75 Jahre Kriegsende - Der 30. und 31. März 1945 in Götzingen - Auszüge aus den Tagebuchnotizen des damaligen Zeitzeugen Max Henn / Pfarrer erlebte den Einmarsch der Amerikaner Als das Panzerrollen endlich die Erlösung ankündigte

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jm
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Götzingen. Vor nunmehr 75 Jahren, in der Karwoche 1945, durchlebte auch Götzingen schicksalsschwere Tage. Als nach tagelangen Rückzugsbewegungen der deutschen Wehrmacht am 30. und 31. März 1945 die Amerikaner Götzingen einnahmen, fragten sich die Menschen bange, was wohl in der nächsten Zeit auf sie zukommen wird. Das Tagebuch von Max Henn, von 1934 bis 1958 Pfarrer der Pfarrgemeinde St. Bartholomäus Götzingen mit der Filiale St. Hippolyth & Kassian in Rinschheim, gewährt aufschlussreiche Einblicke in die damaligen sehr prekären Umstände. Seine für das 1987 herausgegebene Götzinger Heimatbuch von Willi Biemer aufgearbeiteten Aufzeichnungen lassen erkennen, welche widrigen Verhältnisse damals herrschten. Nachfolgend daher einige Auszüge aus den Tagebuchnotizen eines Zeitzeugen über die schrecklichen Tage um das Ende des Zweiten Weltkrieges in der Gemeinde:

„Es wimmelte nur so von Militär“

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„Zum Ende der Karwoche wurde die Lage immer kritischer, das sich darbietende Bild immer düsterer, dunkler. Eine Witwe, Helferin bei einem Nachrichtenstab und für zwei Tage bei mir einquartiert, gestand: Von Frauen, die dabei sind, ist nur eine die rechtmäßige, die anderen sind irgendwoher mitgenommen worden, gehören nicht zur Truppe, werden aber mitverpflegt, sind aber nicht empfangsberechtigt, daher reicht es uns nicht bei der Verpflegung. Die Lage wurde immer hektischer, die Leute nervöser, die Verwirrung immer größer, die rückflutenden Truppen immer halt- und gehaltloser. ,Hoffentlich kommt der Ami bald’, war der einzige Wunsch bei Zivil und Militär. Am Gründonnerstag wimmelte es in meiner und vielen Hofreiten nur so von Militär. Zu 13. waren wir am Tisch, darunter Offiziersanwärter und Fähnriche.

Unter der Einquartierung meines Hauses war ein Speyrer Theologe, ein feiner Mensch. Lang saß ich abends mit ihm zusammen, wobei er mir von seiner Arbeit mit der Jugend in seiner Heimat und der Diözese berichtete. Später kam ein Arbeitsdienstmann, der um die Osterkommunion bat. Ebenso erbaten auch Soldaten die Osterkommunion, die für manchen sicher die letzte war. Am Gründonnerstag abends gegen 22 Uhr rückten die Mannschaften ab. Man sprach von Kämpfen bei Erbach, Aschaffenburg und Waldleiningen.

Am Karfreitag war es ein Durchströmen in Eile. Im Nähsaal unseres Schwesternhauses waren einige Mann untergebracht, die noch die Generalabsolution wünschten. Aber der Truppführer ließ es nicht zu, da höchste Gefahr im Anzug und daher Eile geboten war. Der wahre Grund war aber sein Hass gegen Kirche und Christentum. Mit dem Ziel Mergentheim/Jagst zogen sie weiter, dort sollte in neuen Stellungen der Feind aufgehalten werden.

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Die Lage war inzwischen schon so schlimm, dass die Filialisten aus Rinschheim und Bofsheim nicht mehr zum Gottesdienst kommen konnten. Trotzdem war die Kirche überfüllt. Wir hielten wie üblich unsere Betstunden. Bei der dritten Betstunde kommt der stellvertretende Ortsgruppenleiter mit der Meldung zum Pfarrer ,So eben hat es von Buchen telefoniert, Amerikaner zwischen Hollerbach und Buchen, es wird dort gekämpft. Schicken Sie die Leute heim!’. Das geschah auch sofort mit der Mahnung, Ruhe zu bewahren, sich nicht unnötig zu ängstigen, Gottvertrauen zu bewahren, Wertsachen, Kleider und Lebensmittel in Sicherheit zu bringen, Hoheitszeichen und derartiges verschwinden zu lassen. Auf 17 Uhr wurde die Pfarrfamilie zur Generalabsolution in die Kirche bestellt.

