Kommunikationsplattform - Flüchtlinge aus einer Interimsunterkunft in Buchen haben einen Weblog ins Leben gerufen / Start in der vergangenen Woche "Ein Fenster, um in die Welt zu sehen"

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Katja Hesslinger
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Fouad Deeb, Franziska Hahn, Emad Badal, Daniela Allin, Ali Alissa und Feras Ghannam (von links) betreiben zusammen den Weblog "mirrorbuchen". Es ist ein Blog über und für Flüchtlinge sowie eine interessens- und kulturvermittelnde Plattform für Interessierte aus Buchen und der ganzen Welt.

© Hesslinger

Buchen. Vier Flüchtlinge aus der Interimsunterkunft "Am Ring" in Buchen haben mit Unterstützung der Medienpädagogischen Beratung des Kreismedienzentrums einen Web-log ins Leben gerufen.

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Buchen. Radiojournalist Fouad Deeb, Fotograf Emad Badal, Grafikdesigner Feras Ghannam und der Ingenieur für Nachrichtentechnik, Ali Alissa, wohnen seit längerer Zeit in der Interimsunterkunft "Am Ring" in Buchen. Seit letzter Woche ist ihr Weblog unter www.mirrorbuchen.wordpress.com online.

In einem Pressegespräch im Kreismedienzentrum berichteten die Macher über die Entstehung dieses Projektes und nannten ihre Beweggründe dafür.

Der Blog ist für die Bewohner "Am Ring 30", aber auch für alle Buchener sowie Interessierte auf der ganzen Welt gedacht. Er dient als Kommunikationsplattform und soll die Menschen zum Reden, Schreiben und Teilen einladen.

Neugierde befriedigen

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Fouad Deeb beschrieb die Website als ein Fenster für die Flüchtlinge, um dadurch in die Welt zu sehen, aber auch als ein Fenster für die Welt, um die Flüchtlinge zu sehen. So sei auch die Idee zu dem Blog entstanden, erzählte Daniela Allin, die mit Franziska Hahn von der Medienpädagogischen Beratung die Flüchtlinge bei der Arbeit unterstützt.

Als die Zelte "Am Ring" aufgebaut wurden, hätte sie die vorbeifahrenden Autos stark abbremsen sehen und die neugierigen Blicke der Autoinsassen bemerkt. "Aber niemand hat sich getraut, näherzukommen." So könne man den Blog auch als eine distanzierte Befriedigung der neugierigen Blicke erachten. "Die Menschen wissen wenig über uns", bekräftigte Deeb, und das sei wichtig zu ändern.

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Ein weiterer zentraler Aspekt ist der Kommunikations- und Informationsaustausch innerhalb der Flüchtlinge. Entsprechend gibt es die Rubriken "Allgemein", "Gut zu wissen", "Kultur", "Menschen im Camp", "Politik" und "Sprachunterricht".

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Ferner eröffne sich durch den Weblog eine Ausdruckmöglichkeit für Flüchtlinge, die kein Deutsch und kein Englisch sprechen können. So finden sich auf der Seite neben den Wortbeiträgen Zeichnungen und Karikaturen. "Zeichnen ist eine Möglichkeit, seine Ideen auszudrücken, ohne zu sprechen", erklärte Feras Ghannam.

Mehrsprachiges Arbeiten

In der Blogredaktion geht es interkulturell zu. Kommuniziert wird auf Deutsch, Englisch, Arabisch und Russisch. "Es ist eine interessante Arbeit, vor allem was den Bereich der Übersetzungen betrifft", sagte Allin. Denn so werden die Blogbeiträge nach dem Flüsterpostprinzip aus dem Arabischen ins Englische und dann ins Deutsche übersetzt. Bei Bedarf erfolgt dann die Übersetzung nochmals rückläufig, um die Korrektheit zu überprüfen, wie etwa im Falle eines Gedichts von Bertolt Brecht. Dies haben die Blogmitarbeiter nun ins Arabische übersetzt, was ganz ihrem Anspruch der Kultur- und Völkerverständigung entspricht.

Nach all den Erfahrungen in ihren Herkunftsländern und auf der Flucht, ist es ihnen ein zentrales Anliegen, alle Beiträge und Kommentare, die abgegeben werden, zuzulassen. "Das ist Demokratie", so Deeb.

Ziel der Blogbetreiber ist es, möglichst viele Menschen aus allen Kulturen zur Interaktion einzuladen und einen Beitrag im Blog zu hinterlassen.

Um die Aktivitäten auf der Webseite zu steigern, den Kontakt zu Deutschen zu verstärken sowie darüber hinaus die Buchener zu einer regen Beteiligung anzuregen, haben sich die Beteiligten für eine Kooperation mit einer Abiturientenklasse mit dem Schwerpunkt Informationstechnik an der Zentralgewerbeschule in Buchen entschieden. Diese wird von Daniela Allin unterrichtet.

Enorm wichtig für alle Flüchtlinge sei es, etwas Nützliches zu machen und nicht nur zu essen, zu schlafen und zu warten. Denn dies sei ein unerträglicher Zustand. "Die Flüchtlinge wollen etwas tun, wollen arbeiten", so Deeb, und vor allem beschäftigen sie sich mit der Frage, wo sie in Deutschland hinkommen werden.

Kommunikation wichtig

Entsprechend sei es zu verstehen, dass es bei 200 Menschen in einem Zelt mit 200 verschiedenen Lebenseinstellungen und 200 unterschiedlichen Persönlichkeiten zu Problemen komme. Zu Beginn sei die Polizei deswegen noch jeden Tag in die Unterkunft gekommen, "doch seit einem Monat musste sie kein einziges Mal mehr vorbeischauen", berichtete Deeb.

Austausch und Diskussionen sowie vor allem ein ins Leben gerufener "Camp-Rat", der zwischen den Bewohnern vermittelt sowie ein Gesicht und eine Stimme nach außen darstellt, seien dafür zentrale Aspekte gewesen. Gerade den Austausch sehen Fouad, Ema, Feras und Ali als essenzielle Möglichkeit des Zusammenlebens an, und das wollen sie mit dem Blog erreichen.