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In der ehemaligen Synagoge - Gedenken an die Pogromnacht 1938 / Namen der Mitbürger jüdischen Glaubens verlesen / Euthanasie thematisiert

An die Opfer der NS-Diktatur erinnert

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ad
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In der ehemaligen Synagoge Buchens fand eine Gedenkfeier zur Pogromnacht statt. © Adrian Brosch

Buchen. „Der 9. November verbindet große Freude mit großer Trauer – große Freude über die deutsch-deutsche Einheit von 1989 trifft auf große Trauer über die Reichspogromnacht 1938“: Das konstatierte Bürgermeister Roland Burger bei der am Dienstag in der ehemaligen Synagoge am Jakob-Mayer-Platz (Gedenkstätte für alle Opfer des Nationalsozialismus) begangenen Gedenkveranstaltung am 83. Jahrestag der Reichspogromnacht.

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„Was damals geschehen ist, darf sich niemals wiederholen“, betonte er und sprach von „furchtbaren Schatten auf unvorstellbare Ereignisse“, die 1938 voraus geworfen wurden. Hier erinnerte er an die systematische Zerstörung jüdischen Lebens, das seinerzeit auch in und um Buchen fast vollständig eliminiert wurde – als prominentestes Beispiel benannte er den Heimatdichter Jakob Mayer, der am 11. Juni 1939 den Freitod gewählt hatte.

So verlas er mit Albert und Jakob Bär, Albert, Helena und Hedwig Oppenheimer (Buchen), Edwin, Philipp Ferdinand und Stefanie Haas, Max und Rosa Neumann (Bödigheim), Abraham und Ida Haugewitz sowie Abraham und Janette Steinhardt (Eberstadt), Frieda Hirschberger, Karolina, Klara und Sofie Hofmann sowie Abraham und Emma Neuberger (Hainstadt) die Namen aller 22 deportierten Mitbürger jüdischen Glaubens aus Buchen und den Stadtteilen, ehe er an die bereits vor 1940 weggezogenen und von späteren Wohnorten aus deportierten Juden – Julius Maier, Friederike Oppenheimer, Adolf, Sara und Selma Strauß sowie Marie Wolf – erinnerte.

Feingefühl und Respekt

Mit viel Feingefühl und Respekt rief er zudem die lange im Schatten anderer Verbrechen stehenden Ereignisse der Euthanasie – der gezielten Vernichtung rund 200 000 psychisch erkrankter oder körperlich behinderter Menschen, die als „lebensunwertes Leben“ gebrandmarkt und ermordet wurden – in Erinnerung: Dank der später von Rainer Handwerk mit Bildern aus dem Karl-Weiß-Archiv des Bezirksmuseums ergänzten Forschungsarbeiten Ingrid Landwehrs und weiterer Privatpersonen sowie Stadtarchivar Tobias-Jan Kohler konnten die Namen von 18 Personen aus Buchen und den Stadtteilen ermittelt werden: „Sie wurden ab der ehemaligen Kreispflegeanstalt Krautheim etwa nach Grafeneck oder Hadamar überführt, wo sie in den Tötungsanstalten ihr Leben lassen mussten“, erklärte Burger und erinnerte an das im September edierte Buch, das die Lebensläufe der bisher bekannten Opfer aus Buchen und Umgebung auflistet, namentlich Leo Eschwig, Karl und Otto Fertig, Anna Herkert, Bertha Jung, Maria Emma Mehl, Hugo Basilius Menstell, Ida von Molitor, Gertrude Sophie Münch und Alfred Wittemann aus Buchen, Amalie Baumann und Marie Edelmann aus Götzingen, Ludwig Heinrich Waltenberger und Max Reber aus Hainstadt, Alois Bachert aus Hettingen, Elisabeth Geier aus Hollerbach, Berta Bechtold aus Rinschheim sowie August Johann Egenberger aus Waldhausen. Auch ihnen galt eine Gedenkminute.

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Coronabedingt konnte zwar Prof. Dr. Dr. h.c. Eveline Goodman-Thau aus Jerusalem (Präsidentin der Hermann-Cohen-Akademie) heuer nicht anwesend sein, doch verlas Bürgermeister Burger stellvertretend ihr den Satz „Mensch sein in schwierigen Zeiten“ erörterndes Grußwort. Am Beispiel des „heiligen Wegs“ nach Martin Buber definierte sie das ehemalige Beginenklösterle in der Obergasse als „Ort, an dem Juden und Christen gemeinsam forschen und nach der Wahrheit suchen“.

Jene Wahrheit als Tat sei die primäre Aufgabe des Judentum und „in der Gemeinschaft gedenkender Herzen zu wahren“. Nur so könne man das reine Menschsein in wahre Gemeinschaft verwandeln, in einem bewusst rückwärtsgewandten Blick die Zukunft fokussieren und auch den 9. November in Gemeinschaft begehen, um Hand in Hand den Gräueltaten zu gedenken und vielleicht auch die Corona-Krisensituation gemeinsam zu meistern.

Vor der Gedenkveranstaltung führten der 95-jährige Zeitzeuge Walter Jaegle und Stadtarchivar Tobias-Jan Kohler eine kleine Gruppe durch die an Buchener Jüdinnen und Juden erinnernde, mit Portraitaufnahmen des Buchener Fotografen Karl Weiß ergänzte Sonderausstellung „Kurz stillhalten, bitte!“ des Bezirksmuseums.

Professor Dr. Dr. h.c. Eveline Goodman-Thau gestaltete ein digitales Seminar für die Schulgemeinschaft des Buchener Burghardt-Gymnasiums. ad

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