Später traf der Pfarrer nochmals mit dem stellvertretenden Ortsgruppenleiter zusammen, wobei er fragte ,Was wird geschehen? Werdet ihr so unklug sein und den Ort verteidigen?’. ,Wenn es Zeit ist, werden wir die weiße Fahne hissen’, war die Antwort. Inzwischen ging beim Rathaus ein großer Aktenstapel in Feuer auf. Noch war aber einer im Dorf, ein überzeugter Parteigenosse, der erklärte: ,Ich werde schießen, wenn der Ami kommt!’. Der Bürgermeister und ein sehr vernünftiger Major machten dem Mann klar, dass Schießen unnötig und höchst gefährlich für die Gemeinde sei.

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Bei den zuletzt abziehenden Truppen waren auch Offiziere eines Generalstabes, die noch einen feudalen Geburtstag feierten. Da hat es an nichts gemangelt. Da kamen Dinge zum Vorschein, die gewöhnlichen Sterblichen schon lange unbekannt waren, an Wein und Spirituosen war kein Mangel, ebenso auch nicht an Butter, Fleisch und Eiern, aber auch nicht an Betrunkenen, so dass einer fast im Ortsbächlein ertrank.

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Zu gleicher Zeit hatten wir für das seit 22. März 1945 in der Schule untergebrachte Kriegsaltersheim mit Insassen aus Mannheim kaum das Nötigste. Da wurde für drei Tage ein Lieferzettel der NSV (Nationalsozialistische Volksfürsorge) geschickt, der abgezeichnet werden sollte, aber Lebensmittel waren keine geliefert worden. Einmal wurde geliefertes Fleisch wieder abgeholt, es gab nichts zu beißen außer Lauch und Kartoffeln. Als der Pfarrer seine Gemeinde aufforderte, dem Heim etwas mit Lebensmitteln zu helfen, spuckte die NSV in Buchen große Töne ,Wir brauchen die Kirche nicht!’. Aber am Karfreitag rücke diese NSV in Buchen ab, nachdem sie sich zuvor noch gut eingedeckt hatte und viele Schulden hinterließ. Die alten Leutchen im Heim hätten gar manchen hungrigen Tag erleben müssen, wenn Pfarrei und Filiale sich ihrer nicht angenommen hätten. Sehr eigentümlich in diesem Al-tersheim ist das rasche Hinwegsterben der Leute gewesen, die keineswegs alle so gebrechlich waren. Als missbilligende Stimmen laut wurden und ein Wechsel der Pflegerin erfolgte, ließ die Sterblichkeit offensichtlich nach.

In dem Bewusstsein, die Gemeinde ist seelisch vorbereitet, die weiße Fahne wird gehisst und es wird nicht geschossen, schien mir eine innere Stimme zu sagen, es passiert nichts, und ich schlief ein. Um dreiviertelzwölf der Ruf ,Der Ami kommt!’, ich stehe auf, ein großes Geräusch wie von Panzern kommt näher, aber noch nicht ins Dorf. Man hörte ein länger anhaltendes Schießen. Wie nachträglich festgestellt werden konnte, hatten sich am Waldeck beim „Breiten Büschle“ die unsrigen verschanzt. Die Position der Unsrigen war gut gewählt, aber gegen die Übermacht war nicht anzukommen. Das Panzerrollen verlief sich wieder in der Ferne, der Pfarrer legte sich wieder zur Ruhe. Um 4.20 Uhr wurde es jedoch ernst, jetzt rollten vom von Buchen her Panzer ins Dorf. Von der Kirche bis zur „Breze“ standen Panzer und Spähwagen, zum Schluss Mannschaftswagen. Überall weiße Fahnen, auch an Schule und Rathaus. Am Karsamstagmorgen hisste die Gemeinde auch auf dem ihr gehörenden Kirchturm die weiße Fahne.

,Wir sind jetzt amerikanisch’, hörte man überall. Ein Aufatmen, Entspannung lag in den Gesichtern. Der Terror des tausendjährigen Reiches war zu Ende. Doch ,Was wird nun werden?’ war die große bange Frage. Ein frohes Osterfest mit herrlicher Auferstehungsfeier und festlichem Gottesdienst wurde gefeiert, eine überfüllte Kirche, bewegte Menschen befreit vom Alpdruck der letzten zwölf Jahre, sie wollten am hohen Osterfest Gott danken für seinen Schutz und Segen. Kaum je einmal brauste das ,Te Deum’ so mächtig durch das Gotteshaus.“

Soweit also Auszüge aus den Notizen von Pfarrer Max Henn. Sicherlich rufen diese Ausführungen bei älteren Einwohnern weitgehend „vergessene“ Erinnerungen wieder wach. Vergleichende Aspekte kommen interessanterweise auch jetzt bei Erörterung der den Alltag beeinträchtigenden Gegebenheiten der Corona-Krise mit älteren Mitbürgern öfters zur Sprache. jm