FG „Narrhalla“ Buchen - Vortrag von Hans Driesel vom Deutschen Fastnachtsmuseum beim Rutenbinder Streifzug durch 500 Jahre Narrenfreiheit

Von 
Martin Bernhard
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Hans Driesel, künstlerischer Leiter des Deutschen Fastnachtsmuseums, beleuchtete auf interessante und humorvolle Weise 500 Jahre Narretei. © Martin Bernhard

Narren und Gäste trafen sich in der letzten Rauhnacht vor dem Dreikönigstag zum traditionellen Rutenbinden.

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Buchen. Über rund 500 Jahre Fastnacht hat Hans Driesel, künstlerischer Leiter des Deutschen Fastnachtsmuseums in Kitzingen, rund 40 Besucher am Sonntagabend in der Narrhalla-Scheune informiert und vorzüglich unterhalten.

Mit dem Rutenbinden pflegen Mitglieder der FG „Narrhalla“ und Freunde der Buchener Fastnacht eine Tradition, die auf die alten Germanen zurückgeht. FG-Schriftführer Uwe Ristl führte die Anwesenden nach dem Vortrag von Hans Driesel in das Rutenbinden ein. Dabei spiele die Zahl drei eine magische Rolle. So würden drei Rutenzweige miteinander verdreht und mit drei Baststücken zusammengebunden. Mit einer Rute aus Birkenreisig könne man das Böse vertreiben und die Fruchtbarkeit mehren, sagte Ristl. Die Rute ist Bestandteil des Buchener Huddelbätz-Kostüms.

Zu einer guten Tradition gehört ebenfalls, dass dem eigentlichen Rutenbinden ein Vortrag über Herkunft und Tradition der Fastnacht oder über närrische Themen vorausgeht. Hans Driesel setzt sich seit Jahrzehnten für das Deutsche Fastnachtsmuseum ein und befasst sich seitdem intensiv mit der Entstehung und Entwicklung von Fastnacht, Narrheit und Brauchtum.

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„Es tut sauwohl, keinen Verstand zu haben“, lautete der Titel seines Vortrags, mit dem er auf über 500 Jahre Narrenliteratur blickte. „Das sind alte Texte, aber keine alten Kamellen“, stellte er eingangs fest. Und so war es auch: Zitate, die sich mit Meinungsfreiheit oder menschliche Schwächen beschäftigen, lassen sich ohne weiteres in die heutige Zeit übertragen. „Bei Sebastian Brant sind alle Menschen Narren“, stellte Driesel fest und zitierte aus dessen im Jahr 1494 erschienen Buch „Das Narrenschiff“.

Der Nürnberger Hans Sachs, geboren im Jahr 1494 in Nürnberg, war zwar von Beruf Schuhmacher, erlangte aber als Dramatiker große Berühmtheit. Driesel wies darauf hin, dass Hans Sachs „der produktivste Dichter der Renaissance“ gewesen sei. Der Kitzinger zitierte auswendig eine in fränkischer Mundart gereimte Geschichte über Adam und Evas Vertreibung aus dem Paradies sowie Passagen aus Sachs’ Fastnachtsspiel „Das Hofgesin der Venus“. Bildhaft berichtete Driesel vom Fastnachtsspiel „Das Narrenschneiden“, in dem ein Doktor die sieben Todsünden aus dem Bauch eines Fettleibigen holt.

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Bei seinen Forschungen in alten Quellen stieß Hans Driesel auf einen „spätmittelalterlichen Lügendetektor“. Dieser bestand aus einem glühenden Holzscheid. Verursacht dieser Wunden in der Hand des Beschuldigten, deutete dies darauf hin, dass dieser log.

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Mit einer Anekdote über den Narren Marcolfus belegte Driesel, dass der Blecker schon zu Seiten des jüdischen Königs Salomon bestand. Denn nach einer altjüdischen Legende streckte der Narr dem Herrscher sein nacktes Hinterteil entgegen. In einer Rückschau auf Narren der vergangenen Jahrhunderte fehlte natürlich auch Till Eulenspiegel nicht. Dieser war bekannt dafür, bildhafte Ausdrücke wörtlich zu nehmen. Im Orient verblüffte und belustigte Hodscha Nasreddin mit einer ähnlichen Gabe. Driesel unterhielt die Zuhörer mit einigen humor- und geistreichen Episoden der beiden Narren. Und auch den Wiener Hofprediger Abraham a Santa Clara erwähnte Driesel. Dieser hatte in einer Predigt behauptet, dass die Damen der Wiener Gesellschaft es nicht wert wären, vom Teufel geholt zu werden. Als er widerrufen musste, stellte er fest: „Die Damen sind es wert, vom Teufel geholt zu werden.“

Über eine Erzählung des schweizerischen Schriftstellers Gottfried Keller erreichte Driesel das 19. Jahrhundert mit Joachim Ringelnatz: „Das Lachen ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt.“

Auch während des sogenannten „Dritten Reichs“ kritisierten manche Narren auf Prunksitzungen in Mainz die herrschenden Verhältnisse. In der Nachkriegszeit machte man sich unter anderem über die Entnazifizierung lustig. Das „Bonner Nachtgebet“ von Rolf Braun aus dem Jahr 1974, das den bayerischen CSU-Chef Franz-Josef Strauß thematisierte, fand seinen Weg aus der Bütt in den politischen Diskurs. „Wer lacht, ist frei“, stellte Hans Driesel fest und plädierte für die Narrenfreiheit.