1948 zum Überleben. Mehr wollten sie eigentlich nicht, obwohl die Behörden bereits in 1945 im Hinblick auf zu erwartenden Menschen verbindliche Löhne bekannt gemacht hatten. Aber die kleinen, wenige Hektar großen landwirtschaftlichen Betriebe im Erftal konnten solche Löhne nicht bezahlen und hatten auch keinen Bedarf an zu entlohnenden Arbeitskräften.

Schwerer hatten es da schon die „Kopfarbeiter“ und die kleinen Handwerker, für die keine adäquaten Stellen zu finden waren. Sicherlich konnten Schuster und Schneider sich selbstständig machen, denn oftmals wurde der einzige Raum, der zum Kochen, Wohnen und Schlafen diente, auch zusätzlich zur Werkstatt. Darum suchten sich viele Vertriebene Arbeitsstellen in den Großstädten, die für den Wiederaufbau dringend Arbeitskräfte brauchten.

Doch Wohnraum gab es in Mannheim, Heilbronn oder Würzburg aufgrund der durch die Bombardierung zerstörten Häuser kaum oder nicht. Die öffentlichen Zugverbindungen waren infolge der beschädigten Bahnanlagen und der massenhaft herumstehenden Schrotthaufen aus zerbombten Lokomotiven, Waggons und Bahnhöfe kaum verlässlich, geschweige denn pünktlich. Die Menschen, die in den Städten Arbeit gefunden hatten, versuchten so rasch wie möglich ihre Familien nachkommen zu lassen. In den ersten beiden Jahren war das unmöglich, weil die Besatzungsmächte streng darauf achteten, dass die Menschen dort blieben, wo sie gelandet waren.

Ab 1948 setzte dann ein verstärkter Wegzug aus dem ländlichen Raum ein. Das brachte zwar eine momentane Entlastung auf dem Wohnungssektor, doch gehungert wurde dennoch weiter. Das Jahr 1948 war ein ganz besonderes Hungerjahr, nachdem 1945 und 1946 die strengsten Winter der Dekade das Land heimsuchten. Die verbliebenen Vertriebenenfamilien suchten mehr schlecht als recht zu überleben. Neben der Hilfstätigkeit in den bäuerlichen Betrieben suchten die Familien mit Genehmigung der Grundstückseigentümer die abgeernteten Felder nach Getreide, Kartoffeln und Rüben ab, legten sich einen Kleintierbestand (in der Regel Stallhasen) zu, um auch zu Fleisch zu kommen. Und auch die ausgepresste Maische der Weintrauben fand reißenden Absatz, konnte man sie doch erneut einwässern und damit einen Wein/Most mit geringerem Alkoholgehalt gewinnen.

Die Gemeinden waren gehalten, den Vertriebenen Gartenland zur Verfügung zu stellen. In einigen Dörfern mussten die vorhandenen Sportplätze zu Gartenland umfunktioniert werden; lediglich die Sportanlagen, die weitab von den Dörfern lagen, blieben von einer Umnutzung verschont. Bereits in 1949 waren in Hardheim Pläne für einen geordneten Siedlungsbau gediehen. Die erste Siedlung entstand durch die von der katholischen Kirche gegründete „Neue Heimat“ im Norden von Hardheim und zu Beginn der 1950er Jahre auch durch die „Eirichsiedlung“, wo Werkswohnungen der Maschinenfabrik Eirich geschaffen wurden. Ab 1951 entstanden große Baugebiete mit Siedlungsreihenhäusern in der Kolpingstraße, im Adalbert-Stifter-Weg und in der Bürgermeister-Henn-Straße durch die „Badische Landsiedlung“.

Dort entstanden Doppelhäuser mit je zwei Wohnungen und einer durchschnittlichen Wohnfläche von 45 qm für eine Familie. In der Regel wurden solche Wohnungen von sechs bis zehn Personen belegt. Durch das Konzept einer „Nebenerwerbssiedlung“ hatten alle Siedlungshäuser Nebengebäude als Kleintierställe und ausreichende Hausgärten, um die Eigenversorgung der Bevölkerung zu sichern. In Bretzingen wie Erfeld gab es zwar Interessenten für einen Wohnungsbau, jedoch stellten sich Bürgermeister und Gemeinderäte (allesamt Landwirte) quer.

So entstand in Bretzingen lediglich ein Wohnhaus durch die Vertriebenenfamilie Klotz neben der neuen Schule und in Erfeld die drei Wohnhäuser der Familien Czemmel, Lindl und Mages (Fortsetzung folgt).