"Tag der jüdischen Kultur" - Bücherei des Judentums in Buchen beteiligte sich mit Lesungen und Führungen "Geschichte von Wanderungen geprägt"

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Adrian Brosch
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Hermann Schmerbeck und Gisela Brech gestalteten die zwei Lesungen zum "Tag der jüdischen Kultur".

© Adrian Brosch

In 33 europäischen Ländern wurde am Sonntag der "Tag der jüdischen Kultur" begangen. An der heuer an die Diaspora erinnernden Veranstaltung beteiligte sich auch die Bücherei des Judentums.

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Buchen. Zwei Lesungen sowie Führungen durch ihr Archiv standen am Sonntag auf dem Programm der Bücherei. Aber was bedeutet das aus dem Griechischen stammende Wort "Diaspora" eigentlich? Kuratoriumsvorsitzender Hermann Schmerbeck übersetzte es nach kurzer Begrüßung mit "Zerstreuung" und führte an, dass es synonym auch als "Exil" oder im hebräischen Wortlaut als "Galut" bezeichnet werde. Unter die Diaspora falle jedes jüdische Leben außerhalb Palästinas, das mit den Deportationen nach Mesopotamien bereits vor unserer Zeitrechnung einsetzte und sich im Jahr 70 nach der Tempelzerstörung auch nach Europa und Asien ausbreitete.

"Stets war die jüdische Geschichte von Wanderungen geprägt", stellte Schmerbeck fest und wies etwa auf die Flucht osteuropäischer Juden hin, die noch bis in die Zeit der Weimarer Republik in westliche Länder zogen. Damit stimmte er die Besucher auf die erste Lesung ein: Aus dem von Claudia Somino verfassten Buch "Exil, Diaspora, gelobtes Land - Deutsche Juden blicken nach Osten" hatte er das Kapitel über den Philosophen Martin Buber (1878 bis 1965) ausgewählt, der die Bildungsideale west- und osteuropäischer Juden miteinander verband. Bubers Definition des "kulturellen Zionismus" habe seinerzeit die "Neubestimmung der jüdischen Identität" unterstrichen und sich gleichsam als der Gegenwart gereichte Hand verstanden.

Neues Lebensgefühl

In einem Essay sprach der Österreicher bereits 1900 von einer "Renaissance des Judentums" und einer Wiedergeburt des Menschen ohne Diaspora, Galut und Ghettoisierung, auf die sich "das Innere einstellen muss". Dabei ging Buber davon aus, dass das "innere Vaterland" als Basis für ein neues Lebensgefühl diene und der "Jude der Zukunft" sowohl Jude als auch Mensch sei. "Der in Aussicht gestellte Traum vom neuen Menschen harmonierte mit dem damaligen Bestreben um Avantgarde", betonte Hermann Schmerbeck und sprach von einer "jüdischen Romantik" - auch junge Juden strebten seinerzeit voller Sehnsucht und Tatendrang nach Lebensfreude und neuem Denken: "Sie wünschten sich die Sehnsüchte der Sehnsucht und den Traum eines Traums", fasste er Martin Bubers Gedanken zusammen.

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So sollte sich das von Buber ins Visier genommene Bild auf die Kraft der Kreativität und eine positive Weltanschauung stützen. Die Diaspora definierte er dabei als "anormales Leben, das anormalen Rahmenbedingungen entsprang". Jene Gedankengänge fasste er 1906 in den "Geschichten des Rabbi Nachman" und zwei Jahre später in der "Legende des Baal-Schem" zusammen.

Steilvorlage geliefert

Damit lieferte er den deutsch-jüdischen Intellektuellen des frühen 20. Jahrhunderts eine Steilvorlage zur Vermittlung jener neuen Weltanschauung und verwandelte das schlechte Image, das deutsche Juden bislang von Ostjuden gehabt hatten, in ein positives Bild. "Was zuvor als rückständig erschien, war nun die wahre Avantgarde der Moderne geworden", fasste Hermann Schmerbeck zusammen und leitete zur Diskussionsrunde über.

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Eine zweite Lesung gestaltete Gisela Brech, die auf dem 2001 erschienen Buch "Heimkehr ins Exil - jüdische Existenz in der Begegnung mit dem Christentum" von Friedrich G. Friedmann (1912-2008) las.

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Im Anschluss wurden Einblicke in den reichhaltigen Fundus der komplett ehrenamtlich betriebenen Bücherei möglich, der etwa 10 000 Bücher und Tonträger jüdischer Kulturschaffender zählt. Gisela Brech und Hermann Schmerbeck gingen bereitwillig auf Fragen der Besucher ein.