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Jubiläum 800 Jahre Wölchingen (Teil 3 und Schluss) - Landwirtschaftlicher Charakter geht nach dem Zweiten Weltkrieg immer mehr verloren

Strukturwandel trifft die Ortschaft Wölchingen hart

Im Jahr 1945 steht Wölchingen am Tiefpunkt. Die Ortschaft ist nach Königshofen die am zweitstärksten vom Zweiten Weltkrieg verwüstete Gemeinde im Landkreis Tauberbischofsheim.

Von 
Dieter Thoma
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Erntedankfest-Umzug im Jahr 1960: Erika Wolfert führt ein prächtiges Ochsengespann. © Schöfer/ Stadtarchiv

Wölchingen. Beim Wiederaufbau haben die Einwohner einen Vorteil: die Landwirtschaft. Hungernde Städter werden mit Sonder-Rationen versorgt, Extra-Baustoffe finden sich auf dem Schwarzmarkt. Neue Probleme bereiten Flüchtlinge und Heimatvertriebene, die Wohnraum brauchen.

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Wilhelm Reichert muss als Ratsschreiber auch den Bürgermeister-Dienst übernehmen: „Wölchingen wurden an einem Tage 51 Personen zugeteilt. Dann teilte das Landratsamt mit, dass keine Lebensmittelkarten vorrätig seien. So war ich gezwungen, die ganze Nacht solche handschriftlich auszustellen.“

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Das Kreisadressbuch von 1949 meldet für Wölchingen: Einwohner 1939: 452; 1949: 650. Davon sind 390 evangelisch und 260 katholisch. Das Verhältnis von Altbürgern zu Neubürger ist 72 zu 28.

Insgesamt nimmt der Ort 170 Heimatvertriebene auf. Drei große Feste wurden in Wölchingen in den 1950er Jahren begangen. So gab es neue Glocken für die evangelische Kirchengemeinde, danach auch neue Glocken für die katholische Kirchengemeinde. Im Juni 1954 feiert schließlich der Gesangverein Liederkranz sein 100-jähriges Bestehen.

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Industrieansiedlung scheitert

Zwar scheitern Versuche, in dem Ort Industrie anzusiedeln. Zum Erfolg wird jedoch die Nebenerwerbssiedlung auf dem Herrenberg. War die Bewohnerzahl von 1950 bis 1956 noch gesunken – von 637 auf 524–, so steigt sie bis 1965 auf 656 Einwohner.

Der Kreis verleiht den Philipp-Adam-Ulrich-Wanderpreis. Am 2. Oktober 1960 richtet Wölchingen ein glanzvolles Erntedankfest aus. Eines der letzten Feste im Kreis, das nochmals die ganze Spannbreite damaliger Landwirtschaft zeigt: vom Sämann, der mit Hand sät, bis zur modernen Sämaschine, vom Ochsengespann und Pferdefuhrwerk bis hin zu den neuesten Traktoren. 1961/63 findet eine umfangreiche Kirchenrenovierung statt. Für eine Heizung wird der Fußboden aufgegraben. Überall stößt man auf Skelette. Chorgestühl, Orgel, Altar und Kanzel werden erneuert, die Hochkanzel entfernt. Der Kirchturm erhält Uhrwerk und Zifferblätter. Valentin Feuerstein schafft für die Kirche farbenprächtige Kirchenfenster. Bei der großen Schul-, Gemeinde- und Verwaltungsreform ist Wölchingens Bürgermeister Reichert ein klarer Gegner. Doch die Wölchinger stimmen mit über 75 Prozent für den Gemeinde-Zusammenschluss.

