Leserbrief - Zu „Über eigenen Schatten springen“ (FN, 8. Februar) Einsicht sollte sich durchsetzen

Von 
Reinhard Lausch
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Mein Leserbrief vom vergangenen Montag veranlasste einige Leser, mit mir telefonisch in Kontakt zu treten und von ihrer abenteuerlichen Reise zum Zentralen Impfzentrum zu erzählen. Es waren Senioren, 80 Jahre und älter, mit Impftermin in Rot am See, Entfernung von Hardheim etwa 90 Kilometer. Sie waren froh, nach unzähligen Versuchen überhaupt einen Termin bekommen zu haben.

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Sie wären auch nach Köln oder München gefahren. Bei der Terminvergabe war das Wetter angenehm, fast frühlingshaft. Aber am Tag des Impftermins sah es ganz anders aus: Eiseskälte, teilweise glatte Straßen, Schneegestöber, zähflüssiger Verkehr. „Nach der halben Strecke schwitzte ich Blut und Wasser, meine Frau sagte noch, jetzt sterben wir nicht an Corona, aber vielleicht auf der Straße“, meinte ein Anrufer. „Und dann hast du die Angst im Nacken, was passiert, wenn wir uns verspäten, werden wir dann abgewiesen?“, fragte ein 84-Jähriger, der COPD und dessen gehbehinderte Frau Asthma hat. Andere Anrufer hatten Herz-Kreislauf-Probleme.

Alle hatten Glück, kamen geimpft und heil nach Hause. Einige Senioren im Zentralen Impfzentrum hätten kleine Kinder dabei gehabt, die sagten entschuldigend: „Wir können die Kleine doch nicht ohne Aufsicht zuhause lassen. Ausgerechnet heute hat Mama nicht frei bekommen.“ Und etliche Male wurde mir die Frage gestellt: „Warum dürfen eigentlich bei uns die Hausärzte nicht impfen?“ Diese Frage leite ich hiermit gerne weiter an unser Landratsamt mit der Bitte um eine zeitnahe Antwort.

Im Dezember teilte Biontech-Pfizer mit, dass der Impfstoff nach neuesten Erkenntnissen bis zu 30 Tagen in der Trockeneisbox gelagert werden könne. Daraufhin kämpften Hausärzte und eine Landrätin in Mecklenburg-Vorpommern um eine Genehmigung durch die Landesregierung. Diese wurde erteilt und seit Mitte Januar wird in deren Praxis geimpft. Mittlerweile sind es bereits zehn Hausarztpraxen, und immer mehr machen mit. Auch Bayern zieht an diesem Strang: Hausärzte in Erding und im Berchtesgadener Land impfen in der Praxis.

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Immer mehr Ärzte warnen die Politiker: „Viele Senioren sind zuhause bettlägerig, da muss der Hausarzt hin mit der Spritze. Und mit der jetzigen Methode werden wir eine große Anzahl dieser Menschen nicht erreichen. Denn vielen Senioren sind entweder die Wege (vor allem bei winterlichen Straßenverhältnissen) zu den Impfzentren zu weit und beschwerlich, oder sie sind gesundheitlich oder fahrtechnisch nicht mehr in der Lage.“

Diese Einsicht sollte sich auch im ,Ländle’ durchsetzen, sonst impfen wir noch bis zum nächsten Winter. Von den etwa 5,5 Millionen über 80-Jährigen ist noch nicht mal die Hälfte geimpft.

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Und die nächste Gruppe ab 70 ist etwa doppelt so groß.