Vortag im Bezirksmuseum - Dr. Dietmar Schulze sprach über die Buchener Kreispflegeanstalt in der Zeit der Euthanasie Ein dunkles Kapitel aufgeschlagen

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Adrian Brosch
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Während des Naziregimes war die Buchener Kreispflegeanstalt in Krautheim Teil eines traurigen Kapitels deutscher Geschichte. Dr. Dietmar Schulze blickte in einem Vortrag im Bezirksmuseum zurück auf die Zeit der Euthanasie.

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Ein dunkles Kapitel in der Geschichte der Kreispflegeanstalt Krautheim wurde von Dr. Dietmar Schulze in einem Vortrag zum Thema Euthanasie im Dritten Reich aufgeschlagen.

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Buchen/Krautheim. Ein informativer und zugleich nachdenklich stimmender Abend fand am Freitag im Bezirksmuseum statt: Historiker Dr. Dietmar Schulze (Leipzig) stellte die Ergebnisse seiner umfangreichen Forschungsarbeiten über die Kreispflegeanstalt Krautheim vor, die zwischen 1939 und 1945 im Zuge der Euthanasie eine tragische Rolle spielte.

Der Abend wurde durch Landrat Dr. Achim Brötel eröffnet, der in seinem Grußwort zunächst aus Predigten von Bischof Clemens August Graf von Galen zitierte, die mit zur Beendigung der "Aktion T4" im Jahr 1941 führte.

"Dennoch ging der Massenmord an psychisch oder chronisch Erkrankten, als 'lebensunwert' eingestuften Personen mit Medikamenten oder systematischer Unterernährung in Heil- und Pflegeanstalten weiter", betonte er und sprach von einem der grauenvollsten und kaltblütigsten Verbrechen des NS-Regimes, das bis heute "unverständlich ist und bleibt", um nach wie vor ein beklemmendes Bild zu zeichnen.

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So läge es an der Gesellschaft, kommende Generationen auf die Ereignisse hinzuweisen, um eine Wiederholung auszuschließen. "Auch im Neckar-Odenwald-Kreis gibt es diese Pflicht, zumal die Krautheimer Kreispflegeanstalt unter der Trägerschaft des Kreises Buchen stand, dessen Nachfolger der heutige Landkreis ist", betonte Brötel und würdigte das große Interesse des Publikums als "starkes Signal, das Mut macht". Sein Dank galt ebenso Dr. Dietmar Schulze für die gute Zusammenarbeit und der Amorbacher Joachim-und-Susanne-Schulz-Stiftung, deren finanzielles Zutun die Forschungsarbeit erst ermöglichte. Nachdem sich um das Thema bis nach der Jahrtausendwende der Mantel des Schweigens hüllte, bekam es nach und nach ein Forum - in diesem Kontext sprach Brötel von einer "Initiative gegen das Vergessen". Dem reihte sich Dr. Wolfgang Hauck für den Verein "Bezirksmuseum Buchen" an.

"Ihr Projekt ergänzt das Bestreben unserer Museumsarbeit, auch die Schattenseiten der Geschichte nicht zu vergessen", wandte er sich an Dr. Dietmar Schulze und mahnte dazu, die Lehren aus Vergangenem zu ziehen, um demokratische und menschliche Ideale nicht aus den Augen zu verlieren.

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Dr. Dietmar Schulze begann seine Expertise bei der Geschichte der Kreispflegeanstalt, die zunächst für die Versorgung sogenannter "Landarmer" (Wohnsitzloser und Bedürftiger) gedacht war. 1906 wurde das Heim in eine Kreispflegeanstalt umgewandelt, was die Einweisung psychisch Erkrankter oder chronisch Kranker legitimierte: "Es war deutlich günstiger für Kommunen, ihre Kranken dort unterzubringen als in der Psychiatrie", führte Schulze aus. Am Beispiel der 1895 in Sindolsheim geborenen Johanna Paulina Gramlich, deren Vita er rekonstruierte, erklärte er eine typische Lebensgeschichte dieses Hauses: Nach der Geburt eines Kindes 1916 wurde sie "psychisch auffällig" und zwölf Jahre später über Wiesloch nach Krautheim gebracht. 1933 ergriffen die Nazis die Macht und wandelten den Stellenwert Kranker: Direkt und indirekt werteten gesellschaftliche Propagandamaßnahmen das "minderwertige Leben" ab und diffamierte es mitunter als kriminell oder parasitär.

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"Es wurde in diesem Zuge eine Zwangssterilisation eingeführt, für die Johanna Paulina Gramlich aber bereits zu alt war", schilderte Schulze und wies das Publikum in die ab Adolf Hitlers Euthanasie-Ermächtigung vom 1. September 1939 erlassenen Meldebögen ein. "Sie dienten der Erfassung von Betroffenen und ihrer Symptome sowie konkreten Lebensprognosen", erklärte der Historiker. In Berlin wurden die Bögen bewertet und zu Transportlisten zusammengestellt, die "vermutlich im Mai 1940" wieder nach Krautheim gelangten. Der erste Zug nach Grafeneck fuhr am 17. Oktober 1940 ab. "Fast alle Insassen wurden am selben Tag noch getötet", hielt er fest.

Nach dem Dank von Bürgermeister Roland Burger, der auch die Arbeiten von Ingrid Landwehr umfasste, schlossen sich eine Fragerunde und ein kleiner Imbiss an. ad