Vor über 100 Jahren - Der Großrinderfelder Ferdinand Leuchtweis war bis 1919 im englischen Gefangenenlager Dorchester

Als Maler und Anstreicher tätig

Von 
Klaus Reinhart
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Das Kriegsgefangenenlager im englischen Dorchester während des Ersten Weltkrieges. © Sammlung Klaus Reinhart

Als der Soldat Ferdinand Leuchtweis, geboren 1895, gestorben 1979, aus englischer Kriegsgefangenschaft wieder in seine Heimat zurückkehrte, nahm er seine vor dem Ersten Weltkrieg erlernte Tätigkeit als Tüncher und Maler bis 1970 wieder auf.

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Großrinderfeld. Er war froh, den Ersten Weltkrieg einigermaßen unbeschadet überstanden beziehungsweise überlebt zu haben. Bei Wetterveränderungen spürte er hin und wieder seine vielen kleinen Granatsplitter im Rücken und an den Beinen, die er im Grabenkrieg in Flandern (Belgien) eingefangen hatte.

1922 heiratete Leuchtweis, zog seine vier Kinder (drei Töchter, ein Sohn) zusammen mit seiner Ehefrau Ida groß und arbeitete in seinem erlernten Beruf bis zum Erreichen des Rentenalters. Nebenbei hatte er eine kleine Landwirtschaft, eine Kuh, zwei Schweine und mehrere Ziegen. In seiner Freizeit und nach getaner Arbeit ging er gerne in die neben seinem Wohnhaus liegenden Gasthäuser, um in geselliger Runde mit Freunden und Bekannten einmal ein Bier zu trinken.

Vom Ersten Weltkrieg hatte er wenige Erinnerungsstücke. Ein paar Fotos aus seiner Soldatenzeit in Rastatt und einige Postkarten, die er aus dem Gefangenenlager in Dorchester (Südengland) an seinen Bruder Heinrich geschrieben hatte, wurden jüngst von seinem Enkel gefunden. Der hat diese historischen Stücke jetzt einmal näher unter die Lupe genommen und dabei auch die genaue Adresse und Bezeichnung des Gefangenenlagers entdeckt. Es handelt sich um Dorchester in England.

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Wie aus Wikipedia zu erfahren war, ist Dorchester eine Stadt im Südwesten der englischen Grafschaft Dorset. Sie ist heute der Verwaltungssitz der Grafschaft. Dorchester liegt am Fluss Frome. Die Stadt hat rund 16 000 Einwohner; im Einzugsbereich leben etwa 40 000 Menschen. Dort war während des Ersten Weltkrieges ein riesiges Lager für deutsche Kriegsgefangene, welche die Engländer in Belgien und Teilen Nordfrankreichs gemacht hatten. Nach dem Ersten Weltkrieg hat sich eine historische Interessengemeinschaft, die besonders nach dem Zweiten Weltkrieg die Geschichte des Lagers aufgearbeitet hat, gebildet. 2016, als sich die Entstehung des Lagers zum 100. Mal jährte, erschien ein etwa 130 Seiten starkes Buch mit dem Titel „Living with the enemy“ (Leben mit dem Feind), Herausgeber Brian Bates.

Dort steht, dass bis zu 4500 deutsche Kriegsgefangene hier dauerhaft untergebracht waren. Sie wurden damals nach Berufsgruppen in speziellen Blocks und Baracken untergebracht. Die deutschen Bauernsöhne unter ihnen mussten auf den umliegenden Bauernhöfen (Farmen) beim Ernteeinsatz und in den Stallungen helfen.

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Die Handwerker (wie Maurer, Schmiede, Schuster, Mechaniker, Maler usw.) wurden mit ihrer Berufserfahrung speziell bei Reparaturen, Verschönerungen und Neubauten eingesetzt und wurden von den umliegenden Gemeinden bzw. dort wohnenden Privatpersonen bei Bedarf angefordert. Ungelernte Soldaten wurden bei der Straßenreinigung und anderen einfachen Arbeiten eingesetzt. Für Spezialarbeiten wurden verhältnismäßig geringe Löhne an die POW (Prisoner of war) ausgezahlt. In einer Kantine durfte man dann kleinere Spezialitäten wie Schokolade, Kekse oder Rauchwaren zu der sonst ausreichenden Verpflegung dazu kaufen. Alkohol gab es nur für Offiziere.

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Ferdinand Leuchtweis, gelernter Tüncher und Maler, wurde hauptsächlich beim „Weisseln“ von Wohnräumen und anderen Anstricharbeiten eingesetzt. Einmal durfte er im Kaufhaus James Miles ein hölzernes Pferd wieder neu anstreichen, das dort in Lebensgröße stand.

Während die Frauen einkauften, durften die Kinder auf das Pferd sitzen und „reiten“. Durch die dauernde Benutzung wurde es immer wieder mal renovierungsbedürftig. Der Kaufhausbesitzer forderte in der Kriegszeit einen Maler an und Ferdinand Leuchtweis aus dem Gefangenenlager wurde ihm zugeteilt. Die ganze Aktion wurde auf einem Foto festgehalten, das im Buch „Living with the enemy“ enthalten ist.