Ende des Zweiten Weltkrieges in der Karwoche 1945 - Die Erstkommunion wurde extra auf Gründonnerstag vorverlegt / Ältere Hardheimer erinnern sich (Teil 1) Panzer standen gefechtsbereit um Hardheim

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Hans Sieber
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Die Gräber zweier Polen auf dem Hardheimer Friedhof. Links Jan Jankowiak, der am 1. April 1945 erschossen wurde. Rechts Wladislaw Dzwoniak, der 1948 an einer Blinddarmentzündung starb. Dzwoniak blieb nach Kriegsende in Hardheim zurück als "Emigrant". Er arbeitete bei Familie Leiblein in der Riedstraße. Er lehnte eine ärztliche Behandlung und OP ab und starb schließlich - so Helmut Berberich, der in der Nachbarschaft wohnte und den Polen gut kannte - an Blindarmdurchbruch.

© Sieber

Hardheim. Gründonnerstag 1945. Aufgeregt eilen die Drittklässler der Hardheimer Volksschule, soweit sie Katholiken sind, in die Pfarrkirche. Es muss alles ganz schnell gehen, denn die Kinder sollen das erste Mal die Kommunion erhalten. Pfarrer Josef Heck zog diesen großen Tag der Kinder um mehr als eine Woche vor. Der Grund: Aus der Richtung Mudau/Amorbach - so genau wusste man das nicht - hörte man Grummeln und Kanonendonner. Die US-Armee war im Anmarsch und drängte die Einheiten der Deutsche Wehrmacht vor sich her in Richtung Osten. Keiner konnte sagen, ob und wie Hardheim die sich nähernde Front überstehen würde. Darum war Eile geboten.

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Die Mädchen hatten weiße Kleider an und die Buben durften sich zum ersten Male in einem Anzug sehen lassen. Die langen Hosen waren ein Zeichen, dass sie nun zu den "Großen" gehörten. Elisabeth Künzig, geborene Kemmerer, die im November 80 Jahre alt wird, erinnert sich an diesen Tag. In einem schönen weißen Kleid, das die "Hausschneiderin", Frau Volk, im Hause der Kemmerers geschneidert hatte, ging sie mit ihren Eltern zum Erftaldom.

Kameras wurden beschlagnahmt

"Leider gibt es keine Erinnerungsbilder von unserer Erstkommunion", ist Elisabeth Künzig traurig. Am Gründonnerstag (29. März 1945), dem Tag der Ersten Heiligen Kommunion, traute sich niemand zu fotografieren. Und als dann am regulären "Weißen Sonntag" eine Woche nach Ostern die Kinder erneut zum Tisch des Herrn gingen und ihren "großen Tag" trotz der Besatzung nachfeiern durften, hatte keiner eine Kamera dabei, weil die US-Armee alle auffindbaren beschlagnahmt hatte. Die nicht abgelieferten Fotoapparate blieben in sicheren Verstecken.

Ihr Jahrgangskollege Bernhard Löffler erinnert sich ebenfalls noch genau an diesen Tag.

Auf dem Durchmarsch

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Nur wenige Stunden bevor die US-Soldaten vor Hardheim erschienen, zogen deutsche Soldaten, Reste verschiedener Einheiten durch den Ort, hatte Elsa Baumann (gestorben 1968) in ihren Erinnerungen festgehalten. Mit Pferdefuhrwerken und mit Handwagen kamen sie auch aus Richtung Rüdental und zogen durch die Schlossstraße (seinerzeit Adolf-Hitler-Straße).

Mitten in diesem Durcheinander kam auch ein Auto in den Hof der Baumanns in der Schlosstraße gefahren. Diesem entstiegen zwei NS-Bonzen und verlangten Quartier und Verpflegung (Schnaps). Nach großspurigen Durchhalteparolen und einigen Trinksprüchen auf den Führer und den Endsieg verschwanden sie, nachdem erste Schüsse zu hören waren.

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An diese "traurige Haufen" kann sich auch Reinulf Katzenmaier erinnern, wenn deutsche Soldaten mit ihren wenigen Habseligkeiten - nur wenige Stunden vor dem Eintreffen der US-Armee - an seinem Elternhause in der Walldürner Strasse vorbeizogen.

