Aus Anlass der nachgeholten Feiern in der Seelsorgeeinheit - Rainer Bösel erinnert sich an seine Erstkommunion vor 65 Jahren in Hettingen

Verschickt in die Fremde – die schnell vertraut wurde

Lesedauer: 

Hettingen. An den kommenden Sonntagen, so berichtet der aktuelle Pfarrbrief der Seelsorgeeinheit Buchen, wird in den Pfarrgemeinden die Feier der Erstkommunion nachgeholt, die wegen der Pandemie verschoben wurde. Die Erstkommunion eines jungen Christen ist für die ganze Familie auch heute ein besonderes Ereignis und wird gebührend gefeiert. Dem Leiter der Seelsorgeeinheit Pfarrer Johannes Balbach ging dieser Tage eine Nachricht aus Schleswig-Holstein zu, worin Rainer Bösel, der in Gletschendorf-Scharbeutz lebt, seine Erstkommunion von 1956 beschreibt. Die hat er in Hettingen empfangen.

AdUnit urban-intext1

Der heute 74 jährige erinnert sich noch gut, wie er als Zweitklässler auf eine große Reise geschickt wurde, um in Hettingen bei einer Gastfamilie mehrere Monate zu wohnen und dort zum Weißen Sonntag mit Empfang der Heiligen Kommunion zu gehen. „Schon Monate zuvor kamen der Kaplan und Pfarrhelferin aus Eutin zu uns und unterbreiteten meinen Eltern, dass es möglich sei, Kinder der Diaspora in rein katholische Gegenden zur Vorbereitung auf den großen Tag zu verschicken“, berichtet Rainer Bösel. „Da ich nicht alles verstanden habe, versuchten meine Eltern, mir den Plan schmackhaft zu machen.“ In Bösels Fall sollte es nach Hettingen gehen, etwa 40 Kilometer von Mönchberg im Spessart entfernt, wo sein Onkel Walter mit Frau und vier Kindern Schulleiter, Organist und Hobbykünstler war.

Rainer Bösel mit seiner Hettinger Betreuungsfamilie Hiltrud, Amalie und Engelbert Englert (von links) am Weißen Sonntag im Jahr 1956. © Rainer Bösel

„Gesperrt habe ich mich dagegen nicht, obwohl ich nicht die geringste Ahnung hatte, was mich erwartete“, so Bösel weiter. Es ging um das Vierteljahr vor dem „Weißen Sonntag“ 1956. Er würde in Hettingen seinen neunten Geburtstag feiern. Als die Reise losging, wurden Rainer Bösel und seine Mutter sowie ein weiterer Junge mit Mutter vom Fahrer des Dechanten von Eutin abgeholt und mit seinen wenigen Habseligkeiten zum Bahnhof Neumünster gebracht. „Es war schon relativ dunkel, als wir uns von unsren Müttern verabschiedeten und den Zug bestiegen. Drin waren viele Kinder, die ebenfalls gegen Süden fuhren“, erinnert sich Rainer Bösel. Einige Begleitpersonen seien dabei gewesen.

Ankunft in Seckach

„An die nächtliche Zugfahrt habe ich keine Erinnerung, denn als ich am hellen Morgen aufwachte, waren wir am Bahnhof in Seckach und wurden hinausbegleitet mit dem Hinweis, der Pastor holt euch ab. Wir waren völlig allein in einer fremden Gegend und sahen mit weinenden Augen durchs Bahnhoffenster Kinder an einem schneebedeckten Hang Schlitten fahren“, berichtet Bösel weiter. Ein Bahnbeamter, der die Hilflosigkeit der Kinder sah, half. „Schließlich fuhr ein schwarzer VW Käfer vor und Pfarrer Heinrich Magnani nahm uns in Obhut und brachte uns ins Kinder- und Jugenddorf Klinge Seckach, das er neben seiner Hettinger Pfarrtätigkeit leitete“, weiß Bösel. „Auf seine Veranlassung bekamen wir zu essen. Erst am Abend lieferte er uns bei unseren Betreuungsfamilien ab – ich kam zu einer recht grauhaarigen Kriegerwitwe, die mit ihren zwei schon erwachsenen Kindern, Tochter und Sohn, in einem kleinen, schlichten Haus wohnte und die nun meine Familie für die kommenden drei Monate war.“ Die Familie, das waren Amalie Englert mit Tochter Hiltrud und Sohn Engelbert.