Am 20. November 1972 werden die Verträge zur Neubildung der Stadt Boxberg unterzeichnet. Reichert lässt sich extra holen; mit den „Verrätern“ seines Gemeinderats will er nicht fahren. So bekommt Wölchingen auch keine Ortschaftsverfassung, kann keinen Ortschaftsrat wählen. Erst seit 1992 bilden die Wölchinger Vertreter im Gesamt-Stadtrat eine Ortsvertretung. In den 1970er Jahren erlebt Wölchingen einen umfassenden Ortsstraßen-Ausbau mit Kanalisierung. Uralte Häuser verschwinden. Beim Rathaus-Ausräumen gehen Gemeindeakten, Bücher und die Feuerwehreimer verloren.

Bahnhof wird geschlossen

1975 feiert man die Elektrifizierung der Bahnstrecke Heilbronn-Würzburg. Zehn Jahre später wird der Bahnhof geschlossen, der Personennahverkehr eingestellt. Erst seit Dezember 2019 halten wieder Personenzüge – vorerst nur „auf Probe“. Im Juni 1984 findet das erste Bürtleins-Fest statt. Für zwei Jahrzehnte wird es zum Wölchinger Hauptereignis, das gemeinsame Dorffest unter den mächtigen schattenspendenden Bäumen. Im September 1985 wird das Feuchtgebiet „Äußeres Ried“ als 22,5 Hektar großes Naturschutzgebiet ausgewiesen – ein „Filetstück“ des wald-, wiesen- und wasserreichen Wölchingen. Der landwirtschaftliche Strukturwandel trifft die Ortschaft heftig – Beispiel Milchviehhaltung. 1933 wird die öffentliche Milchsammelstelle im Rathaus eingerichtet. Wölchingen meldet 213 Kühe: 79 zur „Milcherzeugung“, 126 „für Milch und Arbeit“. 1950 erfolgt der Neubau der Sammelstelle neben dem Rathaus. In der Gemeinde sind 53 Milchkühe sowie 133 Kühe für Milch und Arbeitseinsatz. Die Sammelstelle hat 72 Milcherzeugungsbetriebe. 1989 sind es nur noch fünf Betriebe und das Milchhäusle, früher Ortstreffpunkt, wird geschlossen. Bis 2005 verschwindet die letzte Milchkuh aus Wölchingens Ställen.

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Schwere Unwetter treffen am 24./25. Juli 1989 das Umpfertal. Der Bach reißt Straßendecken weg, überflutet Häuser und Lagerräume. Zum Hochwasserschutz ist inzwischen ein Damm an der Schwemm angelegt, das Bachbett der Umpfer ausgebaggert. Sorgen bereiten derzeit das Eschensterben und die Biber-Aktivitäten. Zu Pfingsten 1992 findet zum Jubiläum „800 Jahre Johanniter“ ein großer Festgottesdienst statt.

1996 erlebt der „Frankendom“ eine weitere Renovierung. Seit 2018 ist das Gotteshaus auch offiziell „Radwege-Kirche“.

Im Juni 1996 feiert die Freiwillige Feuerwehr Wölchingen ihr 50-jähriges Bestehen, das letzte große Fest an der Schwemm. 2006 fusioniert sie mit der Boxberger Wehr.

Im Juni 2004 begeht der Liederkranz sein 150-Jahr- Jubiläum in der Umpfertalhalle; im Herbst muss er aber das öffentliche Singen einstellen. Zum Jubiläum wird das Rathaus renoviert, äußerlich mit dem Ortswappen geschmückt, innen ausgebaut.

Gemeindegrenze verlegt

In den 1970er Jahren wird die Leimengrube als Neubaugebiet erschlossen und bald bebaut. In den 1990er Jahren folgt das Areal im Parkweg. Boxberg und Wölchingen wachsen zusammen. Im Parkweg muss die Gemeindegrenze verlegt werden, damit sie nicht ein Wohnhaus teilt. Ab 2000 wird das Neubaugebiet in den Gützäckern erschlossen und bebaut. Hier entsteht ein ganz neuer Ortsteil. Veränderungen bringt auch das Zukunft- und Entwicklungskonzept „Leader“, an dem Wölchingen derzeit teilnimmt.

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