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Gerüchteweise soll es auch geheißen haben, dass die Erfabrücke in der Walldürner Strasse gesprengt werden sollte; glücklicherweise kam es nicht dazu.

Dann am Karfreitag, etwa um 18 Uhr, war der Volkssturm auf dem Schlossplatz angetreten, als man von der Josefkapelle her, Geschütze schießen hörte und alles auseinander stob und nach Hause eilte, denn kaum bewaffnet, wäre ein Widerstand sinnlos gewesen. Reinulf Katzenmaier erinnert sich, dass die US-Panzer in den frühen Abendstunden in das Erftalstädtchen einzogen. Wegen der angeordneten Verdunkelung gab es keine Straßenbeleuchtung.

"Unser Großvater ließ uns aus einem schmalen Spalt der Haustüre auf die Strasse lugen", so Katzenmaier. "Was wir sahen, verschlug uns den Atem", denn die Amerikaner fuhren Panzer an Panzer, mindestens 40 bis 50 an der Zahl, an unserem Haus vorbei in Hardheim ein. "Unsere Großeltern hatte große Angst und wir sollten uns im Keller, der als Luftschutzkeller ausgewiesen war, aufhalten. "Man konnte ja nicht wissen, wie sich die Eroberer verhalten würden".

Die amerikanischen Panzer fuhren durch den Ort und als die Hardheimer am Karsamstagmorgen aufstanden, sahen sie die Hänge des Schmalbergs, des Kreuzbergs sowie den alten Paradeisweg von Panzern besetzt und die Kanonenrohre auf Hardheim gerichtet.

Nachdem der Ort besetzt war, quartierten sich die US-Soldaten in vielen Häusern ein. "Sie suchten sich vor allem die moderneren und neuen Häuser aus" (Elisabeth Künzig). Ihre besondere Vorliebe galt freistehenden Häusern, um sich nach allen Seiten abzusichern. "Auch wir mussten unser Haus räumen. Meine Mutter und ich, fanden Aufnahme bei Familie Bischof in der Nachbarschaft. Vater und die Buben fanden Unterkunft bei Verwandten im Doggenbrunnen", berichtet Elisabeth Künzig. "Zu uns Kindern waren die Amerikaner - vor allem die Schwarzen - nett und freundlich und gaben uns immer wieder Süßigkeiten und Kaugummis."

Ausquartierungen

Nicht besser erging es Reinulf Katzenmaier und seinen drei Geschwistern mit der Mutter. Der Vater war im Krieg, "die Großeltern und auch wir sollten innerhalb von 20 Minuten unsere Wohnung verlassen, weil die US-Amerikaner unser Haus als 'Office' zur Registrierung und Erfassung von gefangenen deutschen Soldaten dienen sollte. Wir bekamen nochmals zehn Minuten Zeit dazu geschenkt, um auch etwas Verpflegung aus dem Keller mitzunehmen", so Katzenmaier. "Wir fanden Unterkunft im Hause gegenüber, wo uns Ida Eirich ein Zimmer zur Verfügung stellte und uns die Mitbenutzung ihrer Küche gestattete". Die Großeltern dagegen konnten beim Nachbarn Josef Eirich unterkommen, der wegen seines hohen Alters nicht aus seinem Hause musste. "Lediglich die zahnärztlichen Praxisräume meines Großvaters blieben von der Beschlagnahmung vorerst verschont und er konnte etwa ein viertel Jahr weiter praktizieren."

Statt die Büroräume der Firma Gustav Eirch als Office zu nutzen, nahmen die amerikanischen Soldaten sich die Wohnungen der Familie Eirich (im "blauen Haus"), die stattdessen in den unternehmerischen Büros hausen musste. Etwa neun Monate dauerte diese Ausquartierung.

"Alles war kaputt, aus den Möbeln hatten die Amis Brennholz gemacht und im Speicher lagerten sie die Ascherückstände aus den Öfen", zeigt sich Reinulf Katzenmaier heute noch betroffen.

"Im heutigen Anwesen Beierstettel in der Bretzinger Straße hatten die Amerikaner eine Feldküche", so der seinerzeit Zehnjährige. "Und wenn die Amis dorthin zum Essen gingen, schlichen wir Buben uns immer wieder in unser Haus und hielten Ausschau nach Schokolade".