Land und Leute - Der 22-jährige Standorfer Louis Buß gehört zum deutschen Breakin’-Olympiakader für 2024 / Künstlername lautet „Light“ „Du bist frei, hast keine Grenzen“

Breakdance wird 2024 olympisch – und ein Creglinger kann sich Hoffnung machen, in Paris im deutschen Olympia-Kader zu stehen: Louis Buß gehört dem 16-köpfigen Perspektivkader an.

Von 
Inge Braune
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Light alias Louis Buß bei der Silverback Open in Philadelphia im Oktober 2018. © Kien Quan

Standorf. Es wird eine olympische Premiere, wenn 2024 in Paris erstmals Breakdancer zur Battle antreten. Sie werden dann die ersten Tanzsportler überhaupt sein, die in der olympischen Arena um Medaillen kämpfen. Wenn alles gut läuft, könnte auch ein junger Breakin’-Sportler aus dem kleinen Creglinger Dörfchen Standorf beim Weltsportereignis am Eiffelturm zu erleben sein.

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Der 22-jährige Louis Buß gehört zum deutschen Breakin’-Olympia-Kader. 16 Sportlerinnen und Sportler wurden beim Kaderlehrgang Ende November in Frankfurt am Main ausgewählt, jeweils acht „B-Boys“ und „B-Girls“ gehören dem Perspektiv-Kader an. Beim Auswahllehrgang war die Zulassung der neuen Disziplin noch nicht einmal final gesichert: Die offizielle IOC-Entscheidung fiel erst ein paar Tage später.

Louis Buß – sein B-Boy-Künstlername lautet „Light“ – hat sich schon als Junge die ersten Moves vom neuneinhalb Jahre älteren Bruder Lukas abgeschaut. Der nahm den Zehnjährigen mit zu den ersten „Battles“ – willkommene Abwechslung zum Leben in dem kleinen Dörfchen mit seinen nur knapp vier Dutzend Einwohnern. Das bot zwar eine absolut Superkindheit – „Was besseres gibt’s nicht“, sagt Louis – aber für Jugendliche muss es dann doch etwas mehr sein. Eigentlich erst bei den Breakdance-Veranstaltungen, zu denen er mit Bruder Luki kreuz und quer durch die Republik reiste, habe er so richtig Feuer gefangen. Auftritte gab’s auch regional. Gut erinnert er sich etwa noch an den Auftritt 2014 bei „Leben eben!“, einem von den Jeunesses Musicales in Weikersheim ausgerichteten Kleinkunstwettbewerb für Jugendliche. „Der hat’s richtig drauf“, moderierte ihn sein Bruder damals an – und die Besucher in der alten Stadthalle konnten kaum glauben, wie der 14-Jährige im Kopfstand herumwirbelte, in den unglaublichsten Positionen abrupt ins Freeze wechselte, sich bei Top Rocks ver- und entknotete und Sixsteps so rasant aufs Hallenparkett legte, dass selbst Eiskunstläufern Hören und Sehen vergehen konnte.

Den Headspin hatte er schon mit elf, zwölf Jahren drauf. Das war die Zeit, in der er dann auch dem Fußballspiel im Verein Adieu sagte: Breakin’ war da schon zum Lebensentwurf geworden. „Du bist frei, hast keine Grenzen, kannst dich ganz individuell ausdrücken – je individueller, desto besser“, schwärmt er von seiner ganz und gar nicht ungefährlichen Leidenschaft. 2018 holte er bei der Battle of the Year“, kurz BOTY, den Deutschen Titel – als bis dato jüngster Gewinner. Und das, nachdem er sich ein Jahr zuvor so heftige Rückenprobleme eingefangen hatte, dass er sich kaum noch selbst die Sneaker-Senkel binden konnte. Dieser Sport fordert neben Talent jede Menge Disziplin und zähes Durchhaltevermögen, kann aber auch unendlich viel Spaß bringen.

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Und er kann das Leben gewaltig beeinflussen: Mit 14 Jahren entdeckte ihn die Stuttgarter Beadkance-Gruppe 771-Crew bei der damals weltweit größten Kids-Battle in Paris und lud ihn zum gemeinsamen Training ein. Kurz darauf nahm er erfolgreich bei einem Casting des Main-Franken-Theaters in Würzburg für die Produktion „Schneewittchen breaking out“ teil und wurde als jüngster der sieben Zwerge – sechs Breakdancer und ein Balletttänzer – engagiert. Eine irre Erfahrung sei das gewesen, mit Intendant, Choreograf und Ballettmeister zusammenzuarbeiten. Unglaublich viel habe er dabei gelernt, auch, dass für Profis nicht nur die tolle Performance zählt, sondern auch Tugenden wie Pünktlichkeit, das Durchziehen eines klar strukturierten Stundenplans und Respekt vor Regeln, Lehrenden und Kollegen. Nach insgesamt 21 Auftritten vor immer ausverkauftem Haus stand für ihn fest: „Ich will nur das!“ Bei der Wiederaufnahme des Stücks im Jahr darauf war er, obwohl er mittlerweile in Stuttgart lebte, für die Schule paukte und natürlich mit seiner Stuttgarter Truppe „Tru Cru“ trainierte, wieder voll dabei.

Wer sich einer Sache so mit Haut und Haar verschreibt, will seine Kunst auch weiter geben. Als Trainer machte er sich auch über die Landeshauptstadt hinaus einen Namen, als Tänzer und Juror war er eigentlich ständig unterwegs. Allein im September 2018 nahm er an neun Battles teil, im Lauf der Jahre hat „Light“ Haupt- und Großstädte in fast aller Welt gesehen und knüpfte immer vielfältigere Kontakte in der weltweiten Breakdance-Family. Auch in Nah- und Fernost ist der „B-Boy Light from Germany“ zumindest der Szene ein Begriff. „Ich habe inzwischen Brüder und Schwestern auf allen Kontinenten.“

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Mittlerweile wird sein Gesicht auch außerhalb der Szene immer bekannter: Im Olympia-Promotion-Clip ist Light das deutsche Gesicht für Olympia.

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Eigentlich wäre schon 2020 voll und ganz sein Jahr geworden: Die Berliner Crew „Flying Steps“ – im Breakdance-Bereich so etwas wie der Cirque du Soleil für Artisten – holte ihn nach Berlin. 90 Shows waren geplant – und dann machte Corona der Truppe und Louis Buß einen dicken roten Strich durch die Planung. Das Projekt wird, wie so vieles andere, verschoben.

Statt dessen zog Light erst mal wieder ins Standorfer Elternhaus und mutierte wieder – wie immer bei seinen Aufenthalten dort – vom B-Boy Light einfach zu Louis, dem Nachbarjungen, der, nach seiner beruflichen Entwicklung befragt, eben schulterzuckend sagt „ja, immer noch Tanzen.“

Zwar hofft er natürlich, dass es bald wieder losgehen kann mit Battles, Contests und Shows, aber er genießt auch das Heimatdorf: Hier kommt er zur Ruhe.

Freie Autorin Berichte, Features, Interviews und Reportagen u.a. aus den Bereichen Politik, Kultur, Bildung, Soziales, Portrait. Im Mittelpunkt: der Mensch.