AdUnit urban-intext2

Bösel erzählt: „Ich hatte mein eigenes Bett im Schlafzimmer, wo auch die Pflegemutter schlief. Das Haus war im Winter morgens immer lausig kalt. Es musste erst einmal der Küchenherd angeheizt werden, damit es gemütlicher wurde. Aber heiße Milch tat dann auch gut!“

An Heimweh kann sich der 74-Jährige nicht erinnern. Er habe noch einige Male an die Familie geschrieben, aber bald übernahm die Pflegemutter die Korrespondenz und hatte den Eltern „ausschließlich Beruhigendes“ mitzuteilen.

AdUnit urban-intext3

Rainer Bösel besuchte auch die Grundschule in Hettingen, wo die Schulkinder in langen Holzbänken nebeneinander saßen. „Vorne beim Lehrer stand ein Harmonium, auf dem der auch fleißig die singenden Kinder begleitete“, erinnert sich Bösel. „Nachmittags hatten wir an zwei Tagen in der Pfarrscheuer Kommunion-Unterricht. Und natürlich waren da auch die Kirchgänge.“

AdUnit urban-intext4

Sehr bald habe er aus der Nachbarschaft den gleichaltrigen Pius und seine etwas jüngere Schwester kennengelernt. Man sei zusammen zur Schule und zum Kommunion-Unterricht gegangen und habe sich prima verstanden. „Seine Tante besaß mitten im Ort eine kleine Bauernstelle, bei der die Kühe ihren Stall ebenerdig im Haus hatten. Die Menschen wohnten darüber. Die Ochsen wurden auch zum Ziehen eines Fuhrwerks oder zum Pflügen der kleinen, schmalen Äcker eingesetzt. Oft fuhren Pius und ich mit dem Onkel aufs Feld. Berghoch stiegen wir ab und schoben mit, damit es die Ochsen leichter hatten.“ Überhaupt seien die Leute und der Pfarrer wohl davon aus gegangen, dass der Junge aus bescheidenen Verhältnissen komme, was nicht „gänzlich verkehrt“ war. Allerdings: „Meiner Pflegefamilie ging es auch nicht besser.“

Einmal sei der Pfarrer mit den beiden Jungen nach Mannheim zu einem Bekleidungshaus gefahren, denn „wir sollten einen Anzug für die Kommunionfeier bekommen“. Der Pfarrer habe sehr praxisbezogen erklärte, dass ein dunkler Anzug Unsinn sei, denn „den könnten wir nie wieder tragen. Wir bekämen einen helleren, davon hätten wir länger etwas. Ein Paar deftige Schuhe, warme Strümpfe und ein Oberhemd bekamen wir auch noch dazu.“

Totales Unverständnis zeigte die Pflegemutter und ihre Freundin: Sie hatten einen feierlichen schwarzen Anzug erwartet. Es habe aber Abhilfe gegeben, denn vom Sohn der Freundin existierte noch ein gut erhaltener schwarzer Anzug. „Der musste nur geringfügig für mich geändert werden. Also wurde ich ein richtig schickes Kommunionkind“, erinnert sich Rainer Bösel. Seine Eltern seien leider bei der Erstkommunion nicht dabei gewesen. Die Reise wäre für sie zu teuer gewesen.

Weiter erzählte Bösel von einem überraschenden Ereignis: „Eines Tages tauchte mein Onkel mit seinem NSU-Leichtmotorrad – von ihm liebevoll ’Schnauferle’ genannt – bei mir auf. Er wollte klären, ob es möglich wäre, mich für drei Wochen über Ostern zu seiner Familie in den Spessart zu holen. Das Plazet bekam er ohne Schwierigkeiten, so dass er mich dann bald darauf auf dem Soziussitz abholte.“ Den Transfer gestaltete der Onkel zu einer lehrreichen Fahrt mit Unterbrechungen bei der Wallfahrtskirche Walldürn und bei der Abteikirche Amorbach.

Rechtzeitig nach Ostern wurde der Junge nach Hettingen zurückgebracht, um am Weißen Sonntag feierlich mit vielen Kindern in der großen Barockkirche das Sakrament der Ersten Heiligen Kommunion zu empfangen. An die Rückreise nach Schleswig-Holstein könne er sich überhaupt nicht mehr erinnern, erzählt Bösel, nur an eine kleine Begebenheit: „Bei der Ankunft in Neumünster bin ich meiner Mutter nicht stürmisch in die Arme gelaufen, wie sie es wohl erwartet hatte. Es war offenbar leider eine gewisse Entfremdung eingetreten. Ich habe später oft gedacht, dass man mit einem neunjährigen Kind solche ’Experimente’ nicht machen sollte, obwohl die Zeit in Hettingen und Mönchberg durchaus interessant, abwechslungsreich und bildend war. Ich wollte diese Erfahrungen nie missen.“