Chorarbeit während der Pandemie - Der Buchener St. Oswald-Chor musste mit seinem Leiter Horst Berger neue digitale Wege gehen / Viele Livestreams, Videos und Audiobeiträge produziert „Klopapierchallenge“ brachte alles ins Rollen

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Marcel Sowa
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Ein Rückblick auf 2020 des Kinder-, Jugend- und Kirchenchors St. Oswald steht exemplarisch für die Herausforderungen, in denen sich die Chorarbeit in Pandemie-Zeiten befindet.

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Buchen. Das Jahr 2020 war auch für die Sängerinnen und Sänger des Jugendchors St. Oswald in Buchen kein leichtes. Statt sich zu treffen, gemeinsam zu singen, neue Werke einzustudieren und bei Festen und Veranstaltungen aufzutreten fiel mit Beginn des ersten Lockdowns erst einmal alles aus. „Da war schon so etwas wie Schockstarre vorhanden“, erzählt Horst Berger. Der Leiter des Chors tauschte sich kürzlich im Rahmen der Fachkonferenz der Abteilung Jugendpastoral der Freiburger Erzdiözese mit anderen hauptberuflichen Referenten aus. Hauptthema des Forums war „Ehrenamtsmanagement in Pandemiezeiten und darüber hinaus“.

Die Teilnehmer diskutierten darüber, wie Ehrenamtsmanagement trotz der aktuellen Lage gelingen kann, welche neuen Ansätze genutzt werden können und welche Erfahrungen bisher in der Praxis gemacht wurden. Als „Chef“ des Jugendchors lieferte Berger Einblicke in seine Arbeit und wie sich die Pandemie darauf auswirkte. Denn die „Schockstarre“ wich schnell der Motivation, trotzdem weiterzumachen – wenn auch auf anderen Wegen. Laut Berger kamen nach dem ersten Lockdown Anfragen, etwa Orgelkonzerte digital anzubieten.

Eigener Youtube-Kanal

Die Seelsorgeeinheit Buchen stellte daraufhin im Frühjahr einen eigenen Youtube-Kanal auf die Beine. Pfarrer Johannes Balbach lud gemeinsam mit Christiane Berger-Grimm und Regina Wiener ein, sich bei den sogenannten „Meditationen“ zu beteiligen. Entweder schriftlich, als Audio- oder Videodatei konnten Beiträge zum Motto „Gemeinsam sorgen, hoffen, bitten“ gesendet werden. Diese wurden dann in einem Livestream vorgestellt. Berger nutzt die Plattform, um unter anderem Archivaufnahmen des Kinder-, Jugend- und Kirchenchors abzuspielen.

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Ab dem 2. April gab es anfänglich jeden Tag einen Stream, bis zu den Sommerferien beteiligten sich über 100 Einzelpersonen und über 22 Gruppen. Darunter viele Chöre, aber auch die Buchener Streetdancer „Connexxion“, der Frauenbund, die Kolpingfamilie und die Feuerwehr. „Es gab Stimmen in der Gemeinde, die in dieser Phase von ,Gemeindeerneuerung’ sprachen“, so Berger.

Auch für die Osternacht wurde vorweg ein interaktives Musikvideo des „Zwibbelklubs 2.0“ erstellt. Dieses wurde dann im Livestream des Gottesdienstes auf dem Youtube-Kanal der Seelsorgeeinheit eingespielt „Doch das Problem war: Die Chor-Jugendlichen waren für diese neuen interaktiven Formate erstmal nicht zu aktivieren“, erzählt Berger. Von der Pandemie wurde auch das diözesane „Pueri Cantores“-Treffen am 1. Mai-Wochenende in Überlingen nicht verschont: Es musste abgesagt werden.

Ab Pfingsten ging es vorwärts

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Wortwörtlich ins Rollen kam die Arbeit mit dem Jugendchor mit der „Klopapierchallenge“, die in der Region bei den Sportvereinen Fahrt aufnahm und dann auch andere Gruppen und Vereine „ansteckte“. Ab Pfingsten waren Präsenzgottesdienste wieder erlaubt, eine Kleingruppe durfte mit zwei Metern Abstand untereinander und vier Metern Abstand zum Dirigenten singen.

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Für den Gottesdienst an Pfingstsonntag waren alle Chorsänger aufgerufen, sich selbst zu fotografieren oder ein passendes Bild zu den Pfingstliedtexten zu übermitteln. Die Ergebnisse wurden dann zum Livegesang von drei Jugendchorvertreterinnen und -vertretern eingeblendet. Die ersten Chorproben im Garten des „Galdahauses“, dem Seniorenheim für Demenzkranke, waren ein weiterer Meilenstein, die Arbeit wieder aufzunehmen.

Mit Blick auf Weihnachten starteten bereits Anfang Oktober die Vorbereitungen für das diözesane Krippenspiel. Wie ein Damoklesschwert schwebte über allem die Gefahr, dass niemand vorhersagen konnte, was überhaupt im November und Dezember möglich sein wird und was nicht. Das Krippenspiel als Stream der Erzdiözese sollte nicht nur familienfreundlich werden, sondern auch Risikogruppen angeboten werden, welche nicht in die Kirche kommen können. Oder falls es erneut einen Lockdown gibt – was sich ja bekanntlich bewahrheitete.

Anderen Gemeinden wurden das vorproduzierte Krippenspiel und die Weihnachtslieder aus Buchen zur Verfügung gestellt, damit diese in die Gottesdienste „eingebaut“ werden konnten. Wie Berger beim Forum den Teilnehmern erklärte, bedeutete der zweiten Lockdown vor allem eins: mehr Arbeit. „Für das Erstellen und Schneiden von Ton- und Videospuren wurde der Zeitaufwand immens erhöht. Die Töne entstanden in Einzelterminen: Für den Chorklang hat jeder Sänger mindestens acht Mal die gleiche Stelle eingesungen“, berichtet Berger. Die technische Unterstützung lieferte die Buchener Firma MX Music Production mit dem Produzenten Michael Mainx.

„Das war ein echter Coup“

Für das „Oh du fröhliche“-Mitsingprojekt des Erzbistums Freiburg wurden als Mitstreiter das Bonifatiuswerk, „Pueri Cantores“ und der Badische Sängerbund gefunden. „Das war ein echter Coup. Somit wurde das Krippenspiel im Vorfeld quer durch die Generationen und gesellschaftlichen Schichten – auch außerhalb des üblichen kirchlichen ,Dunstkreises’ – verankert“, freut sich Chorleiter Berger.

Seit November 2020 ist das Singen und Proben im Chor verboten. Für religiöse Gemeinschaften gilt, dass maximal acht Musikerinnen und Musiker einen Gottesdienst gestalten dürfen. Bei jungen Erwachsenen aus dem Kirchenchor entstand daraus der Wunsch, sich in dieser Form häufiger einzubringen, weshalb eine Whatsapp-Gruppe mit dem Titel „Singen wann auch immer“ gegründet wurde. „Die Jugendarbeit ist nach wie vor wichtig, muss aber auch realisierbar sein“, hält Berger in seinem Rückblick auf 2020 fest. Eins wurde jedenfalls in den vergangenen Monaten deutlich: Vom Kinder-, Jugend- und Kirchenchor St. Oswald wird zu hören sein – egal ob real oder digital.

Redaktion Im Einsatz für die Lokalausgabe Buchen