FN-Serie zum Kriegsende vor 70 Jahren (Teil 11) - Blick in die Aufzeichnungen des ehemaligen Hettinger Pfarrers Heinrich Magnani "Viel Sorge um Soldaten und Angehörige ruht in jedem Herz"

Von 
Karl Mackert
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Hettingen. In der vom damaligen Pfarrer Heinrich Magnani (1899 bis 1979) angelegten Hettinger Pfarrchronik, die eine einmalige Momentaufnahme und somit ein Spiegelbild jener Zeit ist, lässt sich auf besondere Art und Weise nachvollziehen, was unter der Allmacht des Staatsapparats des braunen Regimes der Nationalsozialisten im Dritten Reich in Hettingen und der Region geschah. Magnani hielt alles im Detail fest.

Freudentag für 46 Kinder

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In loser Reihenfolge berichten die Fränkischen Nachrichten über die Schriften des engagierten Hettinger Seelsorgers und geben - 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 - einen Einblick in die Geschehnisse.

Im Eintrag vom Sonntag, 8. April 1945, dem "Weißen Sonntag", steht geschrieben: "Trotz aller Schwierigkeiten der vergangenen Wochen ging die Vorbereitung unserer Kleinen ganz intensiv und geordnet weiter. Es war für 46 Kinder ein großer Freudentag. Leider war manche Heimwehträne hier und in weiter Ferne geweint worden.

Von vier Kindern war der Vater tot, von zwei die Mutter, 31 Kinder hatten einen Soldatenvater, von drei war dieser vermisst, 17 Kinder waren von den Städten zu uns als Evakuierte gekommen und von drei dieser Kinder konnte weder Vater noch Mutter hier sein.

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In einer Zeit, in der so viele irdische Hoffnungen zusammenbrechen, sollten die Menschen doch wieder zurückkehren zum Frieden und inneren Glück seliger Kinderjahre, zum heiligen Glauben, der allein ein rechter Quell der Freude und des Trostes ist, ein Glück, das uns weder der Teufel noch die Welt rauben kann.

Am vergangenen Donnerstag kam nun auch der Maueranschlag der Besatzungsbehörde, dass nur von 7 bis 19 Uhr noch Ausgang ist. Infolgedessen sind die Straßen am Abend leer, wie auch in der Nacht, eine wohltuende Ruhe, dessen die nervösen Menschen so bedürftig sind, macht sich breit. Dazu kommt, dass das Licht fehlt, also auch die Arbeit ruht und das Radio schweigt, so dass die meisten sehr früh zu Bett gehen und auch später aufstehen, da auch der Gottesdienst erst um 7.15 Uhr beginnen kann.

Ungeheure Mehrbelastung

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Viel Sorge um die Soldaten und sonst auswärtige Angehörige, die ganz von uns abgeschnitten sind, ruht in jedem Herz und auch in dieser Zeit ist es an der Mutter Kirche, die tröstet und hilft und deren Diener alles aufbieten, um Not zu bannen und Erleichterungen bei der Besatzungsbehörde zu erreichen.

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Die örtliche Führung der politischen Gemeinde hängt ganz in der Luft, da diese ja von "Parteignaden" geschaffen, jetzt jede Grundlage verloren haben.

So kommt eine ungeheure Mehrbelastung des Pfarrers, der sich notgedrungen um alles kümmern muss, besonders sucht er die durch taktische Gründe notwendige Inhaftierung von Einwohnern aufzuheben, oder verschwundene Personen aufzufinden. Das wird schließlich ihm allein möglich, da er einen Befreiungsausweis sofort erhielt und sich im Bezirk frei bewegen kann und auch nicht an die Ausgangsstunden gebunden ist. So bekommt er auch notwendige Fühlung mit der Besatzungsbehörde, die schließlich veranlasst, einen neuen Bürgermeister zu stellen.

Der Pfarrer lehnt es ab, den Bürgermeister zu benennen, da das Volk genug davon hat, von der Partei gesetzte Bürgermeister vertragen zu müssen. Er schlägt vor, das Volk darüber zu befragen und erhält den Auftrag, das sofort zu tun und dann den neuen Mann zu melden.

Dieser Auftrag löste einen inneren Kampf im Herzen des Pfarrers aus: Soll der Diener der Kirche die Initiative ergreifen? Das war die innere Streitfrage: Schließlich neigte man notwendig zur Bejahung der Frage, denn:

1. Das Interesse des Ortes verlangte eine schnelle Lösung der Frage. Der seitherige Bürgermeister hatte ja weder das Vertrauen der Gemeinde, noch das der Behörde. Und gerade das letztere wirkte sich bitter aus zum Nachteil der Bevölkerung, die bei der Ernährungslage und durch Ausgangsschwierigkeiten (Pässe) benachteiligt war. Um hier etwas zu erreichen, fehlte neben den persönlich nötigen Voraussetzungen vor allem das Vertrauensverhältnis.

Zum Handeln genötigt

2. Keiner stand nun vor der Bevölkerung als der Pfarrer, der ja ohnedies die stille Leitung hatte übernehmen müssen. Er sah sich schließlich im Hinblick auf die eigene Person zum Handeln genötigt, damit er so schnell als möglich die Last der gemeindepolitischen Belange abschütteln konnte.

Die Arbeit der Priester forderte ja ohnedies eine volle Arbeitskraft und schließlich ist es doch richtig, sich sobald als möglich für diese Arbeit wieder freizumachen. So wurde nun der rechte Weg gesucht und schließlich auch gefunden, ohne dass wir davon einem Menschen Mitteilung gemacht haben." Fortsetzung folgt