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Leserbrief - Zu „Manche kennen ihre Kommilitonen kaum“ (FN 28. Juni) Internet ist kein Gift: „Wir sagen ade zur Flexibilität und zur Bildungsgerechtigkeit“

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Der Artikel hat mit Bravour meinen Morgen in Wut ertränkt. Nicht etwa, weil darin Falsches gesagt wird oder die Anliegen unwichtig seien, sondern weil eine dröge Diskussion auf dem Stand von vor einem Jahr abgebildet wird, die den Kern der Sache vollkommen übersieht. Die beschriebenen Nachteile meiner Kommilitonen im Geiste sind nicht dem Online-Studium zuzurechnen, sondern den Grundgesetz-reglementierenden Maßnahmen der Bundesregierung.

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Wenn das soziale Wuseln auf dem Campus und im städtischen Teil darüber hinaus auf Eis gelegt wird, dann ist das doch keine direkte Folge des Online-Studiums! Nach dieser Logik würde rückblickend sämtlichen Gesellschaftsbereichen ein Geschmäckle anhaften, da alle Aktivitäten vom pandemischen Zeitgeist überschattet wurden. Nein, das Online-Studium – vorausgesetzt, es wird als frei wählbare Alternative realisiert – hat entgegen der Bemerkung auf der FN-Titelseite nicht (!) „wenige Vorteile“, sondern es verhält sich genau umgekehrt.

Schauen Sie auf Ihren Kalender, es ist 2021 und das Aufzeichnen von Vorlesungen sowie die Möglichkei,t Seminare online zu begleiten, sind an Deutschen Unis immer noch nicht geltender Standard. Ich betone es nochmals – wir sprechen hier von deutschen Universitäten. Wussten Sie, dass das Internet ursprünglich aus dem wissenschaftlichen, wie universitären Kontext hervorging, damit Publikationen und Wissen miteinander ausgetauscht werden konnten? Und 30 Jahre später sind wir fortwährend dabei, mit dieser Technologie lieber Selbstdarstellung zu praktizieren, als Bildungsgerechtigkeit zu schaffen.

„Krise als Chance begreifen“ wurde während dem Pandemiezug wie eine Monstranz vorangetragen; allerdings war man nie in der Lage über solch bedeutungsschwangeres Gefasel konkret hinauszuweisen. Als ich mich zuletzt persönlich an der Universität Stuttgart danach erkundigte, wie denn der Plan „Post-Corona“ gestrickt sei, traf mich einmal mehr der Blitz der Ungläubigkeit: Das Online-Angebot soll wieder abgeschafft werden. Alles wieder in den Urzustand versetzen. Die Götter müssen verrückt sein, denkt man sich da nur. Diskutieren wir jetzt schon wieder, ob das Internet, Fluch oder Segen bedeutet?

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Von mir aus können Sie das Internet für Gift halten, aber ich bin eher Digital-Native und wohne nicht an der Uni, ich würde lieber den Segen mitnehmen, wenn ich dürfte. Aber nein, wir sagen ade zur Flexibilität und Bildungsgerechtigkeit – hallo zwölf Quadratmeter-Wohnung und Pendlerreisen.

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Studium während Corona: Manche kennen ihre Kommilitonen kaum

Veröffentlicht
Von
Diana Seufert und Maren Greß und Nicola Beier
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Wo bitte ist denn diese sogenannte neue Normalität? Wo sind denn die Milliarden für einen Digitalpakt-Uni? Müssen wir jetzt wie bei der Schule erst eine Lernstandserhebung machen?

Eine Evaluation, wie hoch der Schaden durch die Corona-Pandemie geschätzt wird? Und danach gibt es Corona-Hilfskurse für ausgebrannte Studenten? Ist das der Plan? Die Scherben hinterher zusammenkehren?

Zu meinem Leidwesen kann ich berichten, dass wir seit Jahren Evaluationen zu Lehrveranstaltungen – und seit Corona auch zur digitalen Lehre – ausfüllen können. Solche Fragebögen sind geschickte postdemokratische Ablenkungsmanöver, weil man den Eindruck vermittelt, an Fortschritt und Verbesserung interessiert zu sein. In Wirklichkeit sind sie überflüssig, weil doch klar ist, was getan werden muss: Die Bildung digitalisieren. Digitalisierung wurde nun über zehn Jahre an allen Ecken gepredigt, da es ja offenkundig einen Mangel davon gibt. Nur, Digitalisierung des Bildungswesens meint eben nicht, dass administrative Prozesse und Bürokratie digital vonstattengehen – dass ich etwa meine Studienbescheinigung zuhause am Rechner ausdrucken kann – sondern, dass dadurch der Zugang zur Bildung per se gerechter wird. Und da diskutieren wir noch ernsthaft darüber, ob Homestudying Nachteile hat.

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Ich überlasse es Ihnen, ob meine Ausführungen nun elitäres Gejammer auf eine zwanghafte Bildungspolitik sind, oder ein Menetekel abermals verschlafener Chancen – Sie können sich zwei aussuchen.

Aber eins sei noch angemerkt: In manchen Kreisen wird die Universität gerne als „alma mater“ bezeichnet, was mit „gütiger Mutter“ übersetzt werden darf. Folgt man diesem Sinnbild, so lässt sich mit Sicherheit sagen, dass wir im Moment unsere Mutter, wie im Übrigen auch ihre Kinder alles andere als gutartig behandeln.

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