Badische Landesbühne

Vom Kampf eines kleinen Selbstständigen gegen Handelsketten

„Industrielandschaft mit Einzelhändlern“ von Egon Monk ist am Dienstag in der Stadthalle Buchen zu sehen

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Buchen. Kann ein kleiner Selbstständiger auf dem freien Markt bestehen? Selbstverständlich! Schließlich ist er selbstregulierend und daher unbestechlich. Tüchtige werden von ihm belohnt, Untüchtige verschlungen. So stimmt der namenlose Drogist aus Egon Monks „Industrielandschaft mit Einzelhändlern“ sein unermüdliches Loblied auf die Heilsversprechen des Kapitalismus an. Genau das System, das ihn zusehends in die Knie zwingt. Intendant Carsten Ramm adaptiert Monks politisches Fernsehspiel aus den 70er Jahren für die Bühne. Die Badische Landesbühne führt das Stück am Dienstag, 10. Januar, 19.30 Uhr, Buchen, in der Stadthalle auf.

Sein Leben lang wurde der namenlose Einzelhändler für seine Tüchtigkeit entlohnt, doch nun muss er zusehen, wie die Marktverhältnisse sich wandeln und sein Geschäft stagniert. Für ihn ist klar: Er hat nicht hart genug gearbeitet! Getrieben von Existenzängsten setzt er sich hinter die Bücher und studiert die Regeln der Marktwirtschaft. Er rationalisiert, optimiert und experimentiert – doch gegen das Angebot und die wirtschaftliche Überlegenheit riesiger Handelsketten und Shopping-Center, die wie Pilze aus dem Boden sprießen, kommt er nicht an. Aber da er die Prinzipien des Neoliberalismus ganz und gar verinnerlicht hat, versteht er die wahren Gründe seines Scheiterns nicht. Den aufkeimenden Zweifel am System verwirft er.

„Industrielandschaft mit Einzelhändlern“ führen fünf Darsteller der Badischen Landesbühne am Dienstag in der Stadthalle auf. © Sonja Ramm

„‚Industrielandschaft mit Einzelhändlern’ ist ein wortgewaltiges Kammerspiel, das den Untertitel ‚Die Tragödie eines überflüssigen Menschen’ tragen könnte. Fünf Spieler befinden sich gemeinsam in einem Raum, um die Geschichte eines sozialen Abstiegs zu erzählen“, erläutert Regisseur Carsten Ramm. „Die Geschichte von Egon Monk ist ein Blick in das Leben der Menschen, die auch unsere Zuschauer sind, denen langsam die Existenz unter den Füßen weggezogen wird, die sich vieles von dem, was bisher zu ihrem Leben gehörte, nicht mehr leisten können, die nicht begreifen können, warum es auch sie trifft, haben sie doch, anders als andere, immer alles richtig gemacht.“

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Veröffentlicht
Von
Inge Braune
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Der Umgang mit der Sprache von Egon Monks Erzählung ist eine besondere Herausforderung. Die erlebte Rede, also das Sprechen der Figuren in dritter Person, wird direkt auf die Bühne übertragen. Dieser Kunstgriff dient der Verdeutlichung der inneren Vorgänge der Figuren während der äußeren Handlung und hilft dabei, die Widersprüche zwischen Denken und Sprechen offenzulegen. Es entsteht ein interessantes Wechselspiel von literarischem Ausdruck und kleinbürgerlichem Sujet, welches die Denkweise des sozialen Mittelstandes widerspiegelt.

Bühnenbild mit Werbebanner

Das Bühnenbild, entworfen von Tilo Schwarz, zeigt ein Fassadengerüst, an dem ein leicht schief angebrachtes Werbebanner hängt. In Einzelbuchstaben aus Leuchtschrift erscheint darauf das Wort „Industrielandschaft“. Zahlreiche Kartons etablieren den Raum der Drogerie, sie untermalen die euphorischen Anfänge des Drogistenehepaars sowie dessen tragischen Untergang. Es entsteht ein Ort, der sich im Aufbau befindet und das Versprechen einer besseren Zeit in sich trägt.

Die Kostüme von Kerstin Oelker zeigen die Einzelhändler sowie die Ehefrau des Drogisten in zeitlosen Anzügen in verschiedenen Grautönen, die einen trüben Schleier der Austauschbarkeit über die Erscheinung der Figuren legen.

Mario Fadani hat mit dem Ensemble drei Schlager aus der Zeit des Wirtschaftswunders als A-capella-Nummern erarbeitet, die von den Spielern immer wieder bruchstückartig eingeworfen werden, wie eine Mantra auf die Heilsversprechen des Kapitalismus.

Carsten Ramms Inszenierung stellt die Frage, welchen Stellenwert die Existenz des Einzelnen in den vorherrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen überhaupt noch hat. Ist der Mensch nur eine Hilfskraft, die mit dem, was sie tut, vor allem daran arbeitet, sich selbst überflüssig zu machen?

In Zeiten von Globalisierung, Wirtschaftskrise, Online-Riesen und der Misere der Selbstständigen ist „Industrielandschaft mit Einzelhändlern“ heute aktueller denn je.

Mitwirkende: Martin Behlert, Lydia Fuchs, Thilo Langer, Lukas Maria Redemann, Tobias Strobel, Inszenierung: Carsten Ramm, Bühnenbild: Tilo Schwarz, Kostüme: Kerstin Oelker. Musikalische Leitung: Mario Fadani.