Joseph-Martin-Kraus-Musikschule - Wegen Hygienevorschriften fehlen der Joseph-Martin-Kraus-Musikschule geeignete Räume Singen und Musizieren unter strengen Auflagen

Von 
Martin Bernhard
Lesedauer: 

Unter Einhaltung strenger Auflagen tastet sich die Joseph-Martin-Kraus-Musikschule seit Mitte Mai an den Normalbetrieb heran. Alle Kurse können aber noch nicht wieder angeboten werden.

AdUnit urban-intext1

Buchen. Ein Hauch von Zitrone liegt in der Luft. Trotz aufgesetzter Mund-Nase-Maske nimmt man diese zarte Frische wahr, wenn man das Musikschulgebäudes in der Obergasse betritt. Vor dem Unterrichtsraum 10 im Erdgeschoss steht ein Tisch mit Desinfektionsmittel. Im Unterrichtsraum erhält die 20-jährige Leonie Fleischmann zum ersten Mal seit mehr als drei Monaten wieder Cello-Unterricht.

„Wir teilen uns die Musik im Raum“, sagt Philipp Hagemann. Sonst teilen sich Lehrer und Schülerin nichts, zumindest nichts Gegenständliches – kein Instrument, keine gemeinsamen Noten, keinen Bleistift, um sich Notizen in der Partitur zu machen. Der Cellolehrer ist durch eine Plexiglasscheibe von seiner Schülerin getrennt.

Für Leonie ist die Situation zwar ungewohnt, sie kommt damit aber gut zurecht. Sie spielt seit mehr als zehn Jahren Cello und hat auch während der probenfreien Zeit zuhause fleißig geübt.

AdUnit urban-intext2

Der Unterricht mit jüngeren Schülern gestaltet sich dagegen schwieriger. Denn Hagemann kann nicht einfach mal schnell deren Instrumente stimmen. Sie müssen das nun selbst machen. Und wenn ihnen die Kraft fehlt, die Wirbel selbst zu drehen, muss die Mutter oder eine Begleitperson aus der Familie ran.

Hagemann hat in den vergangenen Wochen auch online Unterricht erteilt. Das ergebe aber nur bei Anfängern einen Sinn. „Es klingt alles gleich“, sagt er. „Beim Online-Unterricht kann ich nicht sagen, ob einer schön oder hässlich, laut oder leise spielt.“ Deshalb ergibt diese Unterrichtsform auf fortgeschrittenem Spielniveau keinen Sinn. Bei jüngeren Schülern dagegen konnte der Online-Unterricht zum regelmäßigen Üben motivieren.

Zusätzliche Regiezeit

AdUnit urban-intext3

Nach Leonies Unterrichtsstunde begleitet Hagemann seine Cello-Schülerin zum Ausgang, lüftet den Raum und desinfiziert Stuhl und alles, was die Musikschülerin angefasst hat. Diese zusätzliche Regiezeit findet außerhalb der Unterrichtszeit statt. Der Zeitplan verschiebt sich deshalb um etwa fünf Minuten. Die Musikschule muss die von den Lehrkräften zusätzlich aufgewandte Zeit honorieren.

AdUnit urban-intext4

Musikschulleiter Michael Wüst hatte in den vergangenen Tagen unter Hochdruck gemeinsam mit der Stadtverwaltung ein Hygienekonzept für die Musikschule erstellt, das sich an der entsprechenden Landesverordnung orientiert. Es wurden Trennwände für einen vierstelligen Eurobetrag angeschafft und nach geeigneten Unterrichtsräumen im Stadtgebiet gesucht. Denn wegen des einzuhaltenden Mindestabstands zwischen Lehrern und Schülern sind kleinere Räume, die man bisher genutzt hatte, nicht mehr geeignet. Am 18. Mai begann die Musikschule wieder mit dem Präsenzunterricht im Bereich Zupf-, Schlag-, Tasten- und Streichinstrumente. Seit vergangener Woche dürfen auch Gesangsschüler, seit dieser Woche Bläser unterrichtet werden.

Freude über Präsenzunterricht

„Grundsätzlich freuen wir uns, wieder mit dem Präsenzunterricht beginnen zu können“, sagt Michael Wüst. Musikschüler müssten beim Betreten des Hauses eine Gesichtsmaske tragen und ihre Hände waschen oder desinfizieren. Während des Unterrichts dürfen sie ihre Maske absetzen. Nach dem Unterricht begleitet der Musiklehrer seinen Schüler nach draußen und öffnet diesem alle Türen.

Gesangsunterricht wird in möglichst großen Räumen erteilt. Beträgt der Abstand des Sängers zum Lehrer mindestens acht Meter wie im Kraus-Saal, könne man auf eine Trennscheibe verzichten. Im oberen Raum der Zehntscheune und im Unterrichtsraum 10 in der Musikschule sind dagegen Trennwände aufgestellt. Die meisten Auflagen muss die Musikschule beim Unterricht von Blasmusikern einhalten. Diese müssten einen Abstand von mindestens 2,50 Meter zum Lehrer einhalten und sich beim Spielen um mindestens 90 Grad von diesem abwenden. Für das Spuckwasser, das sich vor allem in Trompeten und Posaunen ansammelt, steht ein mit einer Plastiktüte versehenes Gefäß bereit. Diese wird nach jedem Schüler in einem großen Mülleimer mit Müllsack entsorgt. Die Tonne wird jeden Tag geleert. Holzbläser sollen ihr Instrument zuhause durchpusten.

Auch für den Unterricht von Klavierschülern waren besondere Vorbereitungen nötig. Da Lehrer und Schüler nicht dasselbe Instrument benutzen dürfen, benötigt man zwei Klaviere. Teilweise musste auf elektrische Instrumente zurückgegriffen werden. Nach jedem Schüler desinfiziert der Lehrer die Tastatur. Dabei ist zu beachten, dass Desinfektionsmittel Tasten aus Elfenbein angreifen. Deshalb kann man nur Instrumente mit Kunststofftastatur verwenden. Ähnliche Probleme gilt es auch bei der Harfe zu beachten. Für Nylon-Saiten benötigt man ein spezielles Desinfektionsmittel. Dieses darf man nach den Worten von Michael Wüst allerdings nicht für Darmsaiten verwenden.

In den Räumen der Feuerwache findet normalerweise der Unterricht in Schlagzeug und im Elementarbereich, also von Kindern im Kindergartenalter, statt. Allerdings befindet sich dort zurzeit im Eingangsbereich eine Baustelle. Deswegen fehlen der Musikschule diese Räume. Wegen der Abstandsregelung verkleinerte man im Elementarbereich die Gruppen auf eine Zahl von maximal fünf Kindern. Singen und Tanzen ist hier nicht möglich. Wegen fehlender geeigneter Räume fällt derzeit Unterricht für Gruppen im Elementarbereich, Eltern mit Kindern, Rhythmikon und die Kooperationen mit Schulen und Kindergärten aus. Die Ensembleproben ruhen wegen der Corona-Auflagen ebenfalls.

„Wir wollen uns langsam an den Normalbetrieb herantasten“, sagt Musikschulleiter Michael Wüst. „Es sind alle zufrieden. Ich habe keine negativen Rückmeldungen von Schülern erhalten.“