Jüdisches Museum - Berliner Theologe und Musiker Olaf Ruhl vermittelt eindrucksvoll jiddische Musik, Sprache und Kultur Sehnsucht nach Freiheit und Frieden

Von 
Helmut Wörrlein
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Olaf Ruhl in seinem Element: Mit Gitarre, Akkordeon und sehr flexibler Stimme präsentierte der Berliner Künstler jiddische Lieder. © Helmut Wörrlein

Der Theologe und Musiker Olaf Ruhl gestaltete im jüdischen Museum in Creglingen mit einem Streifzug durch die jiddische Kultur einen abwechslungsreichen Abend.

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Creglingen. Eine „heitere musikalische Einführung in die jiddische Musik, Sprache und Kultur kündigt Olaf Ruhl in der Beilage zu seiner CD an – und er hält bei seinen Auftritten, was er verspricht. Die zahlreichen Besucher im Jüdischen Museum in Creglingen erlebten einen kurzweiligen und lehrreichen Abend. Der 54-jährige evangelische Theologe mit vielseitiger musikalischer Ausbildung benötigte nur drei Dinge, um sein Anliegen eindrucksvoll zu vermitteln: Sein Akkordeon, seine Gitarre – und seine Stimme. Und er verstand es, das Publikum in sein Programm zu integrieren und zum Mitsingen oder zumindest zum Mitsummen zu inspirieren.

Nachbarin klopfte

Seine Urgroßmutter war Jüdin. Ausschlaggebend für seine Leidenschaft für jiddische Kultur und Musik war aber eher ein Erlebnis als 20-jähriger Student: Er spielte auf der Gitarre amerikanische Folksongs, darunter das Lied „Donna, Donna“, das damals durch Joan Baez und Donovan sehr bekannt war. Eine Zimmernachbarin klopfte und sagte, dass es sich ursprünglich um ein jiddisches Lied handle, das unter dem Titel „Dos kelbl“ (das Kalb) 1940 in New York von Sholom Secunda nach dem Text von Aaron Zeitlin komponiert wurde. „Donna, Donna“ – Ruhl singt es auf Englisch und Jiddisch – ist ein trauriges Lied. Es geht um ein angebundenes Kalb, dessen Bestimmung es ist, zur Schlachtbank geführt zu werden.

Für die Sehnsucht nach Freiheit und Frieden (jiddisch: frayhayt und sholem) steht der „Regnboygen“: „.And in my heart ikh fil vi sheyn s’ken zayn di velt“ , heißt es in dem Lied von Michael Fox, das von Juden erzählt, die nach Amerika auswanderten. Auch Achtung und Toleranz sind Inhalte jiddischer Lieder: „Un mir zenen ale brider, Un mir zingen freylekh lider. Gemeinsames Singen alter und neuer jiddischer Lieder. Ein fröhliches Miteinander ist zentrales Thema der flotten Weise „Zingt oyf Yiddish“ des jüdisch-ukrainischen Chansoniers und Komponisten Arkady Gendler. Zum breiten Repertoire des Künstlers gehörten natürlich auch jiddische Liebeslieder, fast alle in Moll geschrieben. Eine Ausnahme ist der musikalische Dialog eines Bräutigams mit seiner Braut, wohl weil er ein Happy End hat und sie sich das Eheversprechen geben – „a porele veln mir zan“. „Vieles verstehen wir und manches nicht“, meinte Olaf Ruhl zur jiddischen Sprache und lieferte auch gleich die Begründung hierfür. Das Jiddische hat sich wie das Hochdeutsche aus dem Mittelhochdeutschen entwickelt – Juden in Deutschland schrieben das, was sie hörten in hebräischen Buchstaben auf. Vor allem religiöse Begriffe aus dem Hebräischen flossen mit ein. Durch die Vertreibung vieler Juden nach Osteuropa erhielt sich dort das „Jiddisch – Daitsch“, verbunden mit einigen slawischen Elementen, während in Deutschland, nach dem 18. Jahrhundert kaum noch jiddisch gesprochen wurde. In erster Linie durch den Holocaust, aber auch durch stalinistischen Antisemitismus und Auswanderung reduzierte sich auch in Osteuropa die jiddisch sprechende Bevölkerung drastisch. Heute gibt es noch etwa vier bis fünf Millionen Menschen, die über den ganzen Erdball verstreut das jiddischsprachige Erbe pflegen.

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Neben seinen Erläuterungen über die Entstehung der Lieder sowie kurzen Informationen zu den Textschreibern und Komponisten erzählte Ruhl Anekdoten, Rätsel und Witze, die Einblick in Lebens-und Denkweise der osteuropäischen Juden gaben. Dazu gehörte zum Beispiel Folgende: Ein jüdischer Vater verfügt in seinem Testament, dass sein Erbe an seine drei Söhne wie folgt aufgeteilt werden sollte: die Hälfte für den ersten, ein Drittel für den zweiten und ein Neuntel für den dritten. Nun bestand das Erbe aus 17 silbernen Löffeln, von denen bei der Aufteilung keiner beschädigt werden durfte. Ein kleiner Junge half, indem er einen weiteren Löffel auslieh, die Aufteilung vornahm und dann den Löffel wieder zurückgab.

Zwei Gedichte rundeten das Programm ab: „Mayn froy“ – eine Liebeserklärung an seine Frau- und „Ikh hob gemolt“, die Olaf Ruhl sowohl in der jiddischen Urfassung sowie der deutschen Übersetzung vortrug, sind Werke eines der bekanntesten Künstler des 20. Jahrhunderts: Marc Chagall.