Leute im Land - Lucergyan do Nascimento lebt und arbeitet seit zwei Jahren in Hardheim / Sein Handwerk hat der „Dellendoktor“ in Brasilien und anderen Ländern gelernt Autodellen zu entfernen ist sein Metier

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„Dellendoktor“ Lucergyan do Nascimento bei der Arbeit. © Adrian Brosch

Größere Dellen und vor allem auch Macken in Alu-Karosserien kann längst nicht jeder ausbeulen, ohne zu Spachtel und zu neuem Lack greifen zu müssen. Anders Lucergyan do Nascimento.

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Hardheim. Autos mit „Golfball-Profil“ gehören im Erftal derzeit zum normalen Straßenbild: Der Hagelschlag am 11. Juni leistete ganze Arbeit. Abhilfe schafft der Kfz-Ausbeultechniker Lucergyan do Nascimento. Mit technisch anspruchsvollem Gerät, extrem viel Erfahrung und dem richtigen Augenmaß entbeult er beschädigte Fahrzeuge, ohne sie neu lackieren zu müssen. Er ist ein Spezialist für „schwere Fälle“. Zur Zeit kennen ihn vor allem die Kunden des Autohauses Richter, wo der als „Gyan“ bekannte Hardheimer seit Freitag an den Fahrzeugen arbeitet.

Zu seiner Profession kam der gebürtige Brasilianer bereits in seiner Heimat: „Als ich dort im Jahr 1998 die Arbeit sogenannter ‚Dellendoktoren’ sah und fasziniert war, wurde mein Interesse daran geweckt“, erinnert sich der 38-Jährige, der ab 2002 die Technik erlernte. Er gründete in Brasilien eine eigene Werkstatt, die er im vorigen Jahr auflöste, nachdem er nach Hardheim übergesiedelt war.

Gebürtiger Brasilianer

Sechs Jahre nach der Firmengründung begannen er und seine Frau Morgana, in der „Hagelsaison“ in verschiedenen europäischen Ländern ihr Handwerk zu verfeinern. So auch in Deutschland. 2016 folgte der Ortswechsel ins Erftal.

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„Die Technik mag einfach aussehen, ist es aber nicht“, erklärt er beim Ausbeulen eines Audi. Zuerst müssen beispielsweise die Hageldellen unter starkem LED-Licht erst einmal gefunden und gezählt werden, ehe sie mit abwaschbarem Rotstift markiert werden. „Unter dieser Ausleuchtung kann sich keine noch so kleine Delle verstecken“, lacht er.

Allerdings kann trotz aller Sorgfalt und Ausstattung nicht in jedem Fall geholfen werden, wie „Gyan“ den Fränkischen Nachrichten zu verstehen gibt: „Es kann nur dann ohne Neulackierung ausgebeult werden, wenn der Lack des betreffenden Fahrzeugs absolut unversehrt blieb“, schildert er.

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Gesetzt den Fall, dass keinerlei Lackschäden vorhanden sind, spiele auch die Größe und Tiefe der Beule nur eine untergeordnete Rolle: „Prinzipiell kann jede Delle beseitigt werden, egal wie groß sie ist.“

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„Jeder Autolack hat eine ’Orangenhaut’“, fügt Simone Richter vom gleichnamigen Autohaus erklärend an. „Und diese Haut hat bei jeder Automarke eine andere Struktur, die original nachgearbeitet werden muss“, beschreibt sie eine der großen Herausforderungen an den Spezialisten.

Lack sollte nicht beschädigt sein

Sollte die Lackierung angegriffen sein, könne man zwar immer noch entbeulen, müsse dann jedoch das Blechteil gleich neu lackieren, fährt „Gyan“ in seiner Erklärung fort. „Sonst könnten sich Rostprobleme entwickeln, was gerade bei neueren Fahrzeugen so hässlich wie vermeidbar wäre.“.

Doch auch beim klassischen Entbeulen gilt es, stark auf der Hut zu sein: Ein falscher Handgriff genügt, um den bis dato unbeschädigten Lack anzugreifen. „Auch dann muss das Auto neu lackiert werden“, räumt Lucergyan do Nascimento ein und verweist auf eine damit einhergehende Wertminderung. „Ein nachlackiertes Auto gilt als nicht mehr original und läuft letztlich als Unfallwagen, was den Wert beim späteren Wiederverkauf mindert. Und zwar selbst dann, wenn es sich etwa lediglich um Parkkratzer oder Hagelschäden handelt“, betont er. Als „springenden Punkt“ bezeichnet der Experte weniger das rund 100-teilige Werkzeug, sondern das richtige Gefühl beim Arbeiten am Fahrzeug. „Man muss seine Erfahrungen beachten und sich viel Zeit für jedes Auto nehmen“, erklärt Lucergyan do Nascimento. „Nach einer qualitativ guten Reparatur kann man nicht mehr erkennen, dass das Auto in einem Hagelsturm unter Beschuss stand“.

Es gibt verschiedene Techniken zur Beseitigung der Schäden: „Man kann die Dellen von innen herausdrücken oder aber mit einer speziellen Heißklebe-Technik von außen herausziehen“, schildert er und setzt das Klebekit auf der Motorhaube des zur Zeit des Hagelschlags am 11. Juni in Walldürn geparkten Audi A4 an. „Dieses Fahrzeug war fabrikneu und noch nicht einmal zugelassen, als der Hagel einsetzte“, verdeutlicht er.

Was überzeugte Liebhaber von Oldtimern erfreuen wird: „Es ist tatsächlich zu beobachten, dass neuere Automodelle gerade bei Hagel wegen dünnerem, weicherem und anders legiertem Blech potenziell gefährdeter sind als ältere Wagen, die noch aus deutlich dickeren Blechen gefertigt wurden“, berichtet er aus seiner Erfahrung und vergleicht die „Blechhaut“ aktuellerer Fahrzeuge mit einem Federprinzip, das die Dellen begünstigt.

Noch einiges an Arbeit

Derzeit geht Lucergyan do Nascimento davon aus, mit den Hardheimer Hagelschäden „noch mindestens einige Wochen“ beschäftigt zu sein, wie er sagt. „Sicher ist es Präzisionsarbeit, aber ich freue mich jedes Mal über einen zufriedenen Kunden und den Vergleich, wenn ich das behandelte Fahrzeug vor und nach dem Entbeulen und damit meine Erfolge sehe“, erklärt der „Dellendoktor“ und streicht über die Motorhaube des Audi.

Viele auf das Ausdellen spezialisierte Firmen aus ganz Deutschland hätten sich direkt nach dem Unwetter angeboten, berichtet Simone Richter. Warum sie ausgerechnet Lucergyan do Nascimento beauftragte? „Weil er nicht nur ein absoluter Spezialist ist, sondern auch in Hardheim ansässig ist und hier Gewerbesteuer zahlt“, lacht das engagierte BdS-Mitglied, zugleich erste Bürgermeister-Stellvertreterin von Hardheim. ad