„Wo sind die versprochenen Schutzmasken?“ - Mazlum Oktay kritisiert gegenüber Bürgermeister Burger und Bundestagsabgeordnetem Gerig die Bundesregierung „Die Pflege steht zurzeit im Fokus“

Von 
Martin Bernhard
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Rund 30 Pflegerinnen des Pflegedienstes „Hand in Hand“ machten am Freitagmorgen bei einem Gespräch mit Bürgermeister Roland Burger und dem Bundestagsabgeordneten Alois Gerig auf ihre Situation aufmerksam. Geschäftsführer Mazlum Oktay kritisierte die Bundesregierung dafür, dass es ihr nicht gelingt, ausreichend Schutzkleidung zu besorgen. © Martin Bernhard

Deutliche Worte gab es bei einem Besuch von Alois Gerig beim Pflegedienst „Hand in Hand“ in Buchen.

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Buchen. Die mangelnde Versorgung von Pflegediensten mit Schutzausrüstung hat Mazlum Oktay, Geschäftsführer des Pflegedienstes „Hand in Hand“ in Buchen, kritisiert. Bei einem Gespräch mit Bürgermeister Roland Burger und Bundestagsabgeordneten Alois Gerig tat er am Freitagvormittag seinem Unmut darüber Luft.

Die Situation am Freitagmorgen hätte skurril angemutet, wenn die Lage wegen der Corona-Gefahr nicht so ernst wäre: Rund 30 Pflegekräfte mit Gesichtsmasken verteilten sich in vorgeschriebenem Abstand auf dem Parkplatz des Pflegedienstes „Hand in Hand“ in der Walldürner Straße. Ihnen gegenüber stellten sich Bürgermeister Roland Burger und Bundestagsabgeordneter Alois Gerig auf. „Die Pflege steht zurzeit im Fokus“, stellte „Hand-in-Hand“-Geschäftsführer Mazlum Oktay fest. „Doch wir wollen auch nach der Krise noch diese Aufmerksamkeit haben.“ Deshalb habe er die beiden Politiker zu einem Gespräch eingeladen. Wegen der derzeit geltenden Hygienevorschriften fand dieses im Freien statt. „Wir kommen aktuell kaum an Schutzausrüstung heran“, stellte Oktay in seiner kurzen Begrüßungsansprache fest.

„Ich bekomme täglich viele Hilferufe“, sagte Alois Gerig. Auch sein Leben habe sich „total verändert.“ Er müsse kaum Vor-Ort-Termine wahrnehmen. Stattdessen arbeite er im Homeoffice. So habe er am Vortag insgesamt sieben Stunden lang an Video- und Telefonkonferenzen teilgenommen. „Wir hätten uns die aktuelle Situation vor wenigen Wochen so nie vorstellen können“, sagte er. „Die Freiheit, die uns unseren Wohlstand gebracht hat, wird uns nun zum Verhängnis.“ Gerig dankte den Pflegekräften für ihren „aufopferungsvollen“ Einsatz und lobte das deutsche Gesundheitswesen: „Ich bin glücklich darüber, dass wir im Gesundheitssystem besser aufgestellt sind als viele andere Länder.“ Er lobte die Soforthilfen der Bundesregierung für wirtschaftlich notleidende Unternehmen und forderte die Bevölkerung dazu auf, sich weiterhin an die Hygieneauflagen zu halten. Als Geschenk brachte der Abgeordnete für die Pflegekräfte Gesichtsmasken mit, die er bei der Walldürner Firma Baran gekauft hatte.

„Wichtige Arbeit“

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Auch Bürgermeister Roland Burger bedankte sich bei den Pflegekräften für ihre „wichtige Arbeit“. Er wies darauf hin, dass es über direkte Kontakte hiesiger Unternehmer gelungen sei, innerhalb von wenigen Tagen 45.000 Gesichtsmasken aus China zu besorgen. Diese habe der Neckar-Odenwald-Kreis mit zwei weiteren Landkreisen gekauft. Burger kritisierte „Krisengewinnler“, die erhöhte Preise für Desinfektionsmittel und Schutzkleidung verlangten. Der Bürgermeister hofft, dass ab dem 20. April der „geordnete Wiedereinstieg ins öffentliche Leben“ beginne. „Das wirtschaftliche Thema ist gigantisch“, sagte Burger. „Aber jetzt steht die Gesundheit im Vordergrund.“ Er wies auf das chronisch unterfinanzierte Gesundheitswesen in Deutschland hin. „Inzwischen ist man froh, dass man so viele Krankenhäuser hat“, sagte er.

Mazlum Oktay lobte die Bundesregierung für ihre Maßnahmen, Arbeitsplätze zu retten. „Doch wo sind die zwei Millionen versprochene Schutzmasken? Wo sind die 200 000 neuen Pflegekräfte, die Gesundheitsminister Jens Spahn vergangenes Jahr zugesagt hat?“, fragte er.

Nur 24 Gesichtsmasken

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Er habe von staatlicher Seite nur 24 Gesichtsmasken für seine 105 Mitarbeiter erhalten. Dagegen sei es auf Privatinitiative in Verbindung mit drei Landkreisen gelungen, innerhalb von zehn Tagen 45 000 Masken aus China zu besorgen. „Auf die Lieferung der Bundesregierung warten wir dagegen immer noch“, stellte Oktay fest. „Deutschland ist der Verlierer des Beschaffungskriegs“, sagte er. Masken, die für Europa bestimmt seien, würden US-Amerikaner in ihr Land umleiten, weil sie den Chinesen mehr Geld böten.

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„Ich verstehe den Frust und die Kritik“, antwortete Alois Gerig. „Ich habe sehr viele Frustmails nach oben weitergeleitet.“ Auch er wünscht sich, dass staatliche Stellen schneller und unbürokratischer handeln sollten. „Derzeit blockiert der Zoll in China und Frankfurt unsere Waren.“ Er versicherte, dass man in den Ministerien derzeit Tag und Nacht arbeite, um die Probleme zu beseitigen. Eine Pflegefachkraft, die seit 40 Jahren in ihrem Beruf tätig ist, kritisierte, dass es seit 15 Jahren in der Pflege nur noch ums Geld gehe. „Der Mensch ist in den Hintergrund gerückt“, stellte sie fest. So seien in manchen Fällen für das Abgeben von Medikamenten nur drei Minuten vorgesehen. „Manchmal würden wir weniger Medikamente brauchen, wenn wir mehr mit den Menschen sprechen dürften“, sagte sie.